Bei den Vampiren
Ein Nicht-Schauspieler spielt einen Psychiater und entdeckt am Set die heilsame Kraft der Ablenkung.
Diese Meldung über ein Ereignis der 76. Berlinale war zu lesen: ›Ulrike Ottingers neuer Spielfilm »Die Blutgräfin« wird mit einer feierlichen Special Gala zur Weltpremiere gewürdigt.‹
Bei dieser Würdigung bin ich dabei, nicht in personam, sondern auf der Leinwand: Ich habe in der ›Blutgräfin‹ mitgespielt. Den Preis für die beste Nebenrolle werde ich mir nicht einhandeln, aber die Bilder, die ich im Kopf vom Dreh habe, sind mir lieb, ja sie haben den Rest meines Lebens geprägt.
So unwichtig ich für den Film bin, so wichtig war der Film für mich: Einen Tag vor meinem Dreh war meine Lebensgefährtin mit schwerer Krankheit ins Spital gekommen. Ich zitterte innerlich, konnte nichts tun, konnte nicht helfen, konnte nur mich ablenken. Und womit kann man sich besser ablenken als durch einen Nachmittag für einen Film mit dem Drehort hoch oben am Steinhof?
Ich bin einer der schlechtesten Nicht-Schauspieler dieser Welt, habe aber genug gespielt, um in dieser Hauptrolle des Laiendarstellers auf Erfahrung pochen zu können. Ein Nicht-Schauspieler ist jemand, den man engagiert, obwohl er wirklich nichts von dem kann, wofür man sonst engagiert wird. Es gibt Schauspieler, die auch nichts können, aber weil das ja ein Beruf ist, erwartet man von ihnen, dass sie sich die Gage verdienen. Der Nicht-Schauspieler wird mit solchen Erwartungen nicht konfrontiert, er ist am Set ein freier Mann. Er sieht halt ›von Natur‹ so aus, dass er – als Figur – irgendwie in eine Szene passt.
Es begann mit dem größten Problem, das ich beim Film habe, mit dem Catering. Die Schwarten, die man da auf den Teller bekommt, lehren jeder Verdauung das Fürchten. Furchtlos saß ich bei der Essensausgabe. Eine Angestellte der Filmfirma hatte auf mich aufzupassen, damit ich da war, wenn man mich am Set brauchte. Ja, beim Film kannst du nicht hinter der Bühne herumschleichen oder auf ein Zigaretterl in die Josefstädter Straße gehen. Beim Film musst du da sein, wenn die Kamera sich auf dich richtet!
Meine Aufpasserin setzte mir einen Herrn an den Tisch. Auf dem Tisch krachten die Schwarten, und ich brachte, ein Glück, dieses Nachbarn wegen keinen Bissen mehr runter. Man muss wissen, dass ich Schauspieler, wie der Sprachgebrauch ist, ›liebe‹. Aus strenger Selbstbeobachtung glaube ich zu wissen, dass das einen guten Grund hat: Im Fernsehen sehe ich immer wieder Erwin Steinhauer, mit dem ich mich befreundet fühle, in immer wieder anderen Rollen. Es ist für mich, der ich im Spiel von Person und Rolle – in der sogenannten ›Wirklichkeit‹ – auf eine Person und drei Rollen komme, unfassbar, wie viele Personen der Schauspieler Steinhauer in einem Lebenslauf verkörpert hat. Er muss für sich selbst ein Archiv aus den verschiedensten anderen Menschen sein, die er als Figur gespielt hat.
Der gespielte Protest gegen die Identität ist ein Lebenstraum von mir, der ich in der Rüstung meiner Eigenheiten feststecke. Man könnte auch sagen, ich fühle mich nicht besonders wohl in meiner Haut. Könnte ich mich nicht ablenken, würde ich in der Früh gar nicht aufstehen. Mit Steinhauer habe ich an einem Lesetheater der ›Letzten Tage der Menschheit‹ von Karl Kraus gearbeitet. Ich war der Dramaturg, er der Künstler. Dabei konnte ich erkennen, wie aus einem Text eine in sich differenzierte Gestalt wird: ein Drama! Das passiert durch Arbeit, die manchmal auch eine knochentrockene Seite hat. Es ist dies eine altbekannte Qualität menschlicher Fähigkeit: die Verbindung von Disziplin und dem Spielerischen.
Im spielerischen Sinn zurück zum Catering beim Film ›Blutgräfin‹. Die Aufpasserin, die mich nicht aus den Augen lassen durfte, hatte Lars Eidinger an meinen Tisch begleitet. In der ›Blutgräfin‹ hieß er sehr schön Theobald Tandem, ich glaube, weil er immer hinter Rudi Bubi von Strudl als Begleiter her war.
Ich verehre Lars Eidinger, und es ist nicht einfach, zum Essen unvorbereitet einen großen Schauspieler neben sich sitzen zu haben. Es entspann sich ein Gespräch. Er fragte, was ich denn im Film zu tun hätte. ›Eigentlich nix. Ich spiele nur einen Psychiater.‹ ›Ah‹, sagte er, ›dann sind Sie gar kein Schauspieler?‹ – ›Nein, aber ich bin auch kein Psychiater. Ich spiel das alles nur gratis.‹ ›Was?‹, fragte er erschüttert: ›Brauchen Sie denn kein Geld?‹
So viel Geld wie ich brauche, verdiene ich niemals beim Film. Also mache ich es gleich gratis. Catering mit Eidinger ist mir Lohn genug. Eidinger entsprach ganz und gar dem Klischee des Guten: Er erschien mir völlig uneitel, ein undramatischer Mensch im Alltag, sogar ohne Berührungsfurcht vor Kollegen, die keine sind.
Das Wetter entsprach dem Ort: nasskalter Steinhof. Am Set war ich noch nicht vorgesehen, also brachte man mich in ein überheiztes Mini-Abteil eines Wohnwagens. Das war ein Gefängnis oder eine klösterliche Zelle, in die man sich freiwillig begab, um abrufbar zu bleiben. Da ich gehbehindert bin, war das Hinaufklettern für mich eine Bergtour, und als man mich zum Set brachte, war ich schon lange vor Drehbeginn fertig.
Die Erschöpfung hilft gegen Schmerz und Angst, und wenn man sich auf etwas anderes als auf Schmerz und Angst konzentrieren kann, ist das wenigstens zeitweilig die Rettung. Ich gebe zu, ich habe, um die blödsinnigste Phrase dafür zu bemühen, ›meine Hausaufgaben nicht gemacht‹. Das heißt: Ich konnte meinen Text nicht, fand aber eine spielerische Lösung dafür: Als Psychiater am Steinhof hatte ich einen großen Schreibtisch und darauf legte ich mir ein Notizbuch zurecht, um die Geständnisse meiner Patienten zu protokollieren. Ins Notizbuch hatte ich aber meinen Rollentext eingetragen, ich konnte ihn vom Blatt lesen und gleichzeitig so tun, als ob ich psychotherapeutisch daherredete.
Die Rolle hatte ich übernommen wegen der Regisseurin Ulrike Ottinger, aber auch deswegen, weil ich zuhause ein Tweed-Sakko hängen hatte. Dieses, so schien es mir, muss unbedingt ein Psychiater tragen. Wenn die nächste Anfrage kommt, einen Psychiater zu mimen, dachte ich, dann werde ich mein Kostüm gleich mitbringen. Tja, ich weiß, die Rolle habe ich nicht deshalb bekommen, weil mich irgendwer für einen Schauspieler hält. Ich habe sie bekommen, weil ich ein Tweed-Sakko habe, aber auch, weil ich mit Sicherheit nur eines bin, nämlich ein Wiener. Der Psychiater aus Wien ist für einen Film, der mit Klischees lustig und intelligent spielt, unverzichtbar.
Für das Drehbuch stehen Ulrike Ottinger und Elfriede Jelinek gerade, und der Grundeinfall der Handlung trifft mein Lebensgefühl: Rudi Bubi von Strudl ist ein Vampir, aber ein besonderer. Er kann nämlich – als Vampir! – kein Blut sehen, braucht also einen Psychiater, der ihn von seiner Widernatur heilt.
Ich soll den Schauspieler Thomas Schubert, den heillosen Vampir, heilen. Er spielt so wunderbar, dass ich nicht mitspielen will, sondern nur zuschauen. Er spielt mit einer Leichtigkeit, als ob es einen Text gar nicht gäbe, während ich mit meinem Text alle Mühe habe, um ihn über die Bühne des Schreibtisches zu bringen. Die ganze psychiatrische Sitzung wird Gott sei Dank beendet von einer karnevalsmäßig kostümierten Gruppe von Psychiatriepatienten, die mit Trommeln und Gesang die Tür aufreißen. Alle sind erlöst! Das Team, nicht gelogen, bricht klatschend in den Ruf aus: ›Franz Schuh ist abgedreht.‹
Es ist zweierlei, das ich nicht vergessen werde: Einerseits die Kommunikation von Ulrike Ottinger mit ihrem Kameramann. Man könnte sie ›eingespielt‹ nennen. Aber für mich war‘s das Idealbild einer stets kritischen Absprache, deren Menschenmöglichkeit Hoffnung macht. In einer Reklamesprache könnte man sagen: Ottinger ist bestimmt, ohne autoritär zu sein, und der Mann mit der Kamera ist es ebenso.
Das zweite ist die Ablenkung. Sie ist nicht unbedingt böse Zerstreuung. Sie lockt die paar Kräfte hervor, die noch nicht von der Katastrophe niedergeschlagen sind. Eine Angestellte der Filmfirma brachte mich bei nasskalter Dunkelheit mit ihrem Auto nach Hause, in ›die Wirklichkeit‹, in der die medizinischen Befunde sagen, was gespielt wird. •