›Amerika war immer auch eine Idee. Und die ist irreparabel beschädigt.‹

Ein Tisch in Soho, New York, sechs Gäste und Grüner Veltliner: Ein Gespräch über das Leben in der Stadt der Städte, über das ›Monster‹ im Weißen Haus und Europas verlorene Alliierte.

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Dokumentation:
Ricarda Opis
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Fotografie:
Nathalie Schüller
DATUM Ausgabe Dezember 2018 / Jänner 2019

Ecke Kenmare / Lafayette, Soho, New York. It is raining cats and dogs, wie sie hier sagen – und damit meinen: Es schüttet aus Kübeln. Es ist Punkt 12 Uhr, als wir aus dem Taxi springen, Dienstag, 6. November, der Tag der Midterm-Wahlen in den USA. Mit vier Aufnahmegeräten, von denen im Laufe des Gesprächs erwartungsgemäß zwei versagen werden, betreten wir das La Esquina, einen Mexikaner, der einmal ein Geheimtipp war. An der Theke vorbei, die engen ­Stufen hinunter in den Keller: Bis sie die Musik auf Anschlag drehen und innerhalb weniger Minuten hundert Menschen den stickigen, räudigen Keller fluten werden, haben wir genau sechs Stunden. Zeit genug für ein Gespräch über das Leben in der Stadt der Städte und den Alltag mit Alexa, über US-amerikanische Schulen und das Zeitungssterben, über Donald Trump und was er für Europa bedeutet. Sechs Stunden, in denen sechs Menschen an unserem mobilen Stammtisch Platz nehmen werden: ein UN-Botschafter, ein Schriftsteller, eine Kultursoziologin, ein Radiomanager, ein Sicherheitsberater und, pünktlich als erste, eine Modemacherin.

 

NINA Hollein: Ich hatte gerade eine wunderbare Begegnung!

DATUM: Wie, wo?

Hollein: Gleich ums Eck ist ein sehr nettes, kleines Café, das Gitane. Vor 20 Jahren bin ich da ganz gerne hingegangen, und heute komme ich rein, setz’ mich an die Bar, und der Barkeeper sagt: I remember you. Did you come here in 1998? Und ich: Yes, I did!

DATUM: Gibt’s ja nicht!

Hollein: Ist das nicht unglaublich? He made my day, der Typ …

DATUM: Du hast hier von 1995 bis 2001 gelebt, was war das für ein New York? Vor 9  / 11? Vor dem iPhone?

Hollein: Mein Mann Max und ich waren gerade mit unserem Studium fertig, und das war unsere erste Berufserfahrung hier. Ich als Intern in einem Architekturbüro ohne Bezahlung, Max als Curatorial Assistant im Guggenheim Museum, ebenfalls nach einem unbezahlten Praktikum. Wir haben in einem Zimmer in Hell’s Kitchen gewohnt, damals war das noch eine räudige Gegend, 46. Straße, Rotlichtmilieu. So haben aber ja auch alle unsere Freunde und Bekannten in New York gelebt. Es war eine lustige und unbeschwerte Zeit.

Heute ist alles viel sauberer, unsere Freunde von damals leben mittlerweile in Brooklyn. Und auch dort ist Wohnen längst nicht mehr leistbar. Jetzt müsste man eher nach Queens ziehen.

Und statt dem iPhone hatte jeder so einen kleinen falt­baren U-Bahn-Plan bei sich. Das war nicht wesentlich komplizierter als heute.

DATUM: Ihr habt New York 2001 verlassen, unter anderem in Frankfurt gelebt, zuletzt in San Francisco. Vor wenigen Monaten seid ihr zurückgekehrt. Einerseits mit drei Kindern und andererseits nicht mehr als unbezahlte Interns, sondern du als Modedesignerin, dein Mann Max als Direktor des Metropolitan Museum. Was ist das für eine andere Welt, in die ihr da gerade hereinplatzt?

Hollein: In unserem speziellen Fall ist das ein verrücktes, ich muss sagen berauschendes Ankommen in der New Yorker Gesellschaft, und zwar direkt mitten hinein. Das hängt einfach mit dieser Institution des Met zusammen, mit der jeder, der in dieser Stadt etwas zu sagen hat, in irgendeiner Form verbunden ist. Egal, ob aus der Wirtschaft, aus der Gesellschaft oder natürlich aus der Kunstwelt.

DATUM: Ein ganz spezielles Sozialkarussell, auf das Ihr aufgesprungen seid, und in dem Ihr jetzt herumgereicht werdet …

Hollein: Es ist wirklich ein beeindruckendes Karussell! (lacht) Und wir sind hier mit offenen Armen aufgenommen worden, so wie das die Amerikaner ja ganz bewusst machen. Da ist es dann auch Teil dieser Zeremonie, dass viele Willkommensdinner oder Willkommenscocktails veranstaltet werden.

DATUM: Kein Zimmer in Hell’s Kitchen mehr?

Hollein: Nein, es könnte gegensätzlicher nicht sein. Wir haben ein Townhouse auf der Upper East Side gemietet, das so ausgelegt ist, dass wir auch selber einladen können.

DATUM: Was sind die Unterschiede zu San Francisco?

Hollein: Da gibt es riesige Unterschiede, aber primär war der Sprung nach New York einfach ein Sprung im Maßstab. Das Met an sich ist viermal so groß wie die Fine Arts Museums in San Francisco. Natürlich haben die Westküste und San Francisco einen ganz eigenen Spirit, aber die Gesellschaft dort ist überraschend konservativ – zumindest die alteingesessene Gesellschaft. Die jüngere Tech-Community sitzt dann eher in Palo Alto und vermischt sich nicht mit dem ›Old Money‹. Und ›alt‹ ist relativ in San Francisco. Wenn man drei Generationen zurückgeht, ist man relativ schnell bei den Goldgräbern. Unter den etablierten Familien gibt es einen enormen Wohlstand und ein riesiges finanzielles Engagement in den Museen. Das ist nicht vergleichbar mit dem, was man in Europa kennt. Und man geht hier anders mit Reichtum um. Man hat es verdient, und man hat das Recht, es herzuzeigen. Wohingegen im deutschsprachigen Raum, wo ja viele sehr wohlhabende Familien leben, eine andere Kultur herrscht. Dort wird zurückhaltender damit umgegangen.

DATUM: Ihr seid 2016 nach San Francisco gezogen, kurz vor Trump. Welche Rolle spielt er in diesem wohlhabenden Milieu?

Hollein: Er beschäftigt immens, die gesamte Szene, auf allen Ebenen. Alle Küstenstädte sind ja bekannt liberal und demokratisch. In der Straße, in der wir gelebt haben, gab es viele Nachbarn, die waren derart am Boden zerstört, dass sie tagelang das Haus nicht verlassen haben, nachdem Trump gewählt wurde. Für viele ist die Welt zusammengebrochen. Unsere Kinder waren kaum angekommen in ihren Schulen und am nächsten Tag sofort bei einer Demo gegen Trump dabei. Auch hier in New York ist es ein Riesenthema.

DATUM: Obwohl viele der Familien, die ihr jetzt kennenlernt, alte republikanische Familien sind.

Hollein: Ja, selbstverständlich. Und es ist sicherlich nicht so, dass es in der Kunstwelt und insbesondere unter den Unterstützern von Kulturinstitutionen nicht auch offenkundige Trump-Supporter gibt. Das ist oft gar nicht so kohärent, wie man sich das vorstellt. Die Grenze verläuft nicht zwischen links und rechts, konservativ und liberal, sondern zwischen global und national.

DATUM: Stimmt das Klischee, dass man als jemand, der an der Ost- oder Westküste lebt, ab und zu auf die andere Seite fliegt, aber die riesige Fläche dazwischen nur aus dem Flugzeug kennt?

Hollein: Ja, das stimmt, zumindest physisch. Ich muss ehrlich sagen, ich war auch noch nie in South Dakota. Aber bei aller Schelte der sozialen Medien: Man hört jetzt genau diese Stimmen, auch wenn man selbst gar nicht vor Ort ist. Man kann nicht mehr sagen: Wir wissen ja gar nicht, was dort los ist, man muss nur das Netz aufmachen und man sieht es ganz genau.

 

Hannes Stein kommt.

 

DATUM: Herr Stein, Sie tragen diesen ›I Voted‹-Sticker, den sahen wir heute schon oft.

Stein: Na, klar trage ich den! Ich habe heute Gouverneur gewählt, Senator, State Senator, House – also Repräsentantenhaus – und acht Richter an unserem Supreme Court des Staates New York. Ich habe lauter Demokraten gewählt. Hätte man mir das vor zehn Jahren gesagt, hätte ich gelacht!

DATUM: Sie leben seit elf Jahren in den USA, sind seit 2012 Staatsbürger – warum eigentlich?

Stein: Seit 2012 ist klar, dass ich hier begraben werde. Ich gehe hier nicht weg. Ich habe eine Frau, ich hab’ ein Kind. Meine Frau spricht kein Deutsch, mein Kind geht hier in den Kindergarten inzwischen.

DATUM: Wir haben ein hochmobiles Zeitalter. Frau Hollein war gerade erst in San Francisco, davor in Frankfurt, vielleicht irgendwann in Tokio …

Stein: Hallo, ich bin 53!

Hollein: Ich bin 47.

Stein: Jaja, aber irgendwann wird es anstrengend.

Hollein: Ja, das stimmt auch wieder. (lacht)

DATUM: Also, Sie wollten hierbleiben, also wollten Sie auch teilhaben als Staatsbürger?

Stein: Ja! Ich begann mich verantwortlich zu fühlen. Ich hatte damals ein paar Gründe, Republikaner zu werden. Erstens, alle in meiner Familie sind Demokraten, und ich dachte, wir sind ein Zwei-Parteien-System und einer muss zum anderen Verein gehören. Zweitens bin ich eher ein Liberaler mit konservativen Anwandlungen als ein Linker. Da dachte ich mir, dass die Republikaner wahrscheinlich eher passen. Mir war allerdings damals schon klar, dass die republikanische Partei spinnt. Man muss die jetzt zu einer vernünftigen Mitte-rechts-Partei machen, dachte ich mir, und das macht man, indem man mitspielt.

DATUM: Und dann kam Trump.

Stein: Tja, und dann kam Trump. Und ich dachte mir: Ihr könnt mich mal covfefe. Donald Trump ist gewissermaßen mein Monster.

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