Schweine im Schnee

Vor zehn Jahren vergruben Wissenschaftler 29 lebende Tiere – und lösten einen Medienskandal aus. Was ist damals wirklich passiert?

DATUM Ausgabe Februar 2020

Die Sonne schafft es erst am Nachmittag nach Vent. Es ist der letzte Ort im gleichnamigen Tal, welches vom größeren Ötztal abzweigt, hundert Kilometer von Innsbruck entfernt, für die man mit dem Auto aber fast zwei Stunden braucht. Kirche, Supermarkt, Skischule, dazu vier Hütten und zwei Almen im Ortsgebiet. 150 Einwohner, 800 Touristenbetten, die meisten besetzt von jenen, die im angrenzenden Ski-Mekka Sölden auf die Piste wollen. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass vor zehn Jahren Proteste, Medienrummel und eine Bombendrohung diese Straßen beherrschten – und all das wegen 29 Schweinen. 

Als Markus Pirpamer Ende des Jahres 2009 zum ersten Mal vom Zweck des Tierversuchs hörte, kamen sofort Erinnerungen zurück : Das anstrengende Ausgraben von Lawinenverschütteten, die dann trotz stundenlanger Reanimation leblos blieben; Frauen, die plötzlich alleine mit ihren Kindern auf abgelegenen Höfen zurückblieben. Die Wissenschaftler sagten dem Ortsstellenleiter der Bergrettung Vent, dass durch ihren Versuch die Möglichkeit bestehe, den Lawinenopfern besser helfen zu können. Pirpamer verstand sofort und suchte nach einem passenden Ort für das Experiment : Hier, auf knapp 2.000 Metern Höhe mit entsprechender Schneelage, Luftdruck und Sauerstoffgehalt könne man viel näher an die Bedingungen einer realen Lawinensituation herankommen, sagten ihm die Forscher. Im Labor sei so etwas un­­mög­lich nachzustellen. 

Will man einen offiziellen Tierversuch machen, führt kein Weg an einem Projektantrag und der Ge­nehmigung durch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung vorbei. Eine wissenschaftliche Einordnung, die genaue Anzahl der Tiere und eine Schaden-Nutzen-Analyse sind Teil des Antrags. Außerdem müssen die Versuchsleiter den Schweregrad bestimmen und eine Begründung vorlegen, weshalb es keine Alternativen zu den jeweiligen Tests gibt. So ist in Österreich zum Beispiel das Testen von Kosmetika an Tieren seit 2013 nicht mehr erlaubt. 2019 registrierte das österreichische Kuratorium für alpine Sicherheit 101 Lawinenunfälle. 22 Menschen star­ben dabei. Ist es legitim, diese Leben mit 29 Schwei­neleben abzuwägen ? Schweine haben einen sehr ähnlichen Wärmehaushalt und Stoffwechsel wie Menschen. Neben Transplantationsmedizin, Diabetesforschung und Untersuchungen zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden sie also auch in der Lawinenforschung eingesetzt. Im Falle von Vent bewilligte das Ministerium den Antrag.

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