Dorons Nachbarn
Der Einfluss stark religiöser Gruppen wächst in Israel stetig. Säkulare Juden befürchten, dass sie das Land langfristig in einen Gottesstaat verwandeln wollen.
An einem Dienstagabend endet Dorons Arbeitstag erst um zehn Uhr. Der Name ist geändert; aus Sorge vor Anfeindungen möchte er anonym bleiben. Vor einigen Jahren hat er ein Klimatechnik-Start-up gegründet. Wenn sein letztes Meeting zu Ende geht, liegen seine beiden Söhne – sieben und zehn Jahre alt – bereits im Bett. Seine Wohnung liegt in einer ruhigen Seitenstraße, fünf Minuten vom Dizengoff-Platz entfernt, im Herzen Tel Avivs. Dort sind die Bars und Restaurants selbst am späten Abend noch voll. In Dorons Straße jedoch hat sich längst Ruhe über die Häuser gelegt. Doron tritt aus seiner Erdgeschoßwohnung in den kleinen Vorgarten und zündet sich eine Zigarette an. Doch auf die bevorstehende Nachtruhe kann er sich kaum freuen. Denn die wird seit Langem von seinen Nachbarn gestört.
›Fast jede Nacht wecken sie mich und meine Söhne mit ihrem Geschrei‹, sagt Doron. Im Haus nebenan hat sich ein sogenannter ›Garin Torani‹ (auf Deutsch: ›Kern‹ oder ›Keimzelle‹ der Tora) angesiedelt, eine religiös-zionistische Gruppe, die gemeinsam lernt und lebt und sich gezielt in bestimmten Stadtvierteln niederlässt. Rund fünfzehn von ihnen halten sich meist dort auf, am Schabbat oder jüdischen Feiertagen sind es noch mehr. Offiziell wohnen nicht alle in dem Haus; viele haben eigene Wohnungen in der Umgebung. Doch faktisch verbringen sie fast den ganzen Tag im Gebäude nebenan.
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