Auf der Schlachtbank
Online-Betrüger haben einen angesehenen Chirurgen aus Wien um hunderttausende Euro gebracht. Ihre Spur führt zu einem russischen Model, ins isländische Penismuseum und zu Zwangsarbeitern in südostasiatischen Betrugsfabriken.
Zu Silvester letzten Jahres liegen in Doktor Stefan Wagners Ordination 191.500 Euro in bar. Die Bündel aus 200er-Scheinen hat er zuvor bei der Bank in seinem Heimatort abgehoben, verpackt und nach Wien gebracht. Dort wartet er.
Um 15:08 Uhr läutet es schließlich an der Tür. Es ist kein Patient, der zu ihm die Treppen hinaufsteigt, sondern ein angeblicher ›Offline Exchange Officer‹. Dessen Aufgabe ist es, Bargeld abzuholen. Wagner geht davon aus, dass er es für ihn in Kryptowährungen investieren wird.
Der Geldbote ist Mitte 20, sieht asiatisch aus und ist der Bekannte einer Freundin Wagners. Auf Instagram nennt sie sich Zoe Jones. Dort hat die Frau, die ihrem Profil-Foto nach um die 30 ist, blonde Haare hat und ausgesprochen attraktiv aussieht, den 60-jährigen Wagner kennengelernt. Sie hat ihn in die Welt der Kryptowährungen eingeführt und dazu gebracht, online zehntausende Euro zu investieren. Auch den Besuch des angeblichen Offline Exchange Officers soll sie organisiert haben.
Bevor Wagner dem fremden Mann vor ihm fast zweihunderttausend Euro aushändigt, zückt der noch einen Fünf-Euro-Schein. Wagner fotografiert die darauf abgedruckte Seriennummer und schickt sie an Zoe. Das sei eine Sicherheitsmaßnahme, damit das Geld nicht in die falschen Hände gerät, hatte sie Wagner zuvor erklärt. Nachdem sie ihr Okay gegeben hat, überlässt er dem jungen Asiaten vor ihm einen beträchtlichen Teil seines Ersparten.

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