›Ein explosiver Moment in der Geschichte‹
Michael Ignatieff war Politiker in Kanada und Uni-Rektor in Ungarn. Mit datum spricht der Historiker über Trumps Verrat an der Ukraine, die vermeintliche Schwäche der EU und die Zeitenwende in seiner Heimat.
Es ist vielleicht ungewöhnlich, aber ich möchte mit Ihrer eigenen Familiengeschichte beginnen: Ihr Urgroßvater war Innenminister von Zar Alexander II. und als Gesandter in Konstantinopel eine zentrale Figur der imperialistischen Expansionspolitik Russlands. Ihr Großvater war der letzte Unterrichtsminister von Zar Nikolaus III. zum Zeitpunkt der Oktoberrevolution. Er war für seine liberalen Ansichten und progressive Politik bekannt, wurde deshalb von den Bolschewiken verschont, konnte fliehen und gelangte letztlich nach Kanada. Ihr Vater war einer der prägenden Diplomaten Kanadas nach dem Zweiten Weltkrieg und Teil der multilateralen Friedensordnung der vergangenen Jahrzehnte. Sie selbst gehören zu den 68ern, waren liberaler Politiker und haben den neuen illiberalen Geist in Ungarn zu spüren bekommen, als Sie mit der Central European University aus Budapest gedrängt wurden. Was erzählt uns die Geschichte von vier Generationen Ignatieff?
Michael Ignatieff: Eine Möglichkeit, das zu beschreiben, wäre, dass sich die Geschichte im Kreis dreht – jedenfalls aber zeigt sich, wie hartnäckig und stur sie ist. Mein Urgroßvater war russischer Imperialist, besaß Güter in der Ukraine, doch die Menschen dort bezeichnete er als ›kleine Russen‹. Und es besteht kein Zweifel, dass Wladimir Putin genau diese imperialistische Haltung gegenüber der Ukraine verinnerlicht hat. Das russische Staatsprojekt war immer ein imperialistisches Projekt, und es gehört zu den großen Tragödien, dass dieses Land, das so fantastische Beiträge zur europäischen Kultur geleistet hat, nie Teil der europäischen Freiheit werden konnte.
Ihr Vater schrieb Memoiren mit dem Titel ›The making of a peacemonger‹. Er nannte sich einen ›Friedenstreiber‹ als Gegenteil eines Kriegstreibers. Der absolute Pazifismus wirkt heute gerade in Europa etwas naiv. Würde er sich in der heutigen Situation auch so bezeichnen?
Das kann ich nicht für ihn beantworten, er starb im Sommer 1989 wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer. Aber eines weiß ich: Mein Vater wusste über totalitäre Regimes Bescheid und auch, dass man Frieden sichert, indem man sich auf den Krieg vorbereitet. Putin zum Beispiel versteht keine andere Sprache, man kann nicht mit ihm aus einer Position der Schwäche verhandeln. Putin dachte, wenn seine Soldaten großflächig in die Ukraine einmarschieren, werden die ukrainischen Eliten in ihren Mercedes-SUVs in den Westen fliehen. Doch er traf auf ein Land, das bereit war, für seine und unsere Freiheit zu kämpfen und zu sterben. Und es macht mich wirklich traurig und betroffen, dass nun Friedensverhandlungen zwischen Russland und den USA geführt werden, bei denen die Ukraine verkauft und verraten wird. Es kam zwar schon öfter vor, dass die USA ihre Verbündeten im Stich ließen, aber dieser Verrat war von einer Dimension, die ich noch nie zuvor gesehen habe.

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