Gamification in Snacktopia

Salzgurken, Zombiechips und andere Herausforderungen im Automatenrestaurant.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe Februar 2024

Der beißende Geschmack der riesigen Salzgurke (6,20 Euro, Marke ›Hot Mama‹, verpackt in einer bunten Quetschtube), ist so ›disgusting‹, wie einer der jungen Männer neben mir bereits vermutet. Ich esse sie trotzdem, alles für die Forschung.

Snackautomaten-Läden sind das letzte Stadium automatisierter Lebensmittelindustrie. Sie sind durchgehend geöffnet und verkaufen schnelle Genüsse: Süßigkeiten, Softdrinks, Alkohol, Tabakwaren, Sex-Toys und USB-Kabel.

Besondere kulinarische Vielfalt bietet der 24/7-Shop in Wien-Neubau. Er wirbt bereits auf der elektronischen Außentafel mit Takis. Das sind mexikanische Tortilla-Chips mit Tiktok-Produktplatzierung in Form von Challenges (wer bringt das Zeug runter?).

Die Kunden im Automaten sind an diesem Samstagabend zu hundert Prozent jung und männlich und zu fünfzig Prozent Jogginghosenträger. Mein Kauf (22 Euro) bringt mich auf Platz 3 der Verkaufscharts (Platz 1: 23 Euro). Der Bezahlvorgang wird mit einer lauten Techno-Siegermelodie und meinem Namen auf der Anzeige gewürdigt.

Gamification in Snacktopia. Die salzigen Fuego-Lutscher in Chili-Paprika-Pulver sind scharf-ungenießbar. Als 90s-Kid erinnere ich mich nostalgisch an die Kaugummi-Marke Centershock, die ähnliche Effekte erzielte. Auch Takis-Zombie-Tortillachips (Limette? Wasabi?) schmecken, als würde man Tequila von einem dreckigen Tresen lecken. Da kommen zwei 500ml-Tetrapacks Limonaden (Wassermelone und Bubblegum) gerade recht. Ich runde mein Junk-Menü mit einer Packung Peanut Buttercups ab, da der bereits bezahlte Schokoriegel in der Maschine liegen bleibt. Aha, doch nicht so effizient, der Automat. 

Im Automatenladen Alladean (›Immer für deine Wünsche offen‹) in der Innenstadt gibt es weiteres Challenge-Food. ›Hot Mama‹-Salzgurken oder in Metalldosen abgefülltes Leitungswasser der US-Marke ›Liquid Death‹ (Slogan: ›Murder your thirst‹, Umsatz 2022: 130 Millionen US-Dollar). Ach seltsame, neue Warenwelt, sie sättigt nicht, mir ist schlecht und vielleicht bin ich zu alt für ihre Cheap Thrills. Jedenfalls muss ich erst einmal verdauen, auf meiner Couch, mit einer allerletzten Packung gewöhnlicher Maltesers.•

24/7 Shop · Urban-Loritz-Platz 8/1 · 1070 Wien