Auf Karten wetten

Warum man beim Pokern auch ohne Fehler verliert.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe Februar 2024

Poker ist ein merkwürdiges Spiel. Je länger man sich damit beschäftigt, umso unsicherer wird man, ob es überhaupt Spaß macht. Da wäre einmal die Sache mit dem Geld. Natürlich kann man auch ohne Einsätze nur um Chips oder Streichhölzer pokern. Sozusagen die familienfreundliche Variante dieses amerikanischen Spiels schlechthin, das in den Saloons des Wilden Westens tatsächlich meist mit geladenem Revolver als Rückversicherung gegen Betrüger gezockt wurde. 

Nur: Ohne Geld, das auf dem Spiel steht, macht Poker überhaupt keinen Spaß. Egal, ob man altmodischen Draw-Poker mit ausschließlich verdeckten Karten spielt, das seit Jahrzehnten dominierende Texas Hold’em mit den zwei verdeckten und fünf Gemeinschaftskarten, oder gar das hintergründige Omaha: Poker ist seiner Natur nach kein Karten-, sondern ein Wettspiel. Und wetten hat eben nur Sinn, wenn das, worum gewettet wird, für die am Spiel Beteiligten einen Wert darstellt.

Zweitens wäre da die Sache mit dem Glück: Während Poker vom Staat, Anti-Spielsucht-Beauftragten und besorgten Eltern in der Regel als Musterfall des gefährlichen Glücksspiels betrachtet wird, sind seine Anhänger durch und durch überzeugt davon, dass es dabei primär um Können geht.

Lustigerweise haben beide Seiten Unrecht. Die Skeptiker, weil sie ignorieren, dass man Poker schon sehr gut (vor allem aber: sehr schlecht) spielen kann. Und die Enthusiasten, weil sie die mathematische Tatsache übersehen, dass es hunderttausende oder gar Millionen gespielte Hände dauern kann, bis sich der bessere Spieler gegen den dem Spiel innewohnenden hohen Zufallsfaktor durchsetzt. Während Vollzeit-Profis, sofern sie konstant besser als ihre Konkurrenz spielen, also tatsächlich ihren jährlichen Profit schätzen können, machen sich die Millionen Gelegenheitsspieler, die im Poker-Boom der Nullerjahre via Fernsehen Texas Hold’em gelernt haben, in aller Regel nur vor, sie könnten das Glück erzwingen.

Wie auch der Autor dieser Zeilen, der als Vorbereitung auf diese Kolumne ins Casino ging und bis drei Uhr früh am Pokertisch ausharrte – nur um mit einem satten dreistelligen Minus und der Überzeugung den Heimweg anzutreten, er habe eigentlich keine Fehler gemacht. Wie gesagt: Poker ist ein merkwürdiges Spiel.•

Spiel: Poker · Entstehung: um 1830 in New Orleans · Spielmaterial: Deck mit 52 Karten zu 63×88 mm.