Der Hyper-Pragmatiker

Lothar Lockl hat im Umfeld der Grünen Karriere gemacht. Seine Wahl zum Vorsitzenden des ORF-Stiftungsrats war bereits per ›Sideletter‹ ausgehandelt. Wie ist er mit dieser Packelei durchgekommen?

DATUM Ausgabe Juli/August 2022

Doch, sie haben einst auch ›Lolo‹ zu ihm gesagt. Und zwei Freunde nennen ihn immer noch so. Auch wenn der Spitzname seiner Jugend heute so unpassend für Lothar Lockl wirkt, als würde er in einem schweren Diesel-SUV durch die Innenstadt kutschieren. Doch als ›begeisterter Bahnfahrer, Radler, Spaziergänger und Wanderer‹ – das alles stellt er der Fahrzeug-Antwort voran – fährt der 53-Jährige, wenn er schon ein Auto lenken muss, imagegerecht einen ID.3, den ersten reinen Elektro-Pkw von VW. Ein Modell der Kompaktklasse. Ziemlich eng für den kantigen 1,94-Meter-Mann, von dem es kaum öffentliche Bilder ohne Anzug gibt. Ein Pragmatiker jenseits langjähriger grüner Auftrittsklischees, die Personifizierung von kontrollierter Effizienz und ›In der Ruhe liegt die Kraft‹. Seit 19. Mai ist er Vorsitzender des ORF-Stiftungsrats. 

Das kann im Zweifel sogar vier Jahre lang spannender werden, als diesen Herbst ein zweites Mal Präsidentenmacher zu sein. Die Beratung von Alexander Van der Bellen gibt Lockl auf. Denn das ehrenamtliche Strippenziehen in der öffentlich-rechtlichen Rundfunk-Trutzburg auf dem Wiener Küniglberg gehört zu den letzten wirklich großen Abenteuern für einen, der Erfahrungen zwar gründlich sammelt, aber statt Erfolgswiederholungen lieber Neuland betritt. Die dafür notwendige Trittsicherheit des deklarierten Medien-Junkies entsteht aus einer schier unerschütterlichen Kommunikationsdisziplin vom Nichtssagen bis zum Weichspülen. Eine Teflon-Rhetorik, die fundierte Kritik wie persönliche Angriffe nahezu wirkungslos abperlen lässt. Schon im Zuge von ›VdB wird UHBP‹ 2016 hat ihm sogar Herbert Kickl vor laufender ORF-Kamera Tribut gezollt: ›Zuerst möchte ich dem Herrn Lockl ein Kompliment für seine sachlich gute Kampagnenarbeit machen. Er ist ein guter Mann.‹ Das weiß er zweifellos auch selbst, aber er lässt sich kaum dabei erwischen, dass es als Eitelkeit aufblitzt. 

Wenn es dennoch geschieht, entlarvt es nicht nur ihn, sondern auch innerparteiliche Verhältnisse. Paul Schuierer-Aigner, Pressesprecher der grünen Innsbrucker Stadträtin Uschi Schwarzl, geißelte eine Selbstbeschreibung auf der Website von Lockl & Keck via Twitter als ›Peak peinlich‹: ›Lothar ist Universalstratege, Keynote-Speaker, Präsidentenmacher, Medienprofi. Er hat ein einmaliges Gespür dafür, was Menschen begeistert, glaubt ans Unmögliche und macht es dann möglich.‹ Der ›Präsidentenmacher‹ ist mittlerweile gelöscht. Die Missbilligung der Selbstüberhöhung entsprang aber ohnehin keiner entscheidenden Zielgruppe.  Dass sein Stiftungsrat-Mandat längst per türkisgrünem Sideletter ausgehandelt war, hat seiner Wahl genau gar nicht geschadet. Ohne Gegenstimme, nur eine Enthaltung (ja, vom blauen Gesandten): Mehr Vertrauensvorschuss geht kaum. Und das, obwohl eine Expertenallianz von Verfassungsjuristen bis zum Redakteursrat einhellig einen glatten Rechtsbruch hinter solch paktierten Bestellungen ortet. Schon in §1 des ORF-Gesetzes ist die ›Sicherung der Objektivität und Unparteilichkeit … sowie die Unabhängigkeit von Personen und Organen des Österreichischen Rundfunks‹ festgeschrieben. Die Grünen haben mit der Plakatkampagne ›Wen würde der Anstand wählen?‹ den Wiedereinzug ins Parlament geschafft. Wie also kommen sie und ihr Stiftungsratsvorsitzender mit dieser ORF-Packelei durch?  

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