Amerikanischer Klassenkampf

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Fotografie:
Andreas Klambazer
DATUM Ausgabe Mai 2018

Ein einzelnes Buch wird es jemals fertigbringen zu zeigen, warum ein großer Teil des besitzlosen Amerikas wieder und wieder gegen seine eigenen ökonomischen Interessen wählt. Und es wird auch kein einzelnes Buch jemals völlig erklären können, welche besonderen historischen und kulturellen Kräfte den Bible Belt, die christlich-fundamentalistisch geprägten Landstriche, beständig anschwellen lassen. Aber Joe Bageant hat einen gelungenen Versuch unternommen.‹ So beschließt das linksliberale US-Magazin The American Prospect die Besprechung von Bageants ›Deer Hunting with Jesus. Dispatches from America’s Class War‹ im Jahr 2007. Wer das Buch las, als es neu auf dem Markt war, dem muss der Sieg Donald Trumps ganz und gar nicht überraschend erschienen sein.

Deer Hunting with Jesus erschien 2012 als ›Auf Rehwildjagd mit Jesus‹ in einem später wegen wirtschaftlichen Misserfolgs liquidierten Kleinverlag auf deutsch. Ein nennenswertes Echo blieb aus, vermutlich, weil die vermeintliche Zeitenwende durch die Präsidentschaft Barack Obamas von der Thematik ablenkte. Ein Jahrzehnt nach dem Erscheinen der Originalausgabe wird man sich ihrer wieder bewusst. Drei sehr verschiedene Bücher, die 2017 in den USA auf den Markt gebracht wurden und dem Autor dieser Zeilen rein zufällig in kurzer Abfolge in die Hände fielen, behandeln verschiedene Facetten der gesellschaftlichen Verwerfungen in den Vereinigten Staaten: Der Thriller ›The Midnight Line‹ von Lee Child, ein sich als gesellschaftskritisch verstehender Roman, ›A Book of American Martyrs‹ von Joyce Carol Oates sowie der Horror-Fantasy-Roman ›Sleeping Beauties‹ von Stephen und Owen King. Zurzeit liegt nur das letztere Buch auf deutsch vor.

Geboren und aufgewachsen in eben diesem Bible Belt im US-Bundesstaat Virginia, beschrieb Joe Bageant, 2011 im Alter von 65 Jahren verstorben, Bildung als sein Ticket aus dem christlich-fundamentalistisch-proletarischen Milieu. Nach einer moderaten Karriere als Journalist mit Hippie-Attitüde an der Westküste kehrte er 1999 nach Winchester, Virginia, zurück, die Stadt seiner Herkunft. Von hier aus belieferte er seinen Blog. Seine Methode: teilnehmende Beobachtung. Nicht zu Unrecht wurde sein Zugang in verschiedenen Rezensionen als Gonzo-Journalismus bezeichnet, eine in den 1960ern und 70ern entwickelte Form der Berichterstattung, die nicht vorgibt, objektiv zu sein, und den Autor in Ich-Perspektive miteinbezieht. Sozialkritik paart sich hier mit Selbstironie und Sarkasmus. Einem entfernten Verwandten aus England legt Bageant nach einem langen Abend politischer Diskussionen im Royal Lunch, dem örtlichen Beisel, folgende Worte in den Mund: ›Deine Kumpels sind die intellektuell armseligsten Menschen, die ich jemals getroffen habe; und ich habe mich mit den Bodyguards von Idi Amin unterhalten.‹

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Wörter: 1958

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Lesezeit: ~14 Minuten

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