Das Grauen im Hintergrund

Der polnische Fotograf Patryk Jaracz zeigt in seinem preisgekrönten Bild aus der Ukraine, wie der Krieg Kindheiten prägt.

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Fotografie:
Patryk Jaracz
DATUM Ausgabe Februar 2024

Auch so können Kriegsfotos aussehen: Die fünfjährige Alina lernt gerade Fahrradfahren, während ihr zwei Freundinnen dabei hinterher­laufen. Die grüne Wiese neben dem Dorf Birok im Nordwesten der Ukraine wirkt idyllisch, nur gestört von einer dunklen Rauchwolke dahinter. In der Nacht zuvor hatte ein Drohnenangriff ein nahegelegenes Öl-Depot in Brand gesetzt. Nicht weit von hier standen auch schon Wohnhäuser und Schulen in Flammen.

Der Fotograf dieses Bildes, Patryk ­Jaracz, stammt ursprünglich aus Polen, lebt aber mittlerweile in Kiew, um von dort aus den Ukrainekrieg und seine Folgen abzulichten. Mit dem Foto der fünfjährigen Alina hat er letztes Jahr den UNICEF-Preis für das beste Foto des Jahres gewonnen. Eine Jury hatte es gemeinsam mit anderen Fotografien seiner Bildreihe ›Ukraine – Under the dark Clouds of War‹ auf den ersten Platz gewählt.

Dafür bei der Jury vorgeschlagen hatte ihn Markus Seewald. Der freie Fotoredakteur mit Arbeitssitz in Amsterdam unterrichtet nebenbei an deutschen Hochschulen Fotojournalismus und war zufällig via Instagram auf Jaracz’ Arbeit gestoßen. ›Bei dem Foto bin ich hängengeblieben‹, sagt Seewald im Telefoninterview. Er habe es vorgeschlagen, ›weil es das Grauen des Krieges auf eine subtile Art transportiert‹.

Bilder der Zerstörung gebe es viele. Die seien auch wichtig. ›Aber wenn ich Fotos von Leichen sehe, passiert bei mir gar nicht so viel, weil es für mich surreal ist‹, sagt Seewald. Wie er hätten die meisten Menschen noch nie einen zerfetzten Körper gesehen.

Die Fotos von Jaracz hingegen funktionieren anders. Fast alle Menschen haben Fahrradfahren gelernt. Die gezeigte Szene haben viele von uns zwar anders, aber doch selbst ­erlebt. Und ganz allgemein seien die meisten Elemente des Bildes positiv konnotiert. Fröhliche Kinder, ein Fahrrad, Blumen in einer Sommerwiese. ›Der Horror dieses Bildes kommt erst mit der Rauchwolke und dem Kontext des Kriegs‹, sagt Seewald, ›wir sehen im Grunde, wie ­gerade Kinder traumatisiert werden‹. Das sei ein Foto, das Redaktionen nicht in Auftrag geben könnten.

Was die Bildreihe von Jaracz außerdem von anderen Kriegsbildern abhebt, ist die Darstellung seiner Protagonisten. Vor allem Kinder bilde er laut Seewald immer mit Respekt und Würde ab. Klassisch und stereotyp wären Fotos von oben herab, die ­Kinder klein und als Opfer darstellen. ›Jaracz ist immer auf Augenhöhe‹, sagt Seewald. Der Fotograf zeige damit nicht die Perspektive der Erwachsenen, sondern die der Kinder, weil wir sehen, was auch sie sehen würden. ›Wir haben dadurch das Gefühl, wir würden mitspielen, wir sitzen bei dem Foto auch auf diesem Fahrrad.‹ Eine Kunst, die nicht viele Fotografen beherrschen – und die Jaracz ein preisgekröntes Bild beschert hat.  •

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