Reise ans Ende der Nacht

Die Party ist schon vor Monaten der Pandemie zum Opfer gefallen. Was wurde seither aus dem Rausch in Gemeinschaft ? Wir haben Menschen gefragt, die ihn besonders gut kennen.

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Zeichnungen:
Jakub Vrba
DATUM Ausgabe Februar 2021

Die Corona-Maßnahmen schränken unser aller Leben ein. Besonders drastisch aber hat sich seit bald einem Jahr der Alltag der Menschen verändert, die am Abend sonst erst so richtig wach wurden : von den Nachtschwärmern, die in Clubs den Stress des Tages wegtanzen, über die Stammgäste von Bars, Beisln und Nachtcafés, bis hin zu jenen, die das nächtliche Fortgehen der anderen durch ihre Arbeitskraft als Kellner, Nachttaxler oder DJs erst ermöglichen. Wie geht es ihnen ? Wohin hat sich seit März 2020 ihr Lebensmittelpunkt verschoben ? Und ist das Nachtleben wirklich ganz zum Stillstand gekommen, oder hat es sich nur, wie einst in den USA unter den Bedingungen der Prohibition, in nicht-öffentliche Nischen zurückgezogen ? Sieben Betroffene erzählen davon, was das vorläufige Ende des öffentlichen Lebens bei Nacht für sie und ihr Umfeld bedeutet.

 

Name : Jennifer Fasching

Beruf : Kellnerin und Autorin

Alter : 30

Der Gastro gehts schlecht. Man trauert um die Wiener Kaffee- und Wirts­hauskultur. Auch wir, das Personal, trauern. Das mit der Kultur und der Arbeit ist schon verschmerzbar, der fehlende Lohn weniger.

Als Unterstützung erhalten wir Anfang Dezember eine einmalige Finanzspritze von hundert Euro Trinkgeld­ersatz. Damit kann man zwar keine Berge versetzen oder Rechnungen zahlen, aber wir sind dankbar. Die nächsten drei Vollräusche im Zeichen des Vergessens sind gesichert !  

Aber, auf die Einstellung kommts an ! Frohsinn ist eine Entscheidung. Wir entscheiden uns einvernehm­lich gegen einen zweiten Lockdown. Lieber lassen wir uns Schläuche in den Rachen stecken, als uns noch einmal alleine und ohne Geld von Nervenzusammenbruch zu Nervenzusammenbruch zu kämpfen.

Zur nächtlichen Aus­gangs­sperre treffen wir uns in unseren Wohnungen, um uns sozial von den Auf­lagen zu distanzieren und gemeinsam mit der Intensivstation zu lieb­äugeln.

Von der Mühsal der Lohnarbeit befreit und finanziell zu sehr im Arsch, als dass es uns noch kümmern würde, lassen wir die Jalousien herunter und kiffen uns zusammen heimlich in die Seligkeit.

Ich hab das Zeug nach vielen erfolglosen Versuchen eigentlich schon ganz aufgegeben, aber Krisenzeiten eröffnen einem bekanntlich neue Perspektiven. Überall in Wien riecht es in letzter Zeit verdächtig grün.

Langsam fange ich an, Gefallen zu finden an diesem schieren Existieren, diesem dekadenten Plaisir d’Être zwischen Vollrausch und verkaterter Bettlägerigkeit. Ich male mir bereits eine bunte Zukunft als voll gechillte Mari­huanaabhängige aus, als ich an einer Kreuzung einen ehemaligen Stammgast sehe. Herbert überquert als Geist die Straße. In sich selbst gekehrt, murmelt er ein paar Wörter in seinen Schal. Ich möchte ihn gern aus dem Lethargie­gefängnis seines isolierten Selbst befreien, ihm zurufen : › Serwas, Herbert, wie gehts da ? ‹, aber da habe ich schon wieder rot. Nach seinem schwankenden Gang zu schließen, kurbelt er als Berufsalkoholiker die Wirtschaft gerade anders­wo an.

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Wörter: 3800

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Lesezeit: ~20 Minuten

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