Land ohne Töchter

Frauen sehen in Dörfern keine Zukunft. Zurück bleiben Männergemeinden – und damit Probleme.

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Lebkuchen:
Gregors Konditorei
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Fotografie:
Ursula Röck
DATUM Ausgabe März 2017

Eva und Lisa sind 27 und 26 Jahre alt und zwei Frauen, die sich in vielem unterscheiden. Eva studierte nach der Matura Betriebswirtschaft in Graz, machte ihren Master in Mindestzeit, daneben viele Praktika. Heute arbeitet sie im Onlinemarketing einer großen Hotelkette in Wien. Lisa studierte Theaterwissenschaft, wechselte dann zu Deutsch und Psychologie auf Lehramt, daneben arbeitete sie in der Aids- und Flüchtlingshilfe. Bevor sie im Herbst an einer höheren berufsbildenden Schule in Graz zu unterrichten begann, tingelte sie sechs Monate durch Afrika. Eva ist Single und lebt allein, Lisa hat seit zwei Jahren einen Freund und teilt sich die Wohnung mit einer Studienkollegin. Was Eva und Lisa verbindet, ist ihre Herkunft. In ihren Geburtsorten gelten sie als die verlorenen Töchter.

Eva und Lisa sind auf dem Land aufgewachsen. Zuhause, das waren für sie einmal kleine Orte in der Steiermark, die sich Sankt Jakob im Walde und Sankt Lorenzen am Wechsel nennen. Sie waren 18 und 19 Jahre alt, als sie der Heimat den Rücken kehrten. Sie brachen auf in die Stadt. Für beide war es kein spontaner Entschluss, sie hatten sich das gut überlegt. Der Gedanke, von zu Hause wegzugehen, hatte sich früh in ihre Köpfe gesetzt, war über Jahre herangereift, und am Ende war es weniger eine Entscheidung als vielmehr eine Erkenntnis. Sie waren sich sicher: Wir müssen hier weg.

Ausgestorbene Landstriche
Wer heute auf die Landkarte Europas blickt, sieht ganze Landstriche, die ausgestorben sind. Sie verteilen sich über den Norden Englands, die Mitte Frankreichs, den Osten Deutschlands, sie finden sich in Schweden, Finnland, Dänemark. Landflucht beschäftigt mittlerweile den Kontinent. Auch in Österreich verlassen immer mehr Menschen die ländlichen Regionen und strömen in die Städte und deren Umland. Wer durch die obersteirischen Bezirke oder das nördliche Waldviertel fährt, kommt an verwaisten Wohnhäusern und leerstehenden Industriegebäuden vorbei, an aufgelassenen Geschäftslokalen und frustrierten Menschen. An Dörfern, die in den vergangenen Jahrzehnten ein Viertel, teilweise ein Drittel ihrer Einwohner verloren haben.

Diese Entwicklung ist auch deshalb fatal, weil vor allem die Jungen, Gebildeten gehen. Und am häufigsten sind es die Frauen. In den meisten ländlichen Regionen Österreichs sind die Männer mittlerweile in der Überzahl. In der Altersgruppe von 20 bis 29 leben in manchen Dörfern bis zu vierzig Prozent mehr Männer. Während es für sie auf dem Land immer schwieriger wird, eine Partnerin zu finden, scheitern die Dörfer daran, Wegziehwillige an die alte Heimat zu binden. Versuche, sie zurückzuholen, gibt es selten.

›Wenn die Frauen gehen‹, sagt Gerlind Weber, ›dann stirbt das Land.‹ Die Raumplanerin arbeitet an der Wiener Universität für Bodenkultur und hat in einer Studie das Abwanderungsverhalten junger Frauen in der Steiermark erforscht. ›Frauen sind der soziale Kitt eines Dorfes, die Partnerinnen und Mütter‹, sagt sie. ›Wenn sie fehlen, geht die nächste Generation verloren.‹

In den meisten ländlichen Regionen Österreichs sind die Männer mittlerweile in der Überzahl.

Die Kluft, die sich auftut zwischen Provinz und Stadt, betrifft nicht nur einzelne Existenzen. Sondern das große Zusammenleben. In den Dörfern, wo Männer und Alte zurückbleiben, gärt der Frust, schwelt der Widerstand gegen die städtischen Eliten, gegen Europa, gegen die Globalisierung. In den Leerräumen, die die Abgewanderten hinterlassen, schlagen die chauvinistischen Parolen der Rechtspopulisten ein. Dort wächst die Sehnsucht nach althergebrachten Rollenbildern und vergangenen Zeiten.

Es gebe schon Momente, sagt Eva, in denen sie ihre Heimat vermisse, ihre alten Freunde, die Wiese, den Wald vor der Tür. Aber wieder zurückgehen in ihr Dorf, das könne sie nicht. Es ist ein Sonntagvormittag Anfang Februar, Eva sitzt allein am Ecktisch eines kleinen Wiener Kaffeehauses, vor sich ein Buch, ein paar Zeitungen. Sie mag das: unter Menschen sein und trotzdem für sich. Eva spricht leise, hat blasse Haut und dunkle Haare, in ihrer Stimme liegt etwas Gutmütiges. Dass sie in der Steiermark aufgewachsen ist, hört man ihr noch an.

›Es beginnt schon mit meiner Ausbildung‹, sagt Eva, ›ich würde damit daheim keinen Job finden.‹ Und auch sonst gebe es in Sankt Jakob im Walde nicht viel: wenige Geschäfte und Lokale, abseits der Blasmusik kaum Kultur. Nach der Hauptschule saß Eva von Montag bis Freitag frühmorgens eine Stunde im Bus, um in die nächstgelegene Handelsakademie nach Hartberg zu kommen. Ihr war damals schon klar, dass sie nach der Matura weggehen muss, wenn sie weiter hinauswill. Aber es war nicht nur das. Eva hatte das Gefühl, dass auch die Art, wie sie leben will, dass selbst ihre Gedanken keinen Platz haben an einem Ort wie Sankt Jakob im Walde.

›Die Menschen‹, sagt Eva, ›sind dort nicht sehr offen.‹ Das beginne bei den kleinen Dingen: ›Wenn ich daheim einen Hut aufhabe, werde ich komisch angeschaut.‹ Doch ihr geht es um die großen Dinge: um konservative Werthaltungen, die traditionelle Rollenverteilung. In der Provinz sei vieles noch wie früher. Eva hat viele Freunde in Wien, in Sankt Jakob hingegen gehörte sie nie zur engen Dorfgemeinschaft. ›Dafür musst du bei irgendeinem Verein dabei sein, aber das hat mich nie interessiert.‹ Heute fährt sie nur noch alle paar Monate in ihre Heimatgemeinde. Sie geht dann spazieren, verbringt Zeit bei ihrer Familie, im Dorf ist sie kaum unterwegs. ›Wenn du einmal weggehst‹, sagt sie, ›gehörst du sowieso nicht mehr dazu.‹

Die Flucht vor der Enge des Dorfes
So wie Eva geht es vielen jungen Frauen. ›Sie flüchten vor der Enge des Dorfes und den patriarchalischen Strukturen‹, sagt Gerlind Weber. Es fehle ihnen an Perspektiven. Das ländliche Österreich ist nach wie vor eine Männerdomäne. Die Männer beherrschen den Arbeitsmarkt, es sind meist die Männer, die die Betriebe der Eltern übernehmen. Sie führen die Vereine an, sitzen im Gemeinderat, stellen die Bürgermeister. Von den 2.100 Bürgermeistern in Östereich sind nur 141 Frauen, 6,7 Prozent. Vor allem jene, die mehr vom Leben wollen, eine Karriere, eine unabhängige Existenz, die sich nicht dem traditionellen Frauenbild fügen wollen, sehen oft keine Zukunft in der Provinz.

Um zu verstehen, warum so viele junge Frauen ihre Dörfer verlassen, lohnt es sich, dorthin zurückzukehren, wo Eva aufgewachsen ist. Hier zeigt sich im Kleinen, was sich im Großen zusammenballt. Von der Wiener Stadtgrenze sind es 140 Straßenkilometer bis Sankt Jakob im Walde. Der Weg führt über die Südautobahn, über Bundesstraßen, Landesstraßen, Gemeindestraßen. Je näher Evas Heimatort rückt, desto verlassener wirken die Dörfer. Wiesen und Wälder ziehen am Autofenster vorbei, Orte, die Wenigzell heißen, Mönichwald oder Waldbach. Wenigzell, das seit den Achtzigerjahren 15 Prozent seiner Einwohner verloren hat, Mönichwald 16, Waldbach ganze 24 Prozent. Und überall gingen mehr Frauen.

In Waldbach steht auch das erste Schild, das in Richtung Sankt Jakob im Walde weist, und spätestens jetzt wird klar, woher dieses Dorf seinen Namen hat. Selbst an sonnigen Tagen wird es dunkel entlang der Bergstraße, dichte Nadelwälder säumen den Weg. Mit jeder steilen Kurve sinkt die Mobilnetzanzeige um einen weiteren Strich, und als sich langsam die Frage auftut, ob da überhaupt noch etwas kommt – kommt etwas: ein Feuerwehrauto. Eine Kläranlage. Ein Ortsschild. Willkommen!

Sankt Jakob im Walde, das ist ein Bergdorf mit 1.050 Einwohnern und viel Wald. Gelegen auf 1.000 Meter Höhe am Fuß des Wechselgebirges im nordwestlichsten Zipfel der Oststeiermark – oder, wie es Bürgermeister Anton Doppler, ein Mann mit Hang zur sprachlichen Dramatik, nennt: ›Wir sind eine vergessene Enklave.‹

Der Sankt Jakober Ortskern, das sind ein paar Dutzend buntgestrichene Häuser, der Dorfwirt der Familie Posch, ein kleiner Spar-Supermarkt, gegenüber der Volksschule eine stattliche katholische Kirche, in der sonntags noch Leute sitzen. Das Dorf liegt in einer Region, in der Bürgermeister Doppler fast mit Stolz erzählt, dass seine Gemeinde seit den Achtzigerjahren mehr als hundert Bewohner verloren hat. Anders als in manchen umliegenden Gemeinden seien das eben ›nur‹ acht Prozent.

Doch auch in Sankt Jakob im Walde sieht der Blick in die Zukunft düster aus: Liegen die Prognosen richtig, werden hier 2030 nochmals mehr als zehn Prozent weniger Menschen leben. Und schon heute ist in keiner anderen Gemeinde im Bezirk der Männerüberhang größer als hier. Unter den 15- bis 35-Jährigen gibt es ein Fünftel weniger Frauen als Männer.

Wer die Männer im Ort nach den fehlenden Frauen fragt, bekommt oft ein Achselzucken zur Antwort. Der Gasthof neben der Kirche ist an diesem Dienstagnachmittag menschenleer, nur zwei Männer sitzen an der Schank, der eine sagt: ›Sie gehen halt.‹ Der andere: ›Anbinden können wir sie ja nicht.‹ Es scheint so, als hätten sich die Sankt Jakober damit abgefunden. Dass jeder eine Freundin in der Gegend finden wird, damit rechnet hier sowieso niemand mehr. Und wie sieht das der Bürgermeister, gibt es Versuche, die Frauen zu halten? Oder solche wie Eva zurückzuholen?

›Wir haben viele Strategien‹, sagt Anton Doppler, der vor seinem Schreibtisch im Gemeindeamt sitzt. Er zieht ein Streichholz aus der Schachtel, zündet sich seine Pfeife an und sagt: ›Sie greifen nur nicht.‹ Doppler, ein kleingewachsener Mann mit stolzem Bauch, ist 61 Jahre alt und seit 22 Jahren für die ÖVP Bürgermeister von Sankt Jakob im Walde. Davor war er sieben Jahre lang Vizebürgermeister, Mitte der 2000er-Jahre saß er auch zweieinhalb Jahre lang als Abgeordneter im Nationalrat. Während seiner politischen Laufbahn hat er sich viele Gedanken über das Leben auf dem Land gemacht, sich über die Gemeindegrenze hinaus für regionale Entwicklungsprojekte eingesetzt. Doppler hatte früher mehr Hoffnung, aber wenn er heute über die Zukunft des ländlichen Raums spricht, sagt er Sätze wie: ›In fünfzig Jahren leben wir in der mitteleuropäischen Wildnis.‹ Weil Doppler gesehen hat, wie nach und nach die Polizeistationen und Postämter auf dem Land geschlossen wurden, wie die Bezirksgerichte zusammengelegt und der öffentliche Verkehr ökonomischen Kriterien unterworfen wurden. Und wie die Leute gegangen sind, die Jungen, viele Frauen, Eva.

Und weniger Einwohner bedeutete für die Gemeinden: weniger Kommunalsteuer, weniger Geld aus dem Finanzausgleich, weniger Kaufkraft. Und auch weniger politischen Nachwuchs für den Gemeinderat und den Pfarrgemeinderat.

In Sankt Jakob im Walde gibt es keinen Bahnhof. Wochentags gelangt ein Sankt Jakober täglich mit drei Bussen in die nächstgelegene Stadt Hartberg – die fahren aber zuerst Haltestellen in den umliegenden Gemeinden an, auf dem Weg muss man zweimal umsteigen. Ein Autofahrer braucht 35 Minuten nach Hartberg, die Busse dreimal so lang. Und an den Wochenenden, da fährt gar nichts. Da kommt ein Sankt Jakober ohne Auto nicht aus dem Dorf heraus. ›Wir haben uns jetzt auch selbst einen Bus gekauft‹, sagt Doppler. Die Gemeinde organisiert mittlerweile den Transport der Volks- und Hauptschüler, weil sich die Fahrten auch für private Busunternehmen nicht mehr rentieren würden.

Die kleinstädtische Struktur und Förderungen im Zuge des regionalen Ausgleichs haben die Abwanderung in Österreich lange Zeit gebremst. Mit der ›neoliberalen Welle‹ habe sich der Staat ab Ende der Neunzigerjahre aber immer mehr aus der Provinz zurückgezogen, sagt Gerlind Weber. ›Auf Strukturschwäche wurde mit Rationalisierung geantwortet.‹ Und anders als etwa in Deutschland, wo sich 49 der 67 Dienststellen des Bundes auf die Länder verteilen, sind sie hierzulande fast ausschließlich in Wien untergebracht. Von den insgesamt 68 Stellen sind 64 dort angesiedelt. 65 Prozent der Bevölkerung und 71 Prozent der Arbeitsplätze in Österreich finden sich laut Städtebund und Statistik Austria in den und rund um die Ballungsräume. Gerade die abgelegenen Gebiete kommen in vielen Raumplanungskonzepten der öffentlichen Hand erst gar nicht mehr vor, sagt Weber. ›Weil man davon ausgeht, dass ein investierter Euro in Ballungszentren mehr bewirkt als in strukturschwachen Regionen.‹

Der Teufelskreis der Abwanderung
Wenn es um die Frauen geht, fällt Bürgermeister Doppler zuallererst die Kinderbetreuung ein. Zweimal im Jahr, erzählt er, organisiert er ein Treffen mit den Eltern, um über eine Nachmittagsbetreuung für ihre Kinder zu reden. Aber es scheitert jedes Mal. Doppler sagt: ›Es ist ein Teufelskreis.‹ Und der sehe in etwa so aus: Weil Sankt Jakob im Walde immer weniger Frauen hat, gibt es auch weniger Kinder. Weil es weniger Kinder gibt, ist die Nachmittagsbetreuung für die Eltern zu teuer. Und wenn die Kinderbetreuung fehlt, gehen die Frauen.

Die Frage der Kinderbetreuung sei auf dem Land essenziell, sagt die Raumplanerin Heidrun Wankiewicz. ›Es sind in der Regel die Frauen, die die Kinder betreuen, die Alten pflegen, die putzen, waschen und in Teilzeitjobs arbeiten.‹ Wankiewicz arbeitet seit Jahren in der Regional- und Stadt­entwicklung, betreibt in Salzburg das Büro Planwind und setzt sich vor allem für Geschlechtergerechtigkeit in ihrem Fach ein. ›In der Raumplanung muss der Genderaspekt unbedingt mitgedacht werden‹, sagt sie. Doch selbst in ihrer professionellen Arbeit stößt Wankiewicz ans ländliche Patriarchat: ›Ich erlebe immer wieder, dass sich Bürgermeister ungern von einer Frau beraten lassen.‹

Aber gerade die Raumplanung hat viel damit zu tun, ob Frauen und Männer für sich ein Lebensumfeld mit gleichen Chancen vorfinden. Ein schlechtes öffentliches Verkehrsnetz treffe vor allem die Frauen, sagt Wankiewicz. Weil sie es eben sind, die bei der Heimfahrt von der Arbeit noch beim Supermarkt stehen bleiben, bei den Großeltern vorbeischauen, das eine Kind zum Fußballtraining bringen und das andere von der Freundin abholen müssen.

Hinzu kommt: In vielen ländlichen Regionen sterben die Ortskerne aus, während im Umland neues Bauland erschlossen wird und Einkaufszentren entstehen, sagt die Raumplanerin. ›Das hängt viel mit dem österreichischen Fördersystem zusammen: Neubau wird stark gefördert, Altbausanierung ganz schlecht.‹ Mit dieser Zersiedelung werden die Wege immer länger. ›Das öffentliche Verkehrsnetz müsste unbedingt ausgebaut werden‹, sagt Wankiewicz. Das politische Argument, dass der Ausbau aufgrund der geringen Auslastung nicht finanzierbar sei, will sie nicht gelten lassen: ›Das ist einfach eine Frage des gesellschaftlichen Wertes.‹

›In fünfzig Jahren leben wir in der mitteleuropäischen Wildnis‹

Wer durch die Straßen Sankt Jakobs spaziert, wird nur noch Reste einer Infrastruktur finden, dafür viele Aushängetafeln und bunte Plakate, die Feste und Sportveranstaltungen ankündigen. Das Wichtigste, sagt Bürgermeister Doppler, sei im Dorf das Freizeitangebot. Und mit Freizeitangebot meint er vor allem die Vereine: die Musikkapelle, den Langlaufverein, den Fußballklub, die Feuerwehr, den Kameradschaftsbund. Jene Verbände, die die Gemeinschaft zusammenhalten. Die es aber auch sind, die solche, die nicht mitmachen wollen, hinausdrängen. Solche wie Eva.

›In diesen Vereinen sitzen ja auch vor allem Männer‹, sagt Theresia Oedl-Wieser. Sie arbeitet in der Bundesanstalt für Bergbauernfragen, ist seit 2011 Geschäftsführerin der Österreichischen Gesellschaft für Agrarökonomie und beschäftigt sich seit 25 Jahren mit der ländlichen Regionalentwicklung. ›Es müsste auch jenseits dieser Männerkultur das Angebot für Mädchen und junge Frauen ausgebaut werden. Und Frauen in Vereinen, aber auch in der Politik als gleichwertige Partnerinnen wahrgenommen werden‹, sagt Oedl-Wieser. In Sankt Jakob gibt es derzeit zwölf Gemeinderäte, elf Männer und eine Frau. Eine Bürgermeisterin gab es noch nie.

Handwerk oder Dienstleistung?
Aber nicht nur in der Gemeindevertretung, vor allem auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich in Sankt Jakob ein Bild, das viele ländliche Regionen prägt: Es gibt wenige Jobs. Und noch weniger für Frauen. Das Positive in Sankt Jakob sei, sagt Bürgermeister Doppler, dass es in der Gegend noch einige Handwerksbetriebe gibt, eine Baufirma, einen Schlossereibetrieb. ›Unsere Logik ist: Wenn junge Leute ein Handwerk lernen, bleiben sie sehr wahrscheinlich in der Region.‹ Und das würden auch viele tun, sagt er. Also: viele junge Männer.

Für sie ist das Lehrstellenangebot auf dem Land viel breiter gefächert, bei Frauen konzentriert es sich auf einige wenige Berufe: Friseurin etwa, oder Einzelhandelskauffrau. Außerdem würde sich ein Schlosser oder Tischler auf dem Land eher scheuen, Frauen auszubilden, sagt Oedl-Wieser. Grundsätzlich tendieren Frauen allen staatlichen Bemühungen zum Trotz weiterhin eher zu Dienstleistungsberufen. Die Jobs dafür fehlen jedoch auf dem Land.

Ob die Frauen gehen oder bleiben, entscheidet sich deshalb meist sehr früh. In dem Moment, wo sie sich für eine Schulausbildung einschreiben oder einen Beruf wählen. Bei Frauen, sagt Oedl-Wieser, gibt es heute anders als früher eine klare Orientierung zu einer parallelen Berufs- und Familienbiografie. Während Anfang der Siebzigerjahre 95 Prozent der Männer, aber nur 53 Prozent der 25- bis 49-jährigen Frauen in Österreich einen bezahlten Job hatten, sind es bei den Frauen heute mehr als 84 Prozent. ›In vielen Köpfen von Entscheidungsträgern ist das aber immer noch nicht angekommen.‹

In Sankt Jakob gibt es zwölf Gemeinderäte, elf Männer und eine Frau. Eine Bürgermeisterin gab es noch nie.

Im Bildungsbereich hat sich auf dem Land zwar einiges getan: Das sekundäre Schulwesen wurde vor Jahrzehnten ausgebaut, in den Zentren der ländlichen Regionen gibt es Gymnasien, höhere technische Lehranstalten und Han­dels­akademien, die mit Matura abschließen. Aber auch hier: Die adäquaten Berufe dafür gibt es hauptsächlich für Männer. Dabei sind es heute die Frauen, die deutlich häufiger Matura machen, Universitäten besuchen, ein Studium abschließen. ›Wenn also Frauen auf dem Land nicht dieselben Chancen vorfinden wie Männer‹, sagt Oedl-Wieser, ›ist es ganz klar, dass sie sich eher einen Ort suchen, wo sie ihre Wünsche und Ziele verwirklichen können.‹

Bürgermeister Doppler konzentriert sich auf jene Menschen in Sankt Jakob, für die es derzeit noch Perspektiven gibt, die es ohnehin nicht so weit wegzieht. Frauen wie Eva aber hat er schon längst aufgegeben. Es fehlen ihm die Argumente. ›Die, die in die Stadt gehen, die studieren und eine hohe Ausbildung haben‹, sagt er, ›womit soll ich die zurückholen?‹

Unterstützung für den ländlichen Raum hat im Oktober Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter angekündigt. Der ÖVP-Politiker stellte damals die Eckpunkte seines ›Masterplans‹ vor, mit dem er die Landflucht aufhalten will. Und nannte dabei auch die wichtigsten Stichworte: öffentlicher Verkehr, Arbeitsplätze, Digitalisierung, Dezentralisierung – und erstmals explizit die Förderung der Frauen. Details jedoch gibt es bisher nicht, der Plan soll erst im Lauf dieses Jahres entwickelt werden. Als der Sankt Jakober Bürgermeister von Rupprechters Ankündigung hörte, sei sie ihm zuerst sauer aufgestoßen, sagt er. Die Punkte, ja, die seien an sich gut. Aber: ›Das fällt ihm im vierten Jahr seiner Amtszeit ein?!‹ Dass sich wirklich etwas bewegen wird, kann Doppler nicht mehr glauben.

Auch Heidrun Wankiewicz sieht die Pläne des Landwirtschaftsministers skeptisch. ›Ich habe hier schon viele Enttäuschungen erlebt‹, sagt sie. ›Große Förderprojekte, wo dann Raumentwicklung so ein bisschen mitgemacht wurde.‹ Solche Projekte müssten unbedingt mit den Bürgern und Bürgerinnen gemeinsam entwickelt werden. Und es gehe um die Frage, wer schlussendlich von den Fördergeldern profitiert: ›Werden dann auch wirklich Fraueninitiativen unterstützt, oder gibt es Millionenaufträge für die Kanalisation?‹

Dass die ländliche Frauenpolitik oft weit hinten gereiht wird, zeigt sich auch, wenn man von Sankt Jakob im Walde weiter Richtung Westen fährt, in die Obersteiermark, wo österreichweit der Männerüberhang oft am größten ist.

›Die, die in die Stadt gehen, die studieren und eine hohe Ausbildung haben: Womit soll ich die zurückholen?‹, fragt der Bürgermeister.

Vierzig Autominuten von Sankt Jakob entfernt liegt die Gemeinde Spital am Semmering, direkt an der Grenze zu Niederösterreich. Seit den Neunzigerjahren hat sie fast ein Fünftel ihrer Einwohner verloren. Heute leben hier 1.750 Menschen, und unter den Jungen vor allem: Männer. Nur noch dreißig Prozent der 15- bis 35-Jährigen in Spital sind Frauen.

›Wissen Sie, ich kann das Wort Abwanderung schon gar nicht mehr hören‹, sagt Maria Fischer, für die SPÖ Vizebürgermeisterin in Spital. Sie klingt dabei wie viele Gemeindeverantwortliche, die ihren Orten beim Schrumpfen zusehen müssen: frustriert. Dass so viele junge Frauen gehen, sei natürlich nicht gut, sagt Fischer. Aber: ›Wir haben so viele Probleme – und zurzeit größere.‹ Ein junger Mann aus Spital, der im Baugewerbe arbeitet und nicht namentlich genannt werden möchte, sieht das etwas anders. ›Die Chance, dass ich daheim eine Freundin finde, liegt quasi bei sechzig Prozent‹, sagt er. Außerdem sei er nicht der Schönste und überhaupt ein Realist – ›also, sagen wir: bei circa dreißig Prozent. Für mich ist das schon ein großes Problem.‹ Er sagt das mit einem Lächeln – aber wirklich lustig findet er es nicht.

Gerlind Weber veröffentlichte bereits im Jahr 2010 ihre Forschungsarbeit zum Abwanderungsverhalten von Frauen auf dem Land, die seither vielfach zitiert wurde. In Österreich stieß sie damit aber erst seit 2012 auf größere Beachtung. ›Die Politik hat zwei Jahre den Deckel draufgehalten‹, sagt Weber. Und das sei symptomatisch für dieses Thema. Viele Entscheidungsträger wollen sich nicht damit beschäftigen.

Die ökonomischen Auswirkungen
›Aus frauenpolitischen Maßnahmen kann ich weniger politisches Kapital schlagen als etwa aus Jugendinitiativen – das ist aufreibender und konfliktreicher‹, sagt Theresia Oedl-Wieser. Die Entscheidungsträger müssten damit auch in Kauf nehmen, dass sie womöglich Macht und Privilegien verlieren. Außerdem, sagt sie, sehen das viele immer noch nur als soziales und nicht als wirtschaftliches Problem. ›Wenn aber ein Großteil der qualifizierten jungen Menschen weggeht, fehlen die an allen Ecken und Enden, und das hat natürlich auch ökonomische Auswirkungen.‹

Aber nicht nur das: Was es macht, wenn die Provinz vergessen wird, zeigt sich auch an den Wahlurnen. In England war es der verarmte Norden, der für den Brexit stimmte, in Frankreich holt der Front National die meisten Stimmen in Regionen mit sinkender Bevölkerungszahl und schlechten Zukunftsperspektiven. In Deutschland gewinnt die AfD dort, wo die Menschen Abstiegsängste haben. Und als in Österreich die Wahlforscher nach der Stichwahl zum Bundespräsidenten auf die Ergebnisse blickten, sahen sie ein Bild vor sich, das sie noch nicht gesehen hatten: In den ländlichen Gebieten war die Österreich-Karte in tiefes Blau getränkt, die Städte und ihr Umland waren grün gefärbt. Dort, wo Österreich schrumpft und die Männer in der Überzahl sind, gewann der Rechtspopulist Norbert Hofer. Wo Österreich wächst und die Frauen hinziehen, siegte der Grüne Alexander Van der Bellen. Es hat sich nicht nur eine Kluft zwischen Provinz und Stadt aufgetan, sondern auch eine zwischen den Geschlechtern: Landesweit wählten 62 Prozent der Frauen den heutigen Bundespräsidenten. Hätten allein die Männer entschieden, wäre Norbert Hofer mit 56 Prozent in die Hofburg eingezogen.

Der Männerüberhang im Wahlverhalten
Der Soziologe Rainer Rosegger hat sich bereits nach der ersten Stichwahl im Mai die Ergebnisse genauer angesehen und mit den demografischen Zahlen des Landes verglichen. ›Es gibt eine mittelstarke Korrelation zwischen der Wanderbilanz und dem Wahlverhalten‹, sagt er. Rosegger hat sich in vielen Forschungsarbeiten mit der Abwanderung beschäftigt. All die negativen Faktoren, die sich im ländlichen Raum zusammenbrauen, sagt er, würden auch dazu führen, dass mehr Menschen eine Protestpartei wählen. Ein Element davon: der Männerüberhang. ›Das geht sich schon quantitativ nicht aus, dass jeder Mann eine Partnerin findet‹, sagt Rosegger. ›Aber Partnerschaften wirken sich auf die Lebenszufriedenheit aus.‹ Vor allem in ländlichen Regionen ist die FPÖ zu einer ernsthaften Konkurrenz für SPÖ und ÖVP herangewachsen. ›Dort, wo es um traditionelle Wertorientierungen und generelle Zukunftsängste geht.‹

Die politische Stimmung ist auch ein Grund, warum es Lisa wegtreibt aus ihrem Heimatdorf. Sankt Lorenzen am Wechsel, ein Ort mit 1.500 Einwohnern, liegt 15 Autominuten von Sankt Jakob im Walde entfernt. Auch hier schließen die Geschäfte, wandern die Menschen ab, 13 Prozent seit 2001. Und auch hier fehlen die Frauen. Bei der Präsidentschaftswahl stimmten 71 Prozent der Einwohner für Norbert Hofer. Lisa ist ein Mensch, der Spendenaktionen für Geflüchtete organisiert, syrischen Männern Deutschkurse gibt und einen Freund mit ausländischen Wurzeln hat. Die Ideen der FPÖ lehnt sie ab, und auch die Vorurteile im Dorf.

In ihrer Heimatregion, sagt Lisa, hätte sie sogar bessere Chancen, einen Job als Lehrerin zu finden. Zurückzugehen kann sie sich trotzdem nicht vorstellen. ›Ich habe daheim auch keine Leute mehr‹, sagt sie. Die 26-Jährige ist gerade von der Arbeit nach Hause gekommen, und ihr Zuhause, das ist heute eine helle Altbauwohnung in Graz. Lisa mag die Stadt, die manchmal auch wie ein Dorf sei, aber es gebe hier eine kritische Masse, viel mehr Möglichkeiten, sich politisch zu beteiligen, spontane Demos. Auch sie war nie Mitglied in Vereinen, sie tanzte lieber auf Konzerten als auf Landjugendbällen. Wenn Lisa heute bei Klassentreffen alten Schulkollegen begegnet, erntet sie oft mitleidige Blicke. ›Hier hat jeder ein Auto, manche sind verheiratet, haben Kinder, bauen ein Haus‹, sagt sie. Das sind die Dinge, die auf dem Land ein erfolgreiches Leben definieren würden. ›Wenn du das nicht hast, dann hast du es nicht geschafft.‹

Je länger sie weg sei, sagt Lisa, desto größer werde die Distanz zu ihrer Heimat. Wer in die Stadt gehe, verrate das Dorf. Es ist eine Absage an die Gemeinschaft. ›Viele Gemeinden sind dann fast beleidigt‹, sagt Gerlind Weber. Dabei sei es wichtig, mit den Abgewanderten Kontakt zu halten ›und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie willkommen sind‹. Es gebe kaum einen Austausch, auf beiden Seiten keine Erwartungshaltungen. ›Die Gemeinden wollen meistens nur, dass die Frauen dableiben oder ganz schnell wieder zurückkommen.‹

Für Heimkehrer und Zugezogene ist es oft schwer, in die Dorfgemeinschaft zu finden. ›In vielen Gemeinden herrscht das Motto: Wir sind wir‹, sagt Theresia Oedl-Wieser. ›Und es gibt ein großes Misstrauen gegenüber Intellektuellen und Studierten.‹ Das müsse sich ändern, das Land könne mithilfe der Digitalisierung auch Menschen anziehen, Leute aus der Kreativwirtschaft etwa. ›Viele Gemeindevertreter glauben, dass man immer ein Industriegebäude hinbauen muss, um Arbeitsplätze zu schaffen‹, sagt Weber. ›Aber die jungen Gebildeten können auch ihre eigenen Arbeitsplätze sein und andere Arbeitsplätze schaffen.‹ Dafür braucht es aber eine soziale und kulturelle Offenheit. ›Die Abwanderer‹, sagt Weber, ›fühlen sich oft wie Verstoßene.‹

Und so geht es manchmal auch Lisa und Eva. Wenn sie heimkommen, werden sie oft als ›die Städter‹ oder ›die Studierten‹ angesprochen. Sankt Lorenzen am Wechsel und Sankt Jakob im Walde, sagen sie, werden immer ihre Heimat sein. Aber in in diesen Momenten wissen sie, dass sie dort nicht mehr hingehören. Denn im Dorf, sagen die beiden, gebe es im Grunde nur zwei Möglichkeiten: ›Entweder du gehörst dazu, oder du gehörst nicht dazu.‹