Die Stille der Meiler

150 Kilometer von Wien steht das Atómové elektrárne Mochovce. Ende des Jahres soll ein weiterer Reaktor ans Netz. Eine Recherche im Sperrgebiet.

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Mitarbeit:
Laura Fischer
DATUM Ausgabe November 2019

Zuerst sieht man die Strommasten. Vier graue Stahlpfeiler ragen in den ebenso grauen Himmel. Kilometerweit laufen die Leitungen parallel zu den Feldern, kreuzen die eine Straße, die einzigen Gleise. Sie laufen über Tankstellen und Plattenbauten, über Traktoren und vorbeispazierende Schulkinder hinweg. Folgt man ihnen, erscheint ihr Ursprung erwartet und doch plötzlich am Horizont : vier Betonzylinder, über 40 Meter hoch, wie schwebend hinter einer Baumgruppe. Unwirklich und fern, so scheinen und bleiben die Meiler – bis man davorsteht und den Kopf in den Nacken legen muss. 

Steht man vor dem Atomkraftwerk von Mochovce und denkt darüber nach, was man da sieht, dann schwingen 40 Jahre Diskussionen mit. Die Frage danach, ob das Kraftwerk sicher und sinnvoll ist, wird von der einen, der slowakischen Seite, mit ja, von der anderen, der österreichischen, mit nein beantwortet. Doch die Art und Weise, wie diese Frage gestellt wird, hat sich seit dem Baubeginn 1983 vollkommen geändert. Während früher oft auf Energiesicherheit, Innovation und staatliche Souveränität verwiesen wurde, wird heute gerne mit der Bewältigung der Klimakrise argumentiert. Der Beton und der Stahl, die Kontrollräume und Sicherheitskameras, der meterhohe Stacheldrahtzaun und die Strommasten sind geblieben. Seit 40 Jahren stehen die vier Betonzylinder hier, zwischen Zuckerrüben und Maisfeldern, zwischen zwei 500-Seelen-Dörfern.

In Österreich ist die Opposition gegen die Erzeugung von Atomstrom auf eigenem Staatsgebiet zu einem Teil der Nationalidentität geworden. Seit die Proteste gegen die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf in den 1970ern eine breite Anti-Atom-Bewegung ausgelöst haben, seit die vom damaligen Kanzler Bruno Kreisky initiierte Volksabstimmung 1977 mit 50,5 Prozent gegen Zwentendorf entschieden hat, seit dem Atomsperrgesetz von 1978 und endgültig seit dem Verfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich, das 1999 einstimmig im Parlament beschlossen worden ist, ist in Österreich allgemeiner Konsens, was jahrzehntelang auf den Pickerln der Demonstranten stand : Atomkraft, nein danke. Deshalb streitet man fast durchgehend mit dem östlichen Nachbarn. 1983, als in Mochovce zu bauen begonnen wurde, trennte noch der Eiserne Vorhang Europa. 1986, nach der Katastrophe von Tschernobyl,  fuhren österreichische Studierende in die Slowakei, um Flugblätter zu verteilen, 1994 kritisierte Global 2000 die EU-Finanzierung für das Kraftwerk, 2001 erregte die Krone die Gemüter mit ihrer Kampagne gegen das tschechische Kraftwerk Temelín, 2007 verteidigte die slowakische Regierung den Weiterbau Mochovces gegen österreichischen Widerstand, 2019 nannte Umweltministerin Elisabeth Köstinger eine internationale Prüfung › Etappensieg ‹. Fortsetzung : sehr wahrscheinlich.

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