The Kids are so was von Alright

Was wir von der Generation Z lernen können.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe Juli/August 2023

Es gibt Tage, an denen sich eine unkontrollierte Endgültigkeit im Denken einnistet. Ein permanenter Abschied vom Status quo, an den man sich trotz all seiner Mängel gewöhnt hat. Ein letztes Mal so tun, als wäre alles in Ordnung. Alles so wie immer. Es ist wieder eines dieser Lebensgefühle dekadenter Wohlstandsgesellschafter: zu spüren, dass das gute Leben (das ohnehin nur wenigen vorbehalten war) mit sauberer Luft, gelegentlichem Meerblick und stabilen Verhältnissen bald der Vergangenheit angehört. Während die einen noch insgeheim hoffen, dass alles gut gehen wird, betrauern die anderen das Ende ihrer Welt. 

Beides lässt die US-Autorin Rebecca Solnit nicht gelten.  ›Diese falsche Gewissheit entschuldigt das Nichtstun. Wer sich sicher ist, dass wir alle zur Hölle fahren, oder wer im Gegenteil überzeugt ist, dass am Ende alles gut ausgehen wird, der spricht sich selbst von jedem Zwang zum Handeln frei‹, schreibt sie im The New Statesman. Solnit geht mit unserer hoffnungsvollen oder verzweifelten Melancholie scharf ins Gericht. Beides führe dazu, dass wir uns aus dem politischen Leben zurückziehen. Und die Mammutaufgabe Zukunft einer Generation überlassen, der seit jeher eingebläut wird, dass sie keine mehr hat. Zumindest keine, die auch nur ansatzweise so entspannt und lebenswert wäre wie jene ihrer Vorgänger.

Wer sich die Generation Z ansieht, bekommt schnell den Eindruck, dass sie trotz allem diese Mammutaufgabe hinkriegt. Jene Jahrgänge, die zwischen 1997 und 2012 zur Welt gekommen sind, haben so viel von dem begriffen, dem der Rest von uns nachhinkt: Klima, Gender, Diversität, Arbeit. Erst kürzlich hat eine der ihren wieder vorgemacht, wie sie kaputten Verhältnissen kontert. Die 24-jährige Irin Shelby Lynn,  ›das Mädchen, das bei Rammstein gespikt wurde‹ (Twitterbio), brachte den #Metoo-Skandal rund um die Band und Frontmann Till Lindemann ins Rollen.  ›Bringt mich vor Gericht. Ich habe keine Angst. Sie haben viel zu verlieren und eine Menge zu verbergen. Ich habe nichts zu verbergen‹, reagierte sie auf Unterlassungsklagen der Rammstein-Anwälte.

Waren wir auch einmal so drauf? So mutig?  ›Wir haben uns ausgebrannt, bevor es richtig losging‹, meinte eine Kollegin letztens. Sie gehört wie ich den Millennials an, jener Vorgängergeneration, die Sozialwissenschafter höchstens als  ›heimliche Revolutionäre‹ aus der zweiten Reihe bezeichneten und die man dafür lobte, dass sie auf all die wirtschaftlichen und politischen Zumutungen  ›ziemlich unaufgeregt‹ reagierten. Wo hat uns  ›ziemlich unaufgeregt‹ hingebracht?  Wie wollten wir die Welt mit  ›ziemlich unaufgeregt‹ retten? Wollten wir es überhaupt?

Virginie Despentes verneint. In einer Rede im Centre Pompidou vor drei Jahren räumt die Feministin und Punk der französischen Literaturszene auf mit diesem Mythos:  ›Ich höre Menschen in meinem Alter zu, die über Menschen sprechen, die heute 20 sind, und ich höre sie sagen: ›Wie alle Generationen vor ihnen wollen sie die Welt verändern‹, im abgestumpften und gelassenen Ton (…). Aber ich kann bezeugen, dass meine Generation die Welt nicht verändern wollte, einige von uns wollten es, aber meine Generation wollte nie die Welt verändern. Sie glaubte zu sehr an diese Welt und sie glaubte an alles, was man ihr erzählte.‹ Daher ihre Liebeserklärung an die junge Generation:  ›Ich entscheide mich, ihnen zu glauben, wenn sie sagen, dass sie diese Welt retten wollen.‹ Vielleicht können auch die heimlichsten Revolutionärinnen aus der zweiten Reihe daran glauben – und sich voller Tatendrang von ihrer Endzeitmelancholie endgültig verabschieden. •

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