Das Comeback der Autokraten

Der Nahe Osten erlebt einen epochalen Wandel. Er wird geprägt vom Rückzug der USA und dem wachsenden Einfluss Chinas – aber auch von einem Ende der Hoffnungen des Arabischen Frühlings.

DATUM Ausgabe Juli/August 2023

Unser Staat hat aufgehört zu existieren‹, fasst Lamia Abi Azar die Tragödie des Libanons knapp zusammen. Die 45-jährige Psychologin und Regisseurin hat einen harten Tag, der ihr dafür den Beweis lieferte. Sie fand frühmorgens ihr Auto demoliert wieder. – ›Ich habe jetzt keines mehr. Eine Anzeige ist sinnlos, da kümmert sich keiner darum. Die Gehälter aller Beamten, auch der Polizei, sind so gering, dass viele gar nicht mehr zur Arbeit kommen.‹  

Azar arbeitet als Therapeutin mit straffälligen Jugendlichen und in Flüchtlingslagern, führt das kleine Zoukak-Theater in Beirut, wo die Traumata aufgearbeitet werden. Geld für diese Projekte stellt sie selbst auf. Es sei die einzig verbliebene Überlebensstrategie, im Freestyle den Alltag zu meistern. ›Wenn einer krank wird, legen wir Kollegen vom Theater zusammen, um die Behandlungskosten zu stemmen. Wir sind unser soziales Netz.‹

In Beirut nach den Anzeichen der neuen Ära des Nahen Ostens zu suchen, ergibt wenig Rohstoff für gute Nachrichten. Eine drückende Smog-Glocke liegt über der sommerlich heißen Stadt, gespeist vom Ruß der Dieselgeneratoren. Wer es sich leisten kann, betreibt sie, um Strom zu haben. Die öffentliche Elektrizitäts-Versorgung ist zusammengebrochen – wie so vieles. Versuche, nach den Wahlen eine stabile Regierung zu bilden oder einen Präsidenten zu küren, endeten ab Oktober im Patt. Seit dem Ende des Bürgerkrieges vor über drei Jahrzehnten sind die Ämter in dem Land nach einem Proporzsystem strikt verteilt: Ein Drittel der Libanesen sind muslimische Sunniten. Ihre Parteien stellen den Premierminister, in etwa gleich groß ist die Zahl der Schiiten; ihnen ›gehört‹ der Sprecher des Parlaments. Der Präsident muss ein Christ sein: Doch diese Person braucht die Stimmen der Parteien der anderen Gruppen, um gewählt zu werden. Bislang unterstützten die Vertreter der Schiiten, allen voran die Hisbollah, einen Kandidaten der christlichen Parteien. Doch die Einigung auf eine Person ist schwieriger denn je.

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