Was heute gut war

Sarah, 26, leidet an ALS. Sie stirbt gleichzeitig zu langsam und zu schnell. Wir haben sie ein Jahr lang begleitet.

·
Fotografie:
Philipp Horak
DATUM Ausgabe September 2018

Juniregen rinnt in schiefen Bahnen über das Mansardenfenster von Sarah Fischers (*Name gändert) kleinem Zimmer im neunten Wiener Gemeindebezirk. Es ist der 23. Juni 2018. Laut Statistik hätte Sarah heute tot sein sollen. Die junge Frau lebt aber: Sie sitzt in einem senfgelben Ohrensessel. Ihr gestreiftes Oberteil zieht am Schultergürtel – dort, wo sich die Knochen spitzer als in den Wochen zuvor gegen den Baumwollstoff drücken – schiefe Linien. Sarahs Hände liegen, links über rechts, in ihrem Schoß. Die Haut an den Fingern wirkt unbenützt: weich, ebenmäßig, ohne Risse an den Nägeln und ohne Schwielen. Irgendwann sind diese Finger für Sarah unbrauchbar geworden. Sie tragen ihr keine Koffer mehr und halten sie nicht mehr am Fahrrad fest.

Sarah Fischer ist 26 Jahre alt. Zierlich, blond mit blauen Augen, wachem Blick und Sommersprossen auf der Stupsnase. Sie stand gerade am Anfang, als das Schicksal auf die Stopp-Taste drückte, ihr zwei verbleibende Jahre gab und sie zwang, Antworten auf Fragen zu finden, die jemand, der jung ist, nicht stellen müssen sollte: Wie fühlt es sich an zu sterben? Und: Ab wann ist ein Leben nicht mehr lebenswert?

Das Kuvert, das Sarahs Leben am 23. Juni 2016 in ein Davor und ein Danach teilt, liegt vielleicht schon länger in ihrem Briefkasten. Sarah, zu diesem Zeitpunkt 24, hat gewusst, dass es kommt, und sich auf schlechte Nachrichten vorbereitet: Nach monatelangen Untersuchungen und Tests, für die ihr Neurologen zentimeterlange Kanülen, dick wie Stricknadeln, ins Rückenmark schoben, ist sie auf Schlimmes gefasst. Die Finger ihrer rechten Hand, die sie zum Tippen in die Tasten drückt, um die per Brief übermittelte Diagnose – ›Linksseitige Vorderhorn Zellläsion‹ – zu googeln, führen zu diesem Zeitpunkt bereits ein unheimliches Eigenleben: Wenn sie ein S tippen will, trifft sie ein E oder ein K statt des Is, deswegen prüft sie ein gutes dutzend Mal die Reihenfolge der Buchstaben, denn die Suchmaschine kennt die Diagnose nicht. Wie lange es dauert und wie viele Internet-Schichten Sarah Fischer abtragen muss, bis sie schließlich hat, wonach sie sucht, weiß sie heute nicht mehr. Nur, was am Ende dasteht: Amyotrophe Lateralsklerose – ALS –, eine tödliche Krankheit, für die es weder Behandlung noch Heilung gibt; die ihr die Fähigkeit zu gehen, zu stehen, zu sprechen, zu greifen, zu halten, zu schlucken, zu drücken, zu atmen nach und nach nehmen wird, und damit in weiterer Folge das Leben.

Buch Icon

Wörter: 3940

Uhr Icon

Lesezeit: ~27 Minuten

Diesen Artikel können Sie um € 1,50 komplett lesen.

Feedback

Gerne lesen wir Ihr Feedback und würden Sie bitten uns mitzuteilen, was wir bei der Bezahlfunktion besser machen können.

Optionen *

Was heute gut war

Diesen Artikel können Sie um € 1,50 komplett lesen.

Die Bezahlung erfolgt via PayPal.
Nach Bezahlung ist der Artikel 48 Stunden für Sie verfügbar.

Genießen Sie die Vorteile eines DATUM-Printabos
und wählen Sie aus unseren Abo-Angeboten! Und Sie erhalten DATUM zehn Mal im Jahr druckfrisch zugesandt.