Das Duell
Bei der ungarischen Parlamentswahl steht Viktor Orbán zum ersten Mal ein echter Herausforderer gegenüber. Reise durch ein Land im Wahlkampf.
Der Nebel hängt tief über der Landschaft, die links und rechts vorbeizieht. Ich bin unterwegs von Wien nach Budapest, ein eisig kalter Tag im Spätwinter. Diese Strecke entlang der Autobahn M1 bin ich schon unzählige Male gefahren. Doch heute, in diesem dichten Grau, habe ich für einen Moment die Orientierung verloren.
Bis plötzlich neben der Fahrbahn eine große, beleuchtete Vogelstatue aus dem Nebel auftaucht: der Turul, mit seinen weit ausgebreiteten Flügeln. Das sagenumwobene Mischwesen aus Adler und Falke ist bis heute eine wichtige Symbolfigur Ungarns. Die eiserne Vogelstatue neben der M1 bei Tatabánya, eine gute halbe Stunde vor Budapest, bedeutet für mich seit Kindertagen: Bald bin ich zuhause.
Seit fast 15 Jahren lebe ich zwar nicht mehr in Ungarn. Ich war 13, als wir wegen der Arbeit meines Vaters nach Deutschland zogen. Doch viele meiner Verwandten sind geblieben: Onkel, Tanten, Cousinen, meine Großmutter. Und bis heute löst der Turul einen seltsamen Gefühlscocktail in mir aus.
Der Legende nach erschien er Emese im Traum und kündigte die Geburt ihres Sohnes Álmos an, Stammvater der Árpáden-Dynastie, des ersten Herrscherhauses Ungarns. So wurde der Vogel Teil des ungarischen Gründungsmythos. Gleichzeitig wird er seit Jahren von rechtsextremen Gruppen als Symbol ethnischer Reinheit instrumentalisiert. Auch Ministerpräsident Viktor Orbán greift in patriotischen Reden immer wieder auf ihn zurück. ›Der Turul gehört zu unserem Blut und zu unserem Boden‹, sagte er einmal.
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