Von weißen Elefanten und roten Gfriesern

Die Regierung steht vor einem Wechsel – und damit auch der ORF. Die ÖVP hat schon einen Plan.

DATUM Ausgabe Oktober 2017

Wolfram Pirchner ist nicht der harmlose Nachmittagsonkel, die schrullige Witzfigur, als die er in der ORF-Satiresendung ›Willkommen Österreich‹ dargestellt wird. Anfang September – es ist keine 48 Stunden her, dass sein Dienstvertrag mit dem ORF nach 37 Jahren geendet hat – moderiert Pirchner das 65-Jahr-Jubiläum des Seniorenbundes, quasi der ganz alten Volkspartei. Sebastian Kurz, Chef der neuen Volkspartei, schaut bei den Alt-Schwarzen vorbei, muss aber leider bald weiter, ›zum O.R.F.‹, wie Pirchner es betont. Dann sagt Pirchner noch: ›A den wer ma umdrahn.‹

Wird Sebastian Kurz Bundeskanzler, wird sich im öffentlich-rechtlichen Rundfunk viel tun. In den von mehreren Zeitungen veröffentlichten Strategiepapieren, mit deren Hilfe er sich auf die Übernahme der ÖVP und den Wahlkampf vorbereitet haben soll, heißt es: ›Weniger Einfluss politischer Parteien auf den ORF.‹ Würde man das glauben, wäre dieser Artikel hier gleich wieder zu Ende. Wahrscheinlicher ist, dass ein Diktum des legendären ORF-Intendanten Gerd Bacher immer noch seine Gültigkeit hat: ›Die Politiker interessiert nicht, wie es dem ORF geht, sondern nur, wie es ihnen im ORF geht.‹ Heute kann man hinzufügen: Das stimmt nur so lange, bis der ORF ihnen nicht mehr genug Macht verheißt.

Leitner sprach über seine Bekanntschaft mit Kern. Keiner interessierte sich dafür.

Warum sonst sollte die neue alte ÖVP den ORF anschießen, wo es nur geht? Im Fokus der Kampagne steht Tarek Leitner, beim Publikum beliebtester und bis zum Sommer parteipolitisch nicht exponierter ›Zeit im Bild‹-Moderator. 2015 machten seine Familie und die von Christian Kern gemeinsam Urlaub. (Kern war da noch ÖBB-Boss, mittlerweile ist er Bundeskanzler und SPÖ-Vorsitzender.) Trotzdem nahm Leitner das Angebot an, die Parteichefs in den ›ORF-Sommergesprächen‹ zu interviewen und die ›Konfrontationen‹ der Spitzenkandidaten anlässlich der Nationalratswahl zu moderieren.

Er ergriff die Flucht nach vorne und erzählte in zwei Interviews von seiner Bekanntschaft mit dem Kanzler. Niemand interessierte sich dafür. Bis zum ›Sommergespräch‹ mit Sebastian Kurz, das eher frostig verlief. Am 2. September, zufällig dem Tag, an dem Wolfram Pirchner seine Wut auf den ORF nicht mehr hinter einem Lächeln verbergen kann, husst die ÖVP die Tageszeitungen gegen Leitner auf. Fast alle spielen mit, nicht, weil – wie die SPÖ glaubt – sie Kurz hörig wären, nicht nur, weil – wie der ORF glaubt – die Verlage immer gerne den gebührenfinanzierten Konkurrenten hauen, sondern auch, weil die Story Klicks bringt. Ein paar Stunden später legt die ÖVP mit einer erfundenen Geschichte nach. Klick, klick, klick.

Über die medienethischen Aspekte der Geschichte wurde schon genug geschrieben. Nur so viel: Es ist eine wichtige Debatte über Nähe und Distanz, die Journalisten mit ihrem Publikum führen sollten. Was der damalige ORF-Informationsdirektor Elmar Oberhauser 2007 in einem ›Falter‹-Interview sagte, galt schon zu jener Zeit nicht mehr: ›Die Grenze ist überschritten, wenn man sich missbrauchen lässt. Ich lass mir von niemandem vorschreiben, mit wem ich hock, mit wem ich sauf, mit wem ich rauch.‹

Attacken gegen den ORF sind nichts Neues. Jörg Haider wiederholte zwanzig Jahre lang ›Rotfunk‹ und ›Privilegienritter‹ so oft wie sonst nur ›Ausländer‹ und ›Kriminalität‹. Auch dem damaligen ÖVP-Klubobmann Andreas Khol ging es bei der Novellierung des ORF-Gesetzes 2001 vor allem darum, dass ›die roten Gfrieser nicht alleweil aus dem Kastel schauen‹. Jetzt macht auch noch Peter Pilz mit und sagt über den ORF: ›Nach der Wahl wird dort radikal aufgeräumt.‹ Weil ORF-Chef Alexander Wrabetz ihn im Wahlkampf viel seltener als die Kandidaten der Nationalratsfraktionen auftreten lässt. (Dabei käme Wrabetz die Liste Pilz im Stiftungsrat sicher gelegen, würde sich deren Vertreter doch tendenziell dem linken Freundeskreis dort anschließen.)

Am heftigsten griff heuer aber die ÖVP den ORF an. So empfinden es zumindest viele langgediente Führungskräfte am Küniglberg. Vermutlich wurde der schwarze Marschbefehl schon vor einem Jahr ausgegeben – Wrabetz hatte nach seiner Wiederwahl zum Generaldirektor keinen einzigen Direktor berufen, der mit einem ÖVP-Ticket auf der Karriere-Hochschaubahn fährt. (›Ticket‹ nennt man im ORF die Zuschreibung, welcher Fraktion jemand angehören soll; man kann es freiwillig lösen oder bekommt es verpasst; es hat dabei nicht immer mit der tatsächlichen Weltanschauung der jeweiligen Person zu tun.) Die ständige, vehemente Kritik an der Interviewführung Armin Wolfs gehört da natürlich zur Kampagne der ÖVP. Nur die Aufregung darüber, dass der ›ZiB 2‹-Moderator Stunden gebraucht hat, bis er sich beim scheidenden Vizekanzler Reinhold Mitterlehner für das Bild des ›Django‹-Filmes ›Die Totengräber warten schon‹ entschuldigte, die war echt – vielleicht, um sich vom schlechten Gewissen abzulenken, was man schon wieder einem eigenen Parteichef angetan hatte.

Es geht um Macht. Und, wenn man das Anstreben und Ausüben von Macht böse findet, gibt es keine ausschließlich Guten in dieser Geschichte. (Nein, nicht einmal die Grünen, nicht einmal die Neos.) Eine Milliarde Euro an Steuergeld und Gebühren fließt jedes Jahr in den nationalen Medienmarkt. Die jeweils Regierenden versuchen, sich über diese Kanäle Einfluss zu sichern.

Was hat Sebastian Kurz vor? Wahrscheinlich plant er, das ORF-Gesetz zu ändern, wie es der letzte ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel tat. Aus dem Team Kurz hört man dazu Folgendes: Bisher hing der Erfolg eines ORF-Chefs davon ab, ob die Politik in Bund und Ländern mit ihm zufrieden war. In Zukunft solle dieser davon abhängen, wie es dem Unternehmen betriebswirtschaftlich geht. Also nicht länger ›Die Schwarzen müssen im Bild sein‹, sondern ›Die Zahlen müssen schwarz sein‹. Guter Plan! Fragt sich nur, warum man dafür zuerst den Küniglberg sturmreif schießen musste. Oder will Kurz den ORF zurechtstutzen, also verkleinern, damit dieser, sollte er wieder den Roten in die Hände fallen, ein weniger wirksames Machtinstrument wäre? ›Ich bekenne mich klar zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen und zu österreichischem Programm‹, schrieb Kurz’ potenzieller Medienminister Gernot Blümel im Sommer an den Standard. Das kann man so deuten: ORF 1 wird wohl nicht privatisiert – welchen Marktwert hätte der Sender heute auch noch, außer Platz eins auf vielen Fernbedienungen.

Oder will Kurz den ORF verkleinern, damit dieser, sollte er wieder den Roten in die Hände fallen, ein weniger wirksames Machtinstrument wäre?

Ein aktuelles Beispiel, das zeigt, wie der ORF – unter Rot, unter Schwarz – stets funktioniert hat, ist das Spätnachmittagsprogramm von ORF 2, im TV-Jargon ›Vorabend‹ genannt. Um diesen Vorabend zu verstehen, muss man wissen: Die Bundesländer halten neun, die Betriebsräte fünf von insgesamt 35 Sitzen im ORF-Stiftungsrat, der den Generaldirektor bestellt und über so Grundlegendes wie Gebührenerhöhungen entscheidet. Die Ländervertreter dort, auch die ÖVP-Freunde, sind Wrabetz verbunden, seit das vor eineinhalb Jahren eingeführte Frühstücksfernsehen aus einem mobilen Studio kommt, das in einem Truck durch Österreich tourt. Nicht ganz billig, aber man kann viel Fremdenverkehrswerbung machen, viele Bürgermeister durchs Bild jagen, und vielen Zusehern über fünfzig gefällt das auch.

Im Spätsommer ersetzte eine Vorabend-Kopie des Frühstücksfernsehens, ›Daheim in Österreich‹, die dort erfolgreiche Sendung ›heute leben‹: auch ein Easy-Listening-Format, das aber eben nicht in einem Studio in Wien gedreht wird, sondern auf und um den Truck. Das interessiert bisher leider weniger Leute. Quotenrückgang.
Warum macht der ORF so etwas?

Die Vorgeschichte reicht mehr als zwanzig Jahre zurück und es spielen viele interessante Figuren mit, in einer Nebenrolle auch Wolfram Pirchner: 1995 krempelt ein gewisser Gerhard Zeiler das ORF-Programm um. (Vor seinem ersten Engagement beim ORF war Zeiler Pressesprecher zweier SPÖ-Kanzler, später machte er eine internationale Karriere; um 2010 wurde er als Wrabetz’ Konkurrent gehandelt.) Mitte der 1990er-Jahre schaut sich Zeiler viel von den deutschen Privat-TV-Stationen ab, die damals seit gut zehn Jahren senden. (In Österreich sollte erst Schwarz-Blau 2001 das TV-Sendermonopol des ORF abschaffen.) Eine der Neuerungen Zeilers ist die Vorabend-Illustrierte ›Willkommen Österreich‹, geleitet von Monika Lindner (von 2002 bis 2006 ORF-Generaldirektorin). Von Anfang an moderiert neben Elisabeth Engstler auch Wolfram Pirchner die Show.

2007 inszeniert wieder ein ORF-Generaldirektor die ›größte Programmreform in der Geschichte des Unternehmens‹, Lindners Nachfolger Alexander Wrabetz. (Er war in seiner Jugend Vorsitzender der sozialistischen Studenten und organisierte den Vorzugsstimmenwahlkampf, der Josef Cap 1983 ins Parlament brachte.) Wrabetz überlässt den Namen ›Willkommen Österreich‹ dem Kabarett-Duo Christoph Grissemann und Dirk Stermann und ersetzt es im Vorabendprogramm durch Wiederholungen einer Christiane-Hörbiger-Serie. Quoteneinbruch. Und tatsächlich : Nur wenige Monate später kehrt das Wohnzimmer-Geplauder unter neuem Namen auf den alten Sendeplatz zurück, zuletzt heißt es dann ›heute leben‹. Quotenerfolg.

Der zweite Handlungsstrang: Wrabetz bewirbt sich im Sommer 2016 um eine dritte Amtszeit als Generaldirektor, wird später auch wiederbestellt. Er kündigt an, ORF 1 und ORF 2 würden künftig von ihm unterstellten ›Channel-Managern‹, also Senderchefs, geleitet werden. Dann passiert lange – offiziell nichts. Roland Brunhofer war einst Betriebsrat im Landesstudio Oberösterreich, später Direktor des Landesstudios Salzburg, solange dieses rot war. Mit Jänner 2017 wechselt er in die ORF-Generaldirektion nach Wien; im Frühling glaubt quasi jeder im und um den ORF, Wrabetz werde Brunhofer ORF 2 anvertrauen. Die Folge ist ein Machtkampf auf den unteren Ebenen, der mittels Intrigen und Interviews gleichermaßen heftig wie öffentlich geführt wird. Das Unternehmen erinnert so stark an seine frühere Bezeichnung ›Rundfunkanstalt‹, dass man auch im Ausland davon Notiz nimmt. Die Süddeutsche Zeitung beschreibt das Gerangel als Duell zwischen dem ›vielfach preisgekrönten‹ Armin Wolf und dem ›Grobian‹ Brunhofer. Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte? Wrabetz verspricht, er werde die Posten der Channel-Manager im April ausschreiben. Mitte Mai ruft der neue ÖVP-Chef Sebastian Kurz Neuwahlen aus. Wrabetz vertagt die Entscheidung auf Herbst.

Da wären also: eine Sendung, die man nie besonders mochte; ein Ex-Betriebsrat, der sich weigert, mit dem Gehalt eines Ex-Landesdirektors als Weißer Elefant (so nennt man hochbezahlte Mitarbeiter ohne Aufgaben) auf dem Küniglberg herumzuspazieren; Landeshauptmänner, denen Wrabetz im Vorjahr allerhand versprechen musste; eine aufwendige Produktionsmaschinerie für das Programm einer Sendezeit, die zwar für den sogenannten Tagesmarktanteil wichtig sein mag, zu der aber viel weniger Österreicher fernsehen als etwa am Abend. Eine Lösung für alle Probleme: Brunhofer produziert die Vorabendsendung für die ältere Zielgruppe aus dem Tingel-Truck. Und ›Daheim in Österreich‹ ist sicher viel, viel billiger als ›heute leben‹!

Ist es bisher nicht. Außerdem waren Baumaterial und Lichtausstattung für ein neues ›heute leben‹-Studio vor dem Sommer bereits angeliefert, das Fundament errichtet. Der für den ORF-Umbau zuständige Projektmanager heißt Pius Strobl. (Mitbegründer der Grünen; er organisierte im Stiftungsrat Wrabetz’ erste Wahl, war danach dessen Kommunikationschef, den er wie einen Generalsekretär anlegte, und ist seit einem kleinen Skandal offiziell nicht mehr angestellt, sondern Konsulent.) Strobl wiederum ist mit Eva Pölzl verheiratet, Moderatorin des Frühstücksfernsehens und nun eben auch der Nachmittagskopie – als ›Daheim in Österreich‹ erstmals auf Sendung ging, hatten die beiden allerdings schon ihre Trennung bekanntgegeben. Das konnte Wolfram Pirchners Zorn auf den ORF offenbar nicht besänftigen.

Wie ließe sich dieser Zustand ändern? Ohne neues ORF-Gesetz, das den Stiftungsrat in Fragen der Zusammensetzung, der Rechte und der Haftungen zu einem echten Aufsichtsrat macht, der sich in erster Linie dem Unternehmen verpflichtet fühlt, wird es nicht gehen. Der Entwurf, den FPÖ-Stiftungsrat Norbert Steger seit einem Jahr in der Lade hat, geht in diese Richtung. Er will nicht nur den Betriebsräten das Recht nehmen, ihren Chef zu wählen, sondern die Beteiligung der Länder im Stiftungsrat auf maximal eine Stimme reduzieren. (Die FPÖ hat auf beide Gruppen meistens, so auch derzeit, keinen Einfluss.)

In ihrem Selbstverständnis leben viele ORFler noch in den 1990er-Jahren, als es keine Konkurrenz gab – und keine Alternative am Arbeitsmarkt. Das führt dazu, dass das Unternehmen sehr sozial ist und so gut wie nie jemanden hinauswirft, wenn er einen schlechten Job macht. Leistung lohnt sich in manchen Fällen, in andern nicht. Der Zusammenhalt unter den Mitarbeitern ist schwach, von einer gemeinsamen Flottenstrategie der ORF-Sender gar nicht zu reden. Dazu kommt, logisch im staatsnahen Bereich: Alle paar Jahre wird der Kollektivvertrag schlechter, wer zuletzt kam, verdient einen Bruchteil der älteren Kollegen, muss aber womöglich am meisten hackeln.

Die neue Puls4-Chefin Stefanie Groiss-Horowitz, bisher ORF, definiert das in Interviews als den größten Unterschied zwischen den Sendern: In der österreichischen Pro7-Sat1-Gruppe, zu der neuerdings auch ATV gehört, herrsche ein Teamgeist, sagt sie. Man fühle sich als David, der gegen Goliath antritt, auch, wenn man den ORF gemeinsam mit dem deutschen Mutterkonzern in der für die Werbung interessanten Zielgruppe eingeholt hat. Die wahre Konkurrenz für den ORF sind dabei weder das österreichische noch das deutsche Privat-TV. Auch nicht die österreichischen Verlage – sondern die kalifornischen Tech-Giganten, die den weltweiten Werbemarkt dominieren. Und bald auch die chinesischen.

Daheim in Österreich sind die Fronten überschaubarer. Mitte September fragen die ›Tiroler Bezirksblätter‹ den geschassten Wolfram Pirchner, ob die Rückkehr zum ORF für ihn ausgeschlossen sei. Er komme ausschließlich als Generaldirektor zurück, sagte er. Keine Sorge, das ist tatsächlich ein Witz – in dem Interview deutet Pirchner auch an, er könnte bald aus Salzburg mit ›Servus‹ grüßen.

Noch hat Sebastian Kurz die Nationalratswahl jedoch nicht gewonnen, noch hat er keine Partner überzeugt, ihn zum Kanzler zu machen. Der ORF – oder eigentlich: Jobs im ORF sind in solchen Zeiten wertvolle Verhandlungsmasse.•