Das verdrängte Verbrechen
Im April 1945 trieben SS, Polizei und Volkssturm Tausende KZ-Häftlinge durch Oberösterreich. Obwohl Hunderte ermordet wurden, sprach lange niemand darüber.
Jahrzehntelang stand der Gedenkstein in St. Florian bei Linz im Verborgenen. Neben einem Kreisverkehr, hinter Hecken versteckt und von kaum jemandem beachtet. Wer auf dem Weg zum barocken Chorherrenstift vorbeikam, ahnte nicht, was sich hier abspielte. Erst seit Herbst 2024 führen Hinweisschilder zum Stein und erklären erstmals, was hier geschah. Unter dieser Wiese neben der stark befahrenen Straße liegt ein Massengrab mit Dutzenden Toten: Gefangene des KZ Mauthausen, die kurz vor Kriegsende durch den Ort getrieben und ermordet wurden.
Es handelt sich um eines der sogenannten Endphaseverbrechen: Die Nazis wollten noch in den letzten Kriegstagen verhindern, dass die heranrückenden Alliierten Überlebende und damit Zeugen ihrer Verbrechen befreiten. Solche ›Todesmärsche‹ und eiligen Evakuierungen gab es vielerorts im Deutschen Reich. In Oberösterreich jedoch sind sie weitgehend unbekannt – auch weil jahrzehntelang nicht darüber gesprochen wurde.
An fünf Tagen im April 1945 trieben SS, Polizei, Volkssturm und Hitlerjugend rund 20.000 Menschen vom KZ Mauthausen bis ins Lager Gunskirchen, die Häftlinge legten über 60 Kilometer zurück. Unter anderem kamen sie durch Enns, St. Florian, Weißkirchen und Wels. Hauptsächlich ungarische Juden, aber auch Verschleppte aus Litauen, Polen und der Tschechoslowakei. Darunter schwangere Frauen, gebrechliche Alte, kleine Kinder. Ohne Proviant, zwei Nächte im Freien. Wer aus Entkräftung nicht mehr mithalten konnte, wurde erschossen oder erschlagen. Bis zu 8.000 Menschen kamen dabei ums Leben.
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