Nicht mit meinem Kind

Wie eine Minderheit esoterischer Impfgegner die ganze Gesellschaft verunsichert.

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Illustration:
Flavia Sorrentino
DATUM Ausgabe April 2017

Plüschtiere liegen auf der Couch verstreut, daneben eine weiße Decke und ein Stapel mit Windeln. Auf dem Küchentisch hat Manuela Hanny Kaffee und Kuchen bereitgestellt und einen ›Cars‹-Untersetzer ausgebreitet. ›Ob ich sie impfen soll oder nicht, war für mich eine der schwierigsten Entscheidungen meines Lebens‹, sagt sie. Sie nimmt ihre vier Monate alte Tochter sanft in die Arme. ›Wer weiß, welche Krankheiten sie sich im vollgestopften, stickigen Autobus in Wien einfangen könnte.‹ Andererseits: Wer wisse schon, wie gefährlich diese Krankheiten tatsächlich seien. Möglicherweise könn­ten Impfungen mit ihren Nebenwirkungen noch mehr schaden.

Manuela Hanny, weißes Hemd, kurze blonde Haare, wohnt in einem Einfamilienhaus in Wien-­Simmering. Neben der Couch im Wohnzimmer stehen Bilder ihrer drei Kinder: der zwölfjährige Alex (alle Kinder­namen geändert), der fünfjährige Paul und die vier Monate alte Lena. Alex und Paul sind vollständig geimpft, Lena hat bis jetzt noch keine Spritze erhalten. Seit zwei Jahren beschäftigt Hanny sich mit dem Thema Impfen. Über ihre Shiatsu-Praktikerin sei sie auf alternative Facebook-Gruppen aufmerksam geworden. Ihr bisheriger Kinderarzt hingegen warnte sie vor der Gefahr durch Krankheiten. Wenn Manuela Hanny von den vergangenen Monaten erzählt, scheint sie immer noch hin- und hergerissen.

Einen Tag zuvor sitzt sie mit ihrem Baby und ihrem Mann im ›Familienhaus‹ in Hietzing im Kreis medizinkritischer Eltern. Der Arzt Reinhard Mitter hat zur Impf­runde geladen. Mitter, grauer Scheitel, sanfte Stimme, schleicht im Pullover und auf Socken durch den Raum, ganz wie die Eltern. Bausteine und Malbücher liegen herum. Mitter nimmt, wie die Mütter und Väter, im Sitzkreis auf einem Kindersessel Platz, ein Doktor auf Augenhöhe.

Frau Hanny stellt wie alle anderen Eltern Fragen. Was ist schädlicher: die Impfung oder die Krankheit? Ihr Mann fügt an, ob das wirklich nötig sei, ›was da alles in den kleinen Körper hineingepumpt wird durch die Spritze‹. Mitter beantwortet die Fragen der besorgten Eltern geduldig und lächelt viel. Er nennt sich selbst einen Aufklärer, doch wer ihm aufmerksam zuhört, erkennt einen überzeugten Impfgegner. Prinzipiell seien Impfungen wirksam, räumt er zwar ein. Wenig später beruhigt er die Eltern aber: ›Neunzig Prozent unserer Probleme machen wir uns selbst.‹ Mitter ist ein großer Tröster und Beschwichtiger. Er setzt auf Bioheilung, der Körper mache das schon. ›Fiebern lassen, fiebern, fiebern‹, appelliert er an die Runde, ›auch bis vierzig Grad.‹

Wie begründet ihre Angst vor Tetanus sei, fragt eine Mutter. ›Unbegründet‹, antwortet Mitter. Selbst bei Tetanus, dem oft tödlichen Wundstarrkrampf, hält er von einer Impfung nicht viel, ›die Wunde mit Wasser spülen und säubern‹ sei auch eine Lösung. Und am Ende der Stunde zieht er einen Vergleich über Impfschäden: ›Das ist wie beim Rauchen: Je mehr ich rauche, desto eher kriege ich einen Schaden.‹

Mediziner wie Reinhard Mitter, die der Impfskepsis den Boden bereiten, sind Teil eines Problems. Einige hochansteckende Krankheiten könnten in Österreich bereits ausgerottet sein, auch Masern und Röteln, die viele Erwachsene noch aus ihrer Kindheit kennen. Nötig sind gegen die Infekte aber Durchimpfungsraten von mindestens 95 Prozent. Allein im Jänner und Februar dieses Jahres verzeichnete Österreich 64 Masernfälle – keine Kleinigkeit. Bei zwanzig von hundert Masernerkrankten kommt es zu Komplikationen wie Bronchitis, Mittelohr- und Lungenentzündung, in einem von tausend Fällen zur Enzephalitis, einer lebensbedrohlichen Gehirnentzündung.

Und doch sind 57 Prozent der österreichischen Eltern gegenüber einigen der empfohlenen Impfungen skeptisch, auch wenn sie das Impfen grundsätzlich be­für­worten. Das ergab im Jahr 2013 eine Befragung der St. Pölt­ner Karl-Landsteiner-Gesellschaft, benannt nach dem in Niederösterreich geborenen Medizin-Nobelpreisträger. Weitere vier Prozent sind entschiedene Impfgegner. Diese kleine Gruppe versucht nicht nur Impfungen zu vermeiden oder möglichst lange hinauszuzögern, die Eltern wünschen sich auch oft, dass ihre Kinder Krankheiten wie Masern, Röteln und Mumps bekommen. Das sei eine willkommene Trainingseinheit für den kleinen Körper, aus der das Kind gestärkt und gereift hervorgehe. Von Entwicklungsschüben ist häufig die Rede.

Vorstellungen, die von der Wissenschaft widerlegt sind. Wer die Masern bekommt, dessen Immunsystem ist auch nach der Heilung noch über mehrere Jahre, deutlich länger als früher angenommen, durch die Viren geschwächt und er selbst einem erhöhten Sterberisiko durch andere Infektionen ausgesetzt. Das hat der klinische Pathologe Michael J. Mina mit seinem Team an der Harvard Medical School in einer Studie nachgewiesen, die er 2015 in dem Magazin Science veröffentlichte.

Das Impfen ist tatsächlich eine Erfolgsgeschichte. Die Pocken sind dadurch weltweit ausgerottet worden, Krankheiten wie Diphterie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Masern und Röteln in vielen Erdteilen eingedämmt worden. ›Es gibt kaum eine andere wissenschaftliche Diszi­plin, die so wie das Impfwesen bewiesen hat, wie stark sie sein kann in der Ausrottung von Krankheiten‹, sagt Ursula Wiedermann-Schmidt, Professorin für Vakzinologie und Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und ­Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien. ›Die Vorteile der Impfung überwiegen das Risiko einer Erkrankung durch das Impfen bei weitem.‹

Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, weil sie das für entbehrlich oder gar schädlich halten, argumentieren häufig so: Die anderen können ja impfen gehen, wenn sie bestimmte Krankheiten nicht bekommen wollen. Vergessen wird dabei gerne, dass Säuglinge vor dem siebenten Lebensmonat, aber auch Schwangere und Menschen, die ein schwaches Immunsystem haben, nicht gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft werden können. Sie sind angewiesen auf den sogenannten Herdenschutz, der nur herrscht, wenn ausreichend Menschen gegen eine ansteckende Krankheit geimpft sind. Die Impfgegner sind damit eine kleine, aber einflussreiche Gemeinde. Zusammen mit all jenen, die das Impfen schlicht vergessen, tragen sie dazu bei, dass Österreich die Durchimpfungsraten verfehlt, die zum Eliminieren von Krankheiten nötig wären.

Der impfkritische Kinderarzt Mitter wischt das Argument der sozialen Verantwortung weg, den von der Politik angestrebten Gemeinschaftsschutz hält er für ein Dogma, das Eltern davon abhalten soll, sich frei zu entscheiden. Die Fürsprecher seien ideologisch befangen oder finanziell von der Pharmalobby abhängig, sagt er. In seiner Hietzinger Impfrunde redet er die Gefahr der Masern klein. Die meisten Menschen seien ja ohnehin gegen Masern geimpft. ›Das kriegen Sie jetzt nicht, wenn Sie einfach beim Billa stehen‹, sagt er. Die verunsicherten Eltern versucht Mitter mit seinem Glauben an das Gute von Krankheiten und an die natürliche Heilung zu infizieren. Nach der Hälfte der gut einstündigen Fragerunde muss er viele nicht mehr überzeugen. Auch Manuela Hanny wird später sagen, Mitter habe ihr an diesem Nachmittag Mut gemacht, die Krankheit ihres Kindes zuzulassen.

An den Klotüren prangt ›WC nur für die 6.bis 12. Klasse‹.

In seiner Ordination rät Mitter den Patienten, sich selbst zu informieren und die Entscheidung für oder gegen das Impfen auch aus dem Herzen heraus zu treffen. Wie schwierig es für Politik und Gesundheitsbehörden sein kann, die Folgen solcher Herzensentscheidungen unter Kontrolle zu bekommen, zeigt der Fall der Rudolf-Steiner-Schule in Wien-Währing in diesem März. Die Privatschule, untergebracht im Schloss Pötzleinsdorf in einem großen Park mit mächtigen Platanen, will ihren Kindern eigentlich Freiräume geben. Nicht ohne Stolz führt Schulleiterin Ursula Fleißgarten durch die Klassen der Waldorfschule, durch Ateliers zum Malen und Handarbeitszimmer mit Spinnrädern. ›Was man mit den Händen begreift, bekommt man besser in den Kopf‹, sagt sie. Doch die pädagogische Idylle ist getrübt. ›Durchgang gesperrt‹ steht mit vier dicken schwarzen Rufzeichen an einer Pforte, an den Klotüren prangt ›WC nur für die 6.bis 12. Klasse‹.

Denn an der Steiner-Schule am Wiener Stadtrand können sich nicht nur Kinder, sondern auch Krankheiten bestens entfalten, wie der Gesundheitsdienst der Stadt Wien, die MA 15, am 2. März per Aussendung mitteilte. Die Behörde meldete ›Masernverdacht‹. Damit schaffte es die Schule am Tag darauf auf die Titelseite der meistge­lesenen Zeitung Wiens, des Gratisblatts Heute. Unwillkommene Publicity für eine Einrichtung, an der Eltern pro Kind mehr als 400 Euro monatlich zahlen.

Am 2. und 3. März blieb die Rudolf-Steiner-Schule wegen Masernverdachts geschlossen, doch die Ausschläge entpuppten sich als Röteln, auch das eine meldepflichtige Krankheit. Die MA 15 bestätigte schon Anfang März mehr als zehn Rötelnfälle bei den Währinger Steiner-Schülern. Rund vierzig Prozent der Eltern hätten für ihre Kinder keinen Impfnachweis, sagt Schulleiterin Fleißgarten. Auch ohne Masern bleibt wochenlang vieles anders an der Schule: Die Kinder der Stufen 1 bis 5 dürfen ohne Impfnachweis drei Wochen nicht die Schule besuchen. Jene jüngeren Schüler, die kommen dürfen, also die geimpften, werden von den Älteren der Stufen 6 bis 12 strikt getrennt. ›Wir haben dafür sogar eine andere Pausenordnung gemacht‹, sagt Fleißgarten und schluckt ihre Verwunderung über die Isolierungsmaßnahmen der MA 15 hinunter.

Harte Maßnahmen. Aber auch mit Sicherheit wirkungs­voll? Die Geschichte einer betroffenen Mutter lässt daran Zweifel aufkommen. Ein modernes Holzhaus in Klosterneuburg in der Nähe von Wien. Auf dem Esstisch von Franziska Redl (Name geändert) stehen weiße Dosen mit Globuli und Schüßler-Salzen. Redl ist Impfgegnerin, ihre Kinder besuchen beide die Steiner-Schule in Pötzleinsdorf. ›Es ist aus meiner Sicht wichtig, dass ein Kind eine Krankheit wie die Röteln durchmacht und über die Haut bestimmte Dinge ausscheiden kann‹, sagt die 48-Jährige.

Ihren älteren Sohn David hat sie noch gegen manches impfen lassen, die sechsjährige Tochter Anna gegen nichts mehr. Am 28. Februar hegte ein in Redls Haus geeilter praktischer Arzt bei ihrer geschwächten Tochter Anna einen Masernverdacht. Wie bei anderen Kindern der Steiner-Schule stellte sich heraus, dass sie Röteln hatte. Doch auch nichtgeimpfte Geschwister von Erkrankten wollte der Gesundheitsdienst der Stadt Wien für drei Wochen nicht mehr an der Schule sehen, darunter David, der nicht gegen Röteln geimpft ist.

Die Familie schrieb am 7. März ein E-Mail an die MA 15, beschwerte sich über die Maßnahme. Ein Jurist der MA 15 räumte daraufhin am 8. März zum Schulverbot ein, man könne ›mangels Zuständigkeit hierzu keine Auskunft geben‹. Fazit: Die Stadt Wien kann einem möglicherweise ansteckenden Kind mit Hauptwohnsitz in Niederösterreich nicht den Schulbesuch verbieten. Redl schickte ihren Sohn am 9. März wieder in die Steiner-Schule, obwohl er möglicherweise bald Röteln bekommen würde. ›Die Freunde vom David, die in Wien wohnen und nicht geimpft sind, mussten weiter zu Hause bleiben‹, spottet Redl über die Beamtenposse.

Aus der MA 15 heißt es, die Fernhaltung ungeschützter Personen sei ›die wesentliche Maßnahme bei einem Krankheitsausbruch‹. Aber hat der Schulbesuch Davids die MA-15-Maßnahmen nicht unwirksam gemacht? Die MA 15 will diese Frage nicht direkt beantworten, der Gesundheitsdienst schreibt in einer allgemeinen Stellungnahme: ›Die gesundheitsbehördlichen Maßnahmen erfolgen immer in enger Kooperation mit der Schuldirektion und dem Stadtschulrat, sodass von einer koordinierten Umsetzung auszugehen ist.‹

An der Rudolf-Steiner-Schule hat Direktorin Fleißgarten kein Problem mit Davids Rückkehr, trotz erkrankter Schwester. ›Wir hätten auch andere Kinder früher wieder genommen, weil viele Eltern mit ungeimpften Kindern dankbar wären, wenn ihr Kind die Röteln auf natürliche Weise bekommt‹, sagt sie.

Es braucht jedoch nicht unbedingt die Wurmlöcher des Föderalismus, damit Krankheiten sich ausdehnen können. Denn bevor die MA 15 den ungeimpften Waldorfschülern de facto eine Quarantäne verordnete, waren diese möglicherweise noch ansteckend im Wiener Prater oder auf Spielplätzen herumgetollt.

Weitaus gefährlicher wäre es gewesen, hätte sich der Verdacht der hochinfektiösen Masern bestätigt. Bei den diesjährigen Masernfällen, die meisten davon in Niederösterreich und der Steiermark, seien Abriegelungsimpfungen und Immunglobuline, also passive Impfstoffe, die sehr schnell wirken, verabreicht worden, sagt Heidemarie Holzmann, leitende Virologin der Medizinischen Universität Wien und Mitglied im Nationalen Impfgremium des Gesundheitsministeriums. Diese Maßnahmen seien teuer und aufwendig, zahlreiche Behörden und Kliniken müssten eingeschaltet werden. Für Impfskeptiker hat Holzmann deshalb kein Verständnis: ›Man hat zum Beispiel in Deutschland nachgewiesen, dass die Infektionsketten dort losgehen, wo es viele Impfskeptiker gibt, zum Beispiel im Umfeld eines impfkritischen Arztes und in Rudolf-­Steiner-Schulen, wobei auch dort nicht alle Skeptiker sind.‹

Im zuständigen Ministerium hätte man die Masern in Österreich am liebsten schon ausgerottet, wie es die Weltgesundheitsorganisation für 2015 als Ziel für Europa ausgegeben hat. Doch 2008 gab es sogar 443 Masernfälle, unter anderem, weil an der Rudolf-Steiner-Schule in Salzburg-Mayrwies zahlreiche Kinder und Lehrer erkrankten. 2015 waren es bundesweit 309 Fälle, auf Betroffene pro Einwohner gerechnet die zweitmeisten aller EU-Länder nach Kroatien. 2016 lief es deutlich besser, doch die ersten Monate dieses Jahres verheißen für 2017 nichts Gutes.

Die neue Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner, eine habilitierte Epidemiologin, will deshalb neue Maßnahmen setzen. Neben mehr Aufklärung und Information könnte in Österreich eine Impfpflicht für Gesundheitsberufe eingeführt werden. Ärzte, Pflegepersonal und Hebammen müssten dann Impfungen nachweisen können, sofern das rechtlich umsetzbar ist und man sich mit den zuständigen Landesräten einigt. Außerdem soll ein elektronischer Impfpass kommen: An Auffrischungen könnte damit künftig automatisch erinnert werden. Die von den Wiener Neos und der Bioethikkommission ins Spiel gebrachte Idee, einen Platz in öffentlichen Kindergärten und Schulen an den Impfnachweis des Kindes zu koppeln, wird derzeit ebenfalls im Ministerium geprüft.

Eine Impfpflicht für alle schließt Rendi-Wagner aber aus. ›Jede Art von Impfverpflichtung ist verfassungsrechtlich heikel, weil zwei Aspekte berührt werden, die öffentliche Gesundheit und zugleich das Recht auf körperliche Unversehrtheit‹, sagt ihr Sprecher. Im Zuge der Reform des Mutter-Kind-Passes schlägt die Ministerin allerdings ein verpflichtendes Impfgespräch wie in Deutschland vor.

Manche Gegner sagen, sie würden eher ins Gefängnis gehen, als sich impfen zu lassen.

Spricht man mit der Direktorin der Rudolf-Steiner-­Schule in Pötzleinsdorf und der Impfgegnerin Franziska Redl, deren Tochter an Röteln erkrankte, zeigt sich: Es spricht für den Realismus der Ministerin, keine allgemeine Impfpflicht zu fordern. Manche Gegner sagen, sie würden eher ins Gefängnis gehen, als sich impfen zu lassen. Gleichzeitig sollten Rendi-Wagners Hoffnungen auf Erfolge eines vorgeschriebenen Impfgesprächs nicht zu überschwänglich ausfallen. Nach dem Masernverdacht bei ihrer Tochter habe ein Amtsarzt in Klosterneuburg eine halbe Stunde auf sie eingeredet, sagt Redl, und sie über Komplikationen und mögliche Folgeschäden informiert. ›Es war eine bewusste Entscheidung, wir wollen unsere Kinder nicht impfen lassen‹, habe sie geantwortet.

Direktorin Ursula Fleißgarten wiederum bekam ein Angebot der MA 15, für einen Tag eine Impfstelle an der Steiner-Schule einzurichten. Nur ein Elternteil habe positiv reagiert, der Vorschlag des städtischen Gesundheitsdiensts wurde dankend abgelehnt. ›Bei uns sind halt sehr bewusst denkende Menschen, die mit Dingen nachdenklich umgehen und sie hinterfragen‹, sagt Fleißgarten. ›Es ist utopisch zu glauben, dass sie durch so eine Maßnahme überzeugt werden können.‹

Unter den Eltern der Steiner-Schule soll es allerdings auch Spannungen gegeben haben: Impfbefürworter, die sich ärgern, dass wegen kranker oder ungeimpfter Kinder Theateraufführungen und Ausflüge abgesagt wurden. Impfgegner, die sich von den Befürwortern nicht anschwärzen lassen wollen. Anthroposophische Eltern wie Franziska Redl sagen, sie wollen toleriert werden, so wie sie selbst Impfbefürworter dulden müssten. Politik und Behörden würden aber die friedliche Koexistenz nicht zulassen. Dabei liegt der Unterschied zwischen dem Impfen und zum Beispiel alternativen Erziehungsmethoden auf der Hand: Wer die Immunisierung bleiben lässt, stellt seinen Individualismus über die Gemeinschaft und nimmt das Anstecken von anderen in Kauf.

Manuela Hanny erzählt in ihrem Wohnzimmer in Simmering, sie habe sich als Impfskeptikerin von ihrem Kinderarzt in Angst versetzt und nicht ernst genommen gefühlt. Ob Impfen wirklich notwendig ist, habe sie wissen wollen. Er habe zurückgefragt, ob sie glaube, dass ihre Tochter weniger Schutz braucht als andere – und gedroht: Lasse sie ihr Kind nicht impfen, werde er Frau Hanny auch nicht mehr in der Ordination aufnehmen. Sie beschloss, nicht mehr zu kommen.

Es ist im Grunde ein Kampf zwischen Glauben und Wissenschaft, wie ihn viele für überwunden gehalten haben und in dem so mancher Schulmediziner schon einmal die Nerven verliert. Kaum ein Thema polarisiert so sehr, manchmal entgleitet die Debatte auch völlig. Die Neos-Politikerin Beate Meinl-Reisinger erzählt, sie sei nach ihrem Impfvorstoß in einer Wiener Straßenbahn beschimpft worden, sie wolle Auschwitz wiedereinführen. In Internetforen und an sogenannten Impfstammtischen werden die Mythen gegen die Spritze munter weitergesponnen. Das Robert-Koch-Institut in Berlin stellte darum schon vor ein paar Jahren ausführlich begründete Antworten auf ›die zwanzig häufigsten Einwände gegen das Impfen‹ auf seine Website, um dem Aberglauben entgegenzuwirken.

Einer, der sich gerne als Opfer der Hochschulmedizin darstellt, ist Johann Loibner, ein Allgemeinmediziner aus der Weststeiermark. 2009 haben die Ärztekammer und das Land Steiermark ein Berufsverbot gegen ihn verhängt, weil er von Impfungen öffentlich abgeraten hatte. Weil es für die gesundheitliche Schädigung seiner Patienten keine konkreten Beweise gab, musste es 2013 aufgehoben werden. Seitdem hält Loibner wieder regelmäßig Vorträge mit Titeln wie ›Werden wir durch Impfungen gesünder?‹ und ›Homöopathie für alle‹.

Ein Vortrag Loibners im Hubertushof, einem Viersternhotel in Anif bei Salzburg. Auf Holztischen liegen Bücher und Prospekte: ›Die Seuchen-Erfinder‹, ›Gefahr: Arzt!‹, ›Impfen – Das Geschäft mit der Angst‹. Achtzig Besucher haben zwischen den Tischreihen Platz genommen, vor allem junge Frauen und Mütter, auch ein paar ältere Ehepaare. Viele halten Stift und Zettel bereit, manche neh­men mit dem Handy auf. Vor einer Leinwand steht Johann Loibner, schwarzes Sakko, Rollkragenpullover, die Gäste klatschen. ›Impfungen sind biologische Gifte, die wir in unser Kindlein hineingeben‹, sagt er, und mit einem Murren stimmen einige zu. Seine Argumente klingen wie jene von Reinhard Mitter, nur ist Loibner lauter, direkter, drastischer.

Masern seien nicht gefährlich, nur ein Propagandamittel, mit dem Angst gemacht werde. Nicht Impfungen, sondern allein der soziale Wohlstand habe die Krankheiten vertrieben. Eine Krankheit müsse erst durchlebt werden, um richtig geheilt zu sein. ›Haben Impfungen jemals geschützt?‹, fragt er in die Menge und hebt dabei seine Stimme, um der Frage einen ironischen Unterton zu geben. ›Nein!‹, rufen ihm mehrere zurück. Immer wieder benutzt er das Wort Propaganda: der Massenmedien, der Ärzte, der Pharmaindustrie. Diese sei gegen die einfachen Leute gerichtet. ›Wir, die wenigen, sind auch jemand‹, sagt er, und mit gesenkten Blicken scheinen sich die Besucher im Opfergestus zu vereinen. Die Pharmaindustrie mit ihren Medikamenten und Impfstoffen bezeichnet Loibner als geldgierig. Er selbst verkauft in einem Shop auf seiner Website homöopathische Mittel, impfkritische Bücher und DVDs, die er während seines Vortrags bewirbt.

Impfkritik, wie Loibner und Mitter sie formulieren, gibt es, seit es die Impfungen selbst gibt. Ende des 18. Jahrhunderts infizierte der englische Arzt Edward Jenner einen Buben mit Kuhpocken und machte ihn damit immun gegen gewöhnliche Pocken. Bereits zwei Jahre später wurde Jenner in einem Cartoon-Stich gezeigt, wie er Menschen mit einer Nadel scheinbar krankmacht, denen da­raufhin Tumore aus Gesicht, Armen und Beinen wuchern. Als es Mitte des 19. Jahrhunderts in England zu einem erneuten Pockenausbruch mit mehreren tausend Toten kam, verabschiedete das Parlament eine verpflichtende Impfung für Kinder. Impfgegner stellten damals Ärzte als Vampire dar und verteilten Bilder, auf denen sich geimpfte Kinder in Monster verwandeln.

Die moderne Impfgegnerbewegung begann 1982 mit dem US-Dokumentarfilm ›DPT: Vaccine Roulette‹ der Journalistin Lea Thompson, in dem sie einen vermeintlichen Zusammenhang zwischen der Diphterie-Keuchhusten-Tetanus-Impfung (DPT) und dem plötzlichen Kindstod sowie Krämpfen herstellte. Die Behauptungen des Films stellten sich als falsch heraus. Trotzdem hörten nach der Veröffentlichung hunderttausende Eltern auf, ihre Kinder mit dem DPT-Impfstoff zu versorgen, viele gründeten Antiimpfbewegungen oder schlossen sich welchen an. 1998 publizierte der britische Arzt Andrew Wakefield eine Studie, die eine vermeintliche Verbindung zwischen der Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR) und Autismus konstruierte. Darin wurden zwölf Kinder mit Verhaltensstörungen und Darmproblemen beschrieben, von ­denen acht Eltern und Ärzte angegeben hatten, die Probleme hätten wenige Tage nach der MMR-Impfung eingesetzt. Wissenschaftliche Studien haben diesen Zusam­men­hang mehrfach widerlegt, die Skepsis vieler Eltern gegenüber der MMR-Impfung ist dennoch gestiegen. Auch US-Präsident Donald Trump ist seit Jahren ein Verfechter der widerlegten MMR-Autismus-These.

Masern sind in Nord- und Südamerika ausgerottet – durch Impaktionen.

Dabei hat in den USA die Wissenschaft gesiegt, zumindest in Hinblick auf die Masern. Im vergangenen Herbst ist die Krankheit auf dem amerikanischen Kontinent für ausgerottet erklärt worden. Nach entschiedenen Impfaktionen in Nord- und Südamerika und der Karibik wurde der letzte endemische Fall 2002 gemeldet. Später gab es nur noch importierte Masernfälle, zu einem guten Teil kamen sie aus Europa. Im österreichischen Gesundheitsministerium will man das als Ansporn verstanden wissen, dass die Ausrottung möglich sei, schließlich gebe es auch Impfgegner in den USA.

Manuela Hanny jedoch hat ihre Entscheidung getroffen: gegen das Impfen ihres dritten Kindes. Sollte ihre Tochter sich anstecken, soll sie die Krankheit durchmachen. Zur Behandlung kann Hanny sich auch die Heil­methoden der ›Traditionellen Chinesischen Medizin‹ vorstellen, bei denen der Körper in einem Gespräch nach den gesundheitlichen Leiden gefragt wird. Sie habe mit dieser Behandlung schon gute Erfahrungen gemacht.

Doktor Mitter hat sie in der Impfrunde überzeugt. ›Wenn man ständig mit der Angst lebt, fließt schlechte Energie, die wieder Schlechtes anzieht‹, sagt sie.