Am Abstellgleis

In Österreichs Alten- und Pflegeheimen werden Bewohner systematisch ruhig gestellt. Das System lässt dem Pflegepersonal keine andere Wahl.

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Illustration:
Andrea Settimo
DATUM Ausgabe Mai 2018

Frau Müllers* Handlungsspielraum reicht nicht einmal bis zu dem halbleeren Glas Hipp, Sorte Sommerfrüchte, das vor ihr steht. Sie bewegt den Mund. Kein Laut kommt heraus. Am Tisch nebenan unterhalten sich fünf Damen über das Wetter und ihre Ehemänner. Selbst wenn sie wollte: Sie könnte nicht einfach den Handlauf ihres Rollstuhls greifen und sich zu den anderen Frauen rollen, denn das Personal des Pflegeheims, in dem Frau Müller lebt, hat die Rollstuhlbremsen angezogen. Frau Müller fehlt die Kraft, um diese eigenständig zu lösen.

Frau Müller, um die 90, hat graue, zusammengebundene Haare und ein dünnes Gesicht. Um ihren Hals hängt ein Lätzchen, das bis zu ihrem Bauchnabel reicht. Frau Müller ist dement und hat, wie viele mit diesem Krankheits­bild, einen sogenannten Wandertrieb: Sie will zurück nach Hause, dahin, wo sie als Kind gelebt hat. Darum hat ihr der Arzt 25 mg Seroquel täglich verschrieben, ein Beruhigungsmittel, das bei ihrer Diagnose legitim ist. Die angezogenen Rollstuhlbremsen sind es nicht.

Frau Müller ist freiheitsbeschränkt, ihre Fortbewegung wird gegen ihren Willen eingeengt. In Pflegeheimen ist das gestattet, wenn Bewohner psychisch krank oder geistig behindert sind und die eigene Gesundheit oder die anderer massiv gefährdet. Jede solche Einschränkung muss, je nachdem, ob sie medikamentös oder mechanisch ist, von einem Arzt oder einer diplomierten Pflegekraft angeordnet werden. Außerdem muss jede Maßnahme dokumentiert und an einen Bewohnervertreter gemeldet werden. Das wurden die Bremsen nicht.

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Wörter: 4271

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