Alle gegen einen

Ein oppositionelles Bündnis von Links bis weit Rechts will den ungarischen Autokraten Viktor Orbán nach zwölf Jahren aus dem Amt jagen. Es kämpft nicht nur gegen den Amtsinhaber, sondern auch gegen eine gleichgeschaltete Presse.

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Fotografie:
Wolfgang Rössler
DATUM Ausgabe April 2022

Ervin Szabó spitzt die Lippen, sein Bart steht vom Kinn ab. So ungefähr stellt man sich Attila, den Hunnenkönig, bei einer Schlachtbesprechung vor. ›Es gibt da eine Wand‹, sagt er. Welche Wand, Herr Szabó? ›Die zwischen mir und den Leuten in den Dörfern‹, erwidert der Rechtsanwalt und Lokalpolitiker aus Orosháza, dem einzigen Städtchen in Süd-Békés. Sturmecke nennt man den Südosten Ungarns im Rest des Landes, wo der Wind hunderte Kilometer ungebremst über die Steppe jagt. Hier, unweit der Grenze zu Rumänien, liegt zwischen den einzelnen Siedlungen mitunter eine halbe Autostunde, über Rumpelpisten voller Schlaglöcher und Furchen, weil sich Traktorreifen tief in den Matsch gefressen haben. Wer in einem dieser Dörfer die Rettung ruft, wartet eine kleine Ewigkeit. Vorausgesetzt, sie kommt.

Szabó ist Spitzenkandidat der rechten Jobbik-Partei für den Wahlkreis Süd-Békés. Er sitzt in seiner Kanzlei vor einem übergroßen Schachbrett, auf dem die weißen Figuren Kreuzritter darstellen und die schwarzen muslimische Seldschuken. Über ihm hängt ein Dolch. Szabó ist alles, bloß kein Linker. Nun aber kämpft er Hand in Hand mit Sozialdemokraten, Liberalen und Grünen, um bei den Wahlen am 3. April Premier Viktor Orbán aus dem Amt zu treiben. Dessen orange Fidesz-Partei tritt nun nicht mehr gegen ein halbes Dutzend kleinere Parteien an. Sondern gegen ein Oppositionsbündnis, das im ganzen Land türkise Plakate mit einheitlichem Design affichiert. Diese Regenbogenallianz will den ungarischen Rechtsstaat retten, indem sie die Wand durchbricht.

Um zu erläutern, was er damit meint, erzählt der Rechtsanwalt eine Episode aus dem Wahlkampf. Vor einiger Zeit sei er bei einem Hausbesuch am Land mit einem älteren Ehepaar ins Gespräch gekommen, beide jenseits der 80. Ob Szabó für die regierende Fidesz antrete, wollte die Frau wissen. Er verneinte entschieden. Schade, entgegnete sie. Nur der Machthaber in Budapest, Viktor Orbán, vermöge die skandalösen Zustände an ungarischen Schulen zu ändern. ›Welche Zustände?‹, fragte Szabó. ›Wissen Sie das nicht?‹, entgegnete die alte Frau. ›Vor den Türen stehen Homosexuelle, die unsere Buben schwul machen wollen.‹ Das und die schlechten Zukunftsaussichten hätten ihre Kinder bewogen, nach Australien auszuwandern. Nun allerdings würden sich die Kinder nicht mehr melden. Er habe die beiden Alten aufgeklärt, erzählt Szabó. Dass er selbst drei Söhne habe, die noch nie vor der Schule von queeren Aktivisten angesprochen worden seien.

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