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Sie wollen doch nur helfen

Effektive Altruisten wollen großes Leid auf wissenschaftlicher Basis und mit viel Spendengeld lindern. Trotz einer Kaskade internationaler Skandale, die die Bewegung ins Zwielicht rückt, halten auch in Österreich junge Menschen an ihrer Ideologie fest.

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Illustration:
Fatih Aydoğdu
DATUM Ausgabe Juni 2024

Elena Bräu ist 20 Jahre alt und studiert Philosophie in Wien. Während man sie äußerlich für eine typische Vertreterin ihrer Generation halten könnte, ist ihr Freizeitverhalten doch eher ungewöhnlich: Bräu verbringt nämlich einen großen Teil ihrer Zeit mit wohltätigem Engagement. Das tut sie nicht nur als Einzelperson, sondern oft als Teil einer Bewegung namens ›Effektiver Altruismus‹, auch einfach EA genannt. Das Credo der Bewegung: Durch Evidenzbasiertheit und wissenschaftlichen Zugang zu karitativem Handeln soll so viel Leid wie möglich vermieden werden. Es ist dieser Zugang, der den Effektiven Altruismus aus Sicht seiner Anhänger von herkömmlichen Wohltätigkeitsorganisationen unterscheidet und der weltweit auf viele, vor allem junge Menschen anziehend wirkt.

EA Austria zählt knapp 140 Mitglieder, ungefähr 30 bis 40 Personen sind in Wien aktiv. Laut Eigenangaben der Bewegung gibt es global über 7.000 aktive Mitglieder, besonders beliebt ist der Effektive Altruismus in Großbritannien und den USA. Kein Wunder, betrachtet man das Grundprinzip der EA-Ideologie: so viel Geld wie möglich aufstellen und damit so viel Leid wie möglich bekämpfen – einen pragmatischeren und damit angelsächsischeren Zugang zu Wohltätigkeit könnte man nur schwer erfinden. 

Elena Bräu ist seit Anfang dieses Jahres Präsidentin des österreichischen Ablegers von EA. Sie kümmert sich beispielsweise um die Kommunikation von EA Austria und organisiert Veranstaltungen. Deshalb ist es etwas verwunderlich, wenn sie beim Gespräch in einem veganen Café im zweiten Wiener Gemeindebezirk sagt: ›Ich seh’ mich nicht konkret zu einer Organisation zugehörig.‹ Für sie mache Effektiven Altruismus etwas anderes aus: ›Das ist primär ein philosophischer Gedanke.‹

Für einen losen Zusammenschluss philosophisch ähnlich denkender Menschen verfügt EA jedoch über ein beachtliches globales Budget: Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber man darf gut und gerne von einigen Milliarden Euro ausgehen, die die Wohltäter insgesamt auf der hohen Kante haben. Und die wurden keineswegs aus Kleinbeträgen zusammengekratzt. Vieles davon kommt im Gegenteil von superreichen Großspendern wie Facebook-Mitbegründer Dustin Moskovitz oder – vor seiner Festnahme – vom gefallenen Wunderkind, Ex-Milliardär und Gründer der Kryptowährungsbörse FTX, Sam Bankman-Fried.

Anhänger des Effektiven Altruismus spenden Teile ihres Einkommens an ausgewählte  Organisationen und bemühen sich, so viel Geld wie möglich zu verdienen, um dann noch mehr spenden zu können. Sie bilden sich weiter, um Werkzeuge zu effektiverem wohltätigen Handeln zu entwickeln, verfolgen Karrieren in bestimmten Wohltätigkeitsorganisationen. Das alles passt nur zu gut zum meritokratischen Ansatz der Elite-Unis – und genau dort kommt der Effektive Altruismus auch her. An der Universität Oxford entstanden in den 2000er-Jahren seine Vorgängerorganisationen, die Philosophen Toby Ord und William MacAskill spielten dabei eine tragende Rolle.

 Auch in der Technik-Hochburg des kalifornischen Silicon Valley stieß die Ideologie des Effektiven Altruismus von Anfang an auf Gegenliebe. Das Universum der Tech-Milliardäre ist durch und durch rationalistisch und zahlenbasiert – denselben Blick auf die Welt schätzen sie daher auch an EA. Ihr Geld setzen die auf Effektivität bedachten Weltverbesserer unter anderem in den folgenden Bereichen ein: Pandemieprävention, Schließung von Tierfabriken, Sicherung des Überlebens der Menschheit. Warum genau dort? Weil dort laut Effektivem Altruismus eben am effektivsten geholfen werden, man pro gespendetem Euro mehr Gutes tun könne als in anderen Bereichen.

So rational das alles klingt, so gravierend ist der Ruf des Effektiven Altruismus in den vergangenen Jahren beschädigt worden. Bräus rhetorische Distanz zu der Bewegung, deren österreichischem Ableger sie vorsitzt, könnte etwas mit den weltweiten Negativ-Schlagzeilen zu tun haben, in die EA geraten ist. Hauptverantwortlich dafür: Sam Bankman-Fried, oft auch schlicht SBF genannt. Der ehemalige Krypto-Milliardär spendete über die Jahre viele Millionen Dollar an Organisationen, die im Sinne des Effektiven Altruismus arbeiten. Er äußerte sich auch öffentlich regelmäßig lobend über die Bewegung: ›Ich finde Effektiven Altruismus großartig, und er ist seit jeher mein Leitprinzip‹, sagte der damals als Wunderkind gefeierte Großspender einst.

Damals feierte die Bewegung ihn als ihren Posterboy, mittlerweile hat sein Schicksal ihr einen womöglich irreparablen Image-Schaden beschert. Denn erst kürzlich wurde SBF als Hauptverursacher eines der größten Finanzskandale der jüngeren US-Geschichte in New York zu 25 Jahren Haft verurteilt, nachdem er Gelder von FTX-Kunden in Milliardenhöhe veruntreut hatte. Schlimmer noch für EA: Laut Medienberichten waren MacAskill und andere EA-Größen über längere Zeit mehrfach vor Bankman-Frieds problematischen Geschäftspraktiken gewarnt worden. Seine Spenden wurden dennoch gerne weiter entgegengenommen. Noch viel höhere Summen sollen bereits in Planung gewesen sein, als Bankman-Frieds Betrugs-Kartenhaus schließlich in sich zusammenstürzte.

Und als ob das alles für eine Bewegung, die antritt, nichts als Gutes zu tun, nicht schon schlimm genug wäre, handelt es sich beim Fall Bankman-Fried keineswegs um den ersten medial zelebrierten Skandal im EA-Kosmos. Bereits 2022 kauften sich Effektive Altruisten das rund 15 Millionen Pfund schwere luxuriöse Anwesen namens ›Wytham Abbey‹ nahe der EA-Hochburg Oxford als eine Art Konferenzzentrum. Auf die bald in diversen Medien aufgeworfene Frage, wessen Leid sie mit diesem Geprotze effektiv linderten, kam aus der Organisation keine überzeugende Antwort. Wytham Abbey steht heute übrigens wieder zum Verkauf.

Wer sich einmal auf die Suche macht, findet noch viel mehr Fragwürdiges im Dunstkreis der organisierten Wohltäter. So formulierte zum Beispiel der EA-Philosoph Nick Beckstead in seiner Dissertation ›On the Overwhelming Importance of Shaping the Far Future‹ (deutsch: ›Über die überwältigende Wichtigkeit, die entfernte Zukunft zu prägen‹): ›Es erscheint mir nun plausibler, dass die Rettung eines Lebens in einem reichen Land wesentlich wichtiger ist als die Rettung eines Lebens in einem armen Land.‹ Ein bemerkenswerter Satz, der gegen die allgemeinen Prinzipien der Menschenrechte ebenso verstößt wie gegen den obersten Verfassungs-Grundsatz demokratischer Staaten: die proklamierte Gleichheit an Würde und Recht aller Menschen. Wer Ethik aber einmal aus der Perspektive der Effektivität zu denken beginnt, für den mag die Aussage Becksteads Sinn ergeben: Menschen in reichen Ländern, so der Philosoph, würden durch ihre höhere Produktivität im Vergleich zu Menschen aus armen Ländern positiveren Einfluss auf die ferne Zukunft nehmen können. Und wem es gelinge, diese ferne Zukunft positiv zu beeinflussen, der verhindere potenziell viel mehr Leid als ein nur auf das Jetzt fokussierter Wohltäter.

Émile Torres, Postdoc an der US-amerikanischen Case Western Reserve University, kritisiert den Effektiven Altruismus aufgrund solcher und anderer Positionen regelmäßig öffentlich. Dabei habe man in den letzten Jahren fast schon zu leichtes Spiel, gesteht Torres ein: ›Es gab wirklich keinen Mangel an Skandalen.‹ Ziel von Torres’ Kritik ist auch das mit der Person Bankman-Fried besonders eng verbundene Prinzip ›Earning to Give‹. Es beschreibt die Idee, einem möglichst hochbezahlten Beruf nachzugehen, um mit einem Teil des verdienten Geldes Gutes zu tun. SBF lebte nach dieser Maxime – zumindest behauptete der inzwischen verurteilte Finanzbetrüger das. Die Bedingung für den ausgeübten Beruf im Sinne von Earning to Give ist, dass er mindestens ›moralisch neutral‹ sein muss. Die Probe darauf soll via herkömmlichem Moralempfinden gemacht werden, jeder Großverdiener soll also selbst erkennen, ob sein Beruf das Kriterium erfüllt. 

Torres kritisiert das: ›Wo war herkömmliches Moralempfinden, als sie Leuten geraten haben, an der Wall Street oder im Krypto-Bereich zu arbeiten?‹ Auf der Website von ›80,000 Hours‹ (eine EA-Organisation, in der erforscht wird, in welcher Karriere man das meiste Gute tun kann) wird Trading in Hedgefonds jedenfalls nach wie vor als gutbezahlte Karriere beworben.

Auch an der Wiener Szene der Effektiven Altruisten ist all das natürlich nicht spurlos vorübergegangen. Die Gruppe trifft sich regelmäßig, an einem lauen Mai-Abend haben sich ungefähr zehn junge Menschen in einem hippen Lokal zum Gedankenaustausch versammelt. Neben Philosophie-Studenten sind auch angehende Physiker darunter, der Männerüberhang ist markant. An mehr Diversität werde aber gearbeitet, erklärt EA-Chefin Elena Bräu, die die Kritik an den diversen Fehlleistungen prominenter Effektiver Altruisten durchaus nachvollziehen kann. Nick Becksteads Präferenz für die Rettung von Leben in reichen Ländern bezeichnet sie etwa als ›menschenverachtend‹, und gutbezahlte Jobs in ausbeuterischen Unternehmen anzunehmen, hält sie keineswegs für moralisch neutral.

EA Austria habe aus den internationalen Skandalen seine Schlüsse gezogen: ›Wir in Österreich gehen so damit um, dass wir uns sehr intensiv mit dieser Kritik auseinandersetzen, damit solche Ereignisse sich nicht wiederholen und man daraus lernen kann‹, sagt Bräu. In der Vergangenheit hätten sie eigene Veranstaltungen abgehalten, in denen sie sich ausschließlich Kritik gewidmet hätten. In momentan laufenden Einführungsveranstaltungen zu Effektivem Altruismus, die Bräu mit einem weiteren EA-Kollegen abhält, würden die Teilnehmer mit der laut gewordenen Kritik konfrontiert und gefragt, was sie gut und schlecht am Effektiven Altruismus finden, und was man verbessern könnte.

So aufrichtig und ehrwürdig das Engagement Elena Bräus und ihrer Mitstreiter auch klingt, fragt man sich angesichts all dessen doch, was die Wiener Altruisten eigentlich mit den in Verruf geratenen Tech-Boys aus dem Silicon Valley verbindet. Das Budget von EA Austria betrug im Jahr 2023 knapp 900 Euro und stammte sicher nicht von einem Milliardär. Sind Bräu und Konsorten nicht vielleicht einfach im falschen Verein?

›Ich finde es ein bisschen eine unfaire Betrachtung, wenn man nur diese paar negativen Teile so stark gewichtet im Gegensatz zu dem, wie viel Impact EA hat, wie viele große Charitys EA hat und wie viel Gutes es tut‹, sagt Bräu, die den Effektiven Altruismus trotz aller Skandale nicht abschreiben will. Tatsächlich klingt der veröffentlichte Leistungskatalog der Bewegung zunächst einmal beeindruckend: Zum Beispiel wurden über die Wohltätigkeitsorganisation GiveDirectly hunderte Millionen Dollar an armutsbetroffene Menschen gespendet, die selbst über das Geld verfügen können. Auch bei den Themen Tierwohl und Gesundheit in armutsbetroffenen Regionen hat man viel Zählbares geleistet, die Effektivität des Spendens für Moskitonetze zum Schutz vor Malaria wird immer wieder als Best-Practice-Beispiel genannt.

Wobei auch hier ein genauerer Blick ein zumindest ambivalentes Bild erfasst: Bereits 2015 deckte die New York Times auf, dass die vielen gespendeten Moskito-Netze zumindest teilweise zum Fischfang zweckentfremdet wurden – mit gravierenden negativen Konsequenzen für die lokalen Ökosysteme. Ein unerfreulicher Einzelfall? So transparent die verschiedenen in der EA-Bewegung vernetzten Spendenvereine ihre Tätigkeit auch darstellen mögen: Letztlich bleibt von außen meist schwer überprüfbar, ob ihr Anspruch auf ethische Effektivität sich auch wirklich einlöst.   

Elena Bräu und ihre Altruisten­gruppe aber glauben an das Konzept, das sie sich und ihresgleichen auch von superreichen schwarzen Schafen nicht verderben lassen wollen: ›Es gibt so viele Mitglieder, die einfach nur dazukommen, um einen positiven Impact zu haben. Es wäre ja irgendwie unfair, denen das vorzuenthalten, nur weil ein paar weiße Männer sich denken: »Oh ja, lass ein Schloss kaufen.«‹

Ein ebenfalls weißer Mann, der in der Welt der Effektiven Altruisten nach wie vor eine prominente Rolle spielt, ist Peter Singer. Der australische Philosoph und Sohn einer Wiener jüdischen Familie ist so etwas wie der intellektuelle Großvater der EAs. Bereits in den 70er-Jahren beschäftigte sich der Utilitarist mit Fragen der Bioethik, 2015 veröffentlichte er mit ›Effektiver Altruismus – Eine Anleitung zum ethischen Leben‹ seinen Weltverbesserungsplan auf Basis der Prinzipien des Effektiven Altruismus. 

Auch Bräu findet viele von Singers Thesen inspirierend, streicht etwa seine Arbeit in der Tierethik hervor, die ihr besonders am Herzen liegt. Es liegt wohl auch an Singer, dass auch heute noch viele Tierrechtsaktivisten zum Effektiven Altruismus finden. So ist Singer für die Popularisierung des Begriffs ›Speziesismus‹ verantwortlich, mit dem Tierrechtler die Tendenz geißeln, tierisches Leid weniger ernst zu nehmen als menschliches. Und auch heute mischt der inzwischen 77-jährige Australier im Effektiven Altruismus mit, hält Vorträge auf EA-Konferenzen und berät Aktivisten mit seiner Expertise.

Aber wie könnte es im Umfeld der EAs anders sein: Auch Singers Thesen sind höchst umstritten und werden teilweise heftig kritisiert. So sprach der Ethiker sich etwa dafür aus, dass Eltern und behandelnde Ärzte über das Weiterleben von Säuglingen mit unheilbaren Schwerstbehinderungen wie Anenzephalie entscheiden sollten. Verbände für die Rechte von Menschen mit Behinderungen kritisierten den Ansatz scharf, gegen Auftritte des Philosophen an deutschen Universitäten gab es mehrfach Proteste.

All diesem Gegenwind zum Trotz wollen Elena Bräu und ihre Kollegen die Idee des Effektiven Altruismus weiter hochhalten, sie finden: Es zahlt sich aus. Und was, wenn die Marke EA sich einmal endgültig als nicht mehr zu retten erweist? Die junge Idealistin denkt kurz nach, äußert eine pragmatische Idee, nur um sie dann doch wieder zu verwerfen: ›Ich bin mir nicht sicher, ob es zielführend wäre, den Namen zu ändern.‹ •

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