Der Engel von Bihać

Der Brand im bosnischen Flüchtlingslager Lipa beschäftigte die europäische Öffentlichkeit nur kurz. Nun bleibt es wieder Helfern wie Zlatan Kovačević überlassen, europäische Werte jenseits der EU-Grenze zu verteidigen. Der Brand im bosnischen Flüchtlingslager Lipa beschäftigte die europäische Öffentlichkeit nur kurz. Nun bleibt es wieder Helfern wie Zlatan Kovačević überlassen, europäische Werte jenseits der EU-Grenze zu verteidigen.

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Fotografie  :
Uli Reinhardt
DATUM Ausgabe März 2021

Ein Klingelton surrt durch den Qualm einer Eckkneipe in Bihać, Bosnien. Der Besitzer des Handys ist auf den Eingang der Nachricht vorbereitet. Er weiß : Jetzt muss er schnell liefern ! Bei seinen Geschäften in der legalen Grauzone zählt jede Minute. Die Bestellung auf seinem Display liest sich präzise und knapp : › Elf Hosen, elf warme Jacken, Socken und Unterwäsche. ‹ Der große, schlanke Mann humpelt los, sein linkes Bein ersetzt eine Prothese. Zlatan Kovačević verlor es als 14-Jähriger bei einem Granatenangriff im Bosnienkrieg. 28 Jahre ist das her. Das Erlebnis treibt ihn an, auch wenn die Prothese seine Fortbewegung bremst. › Wir müssen pünktlich sein. Die Jungs warten schon. Wenn die Einheimischen sie rumlungern sehen, gibt es Ärger ‹, sagt er in gebrochenem Deutsch. Nach Deutschland floh er nach seiner Verletzung und kehrte 1995 zurück in seine Heimatstadt Bihać.

Derzeit leben etwa 8.500 Geflüchtete in Bosnien, die meisten von ihnen fliehen vor Krieg, Verfolgung und Hunger in Afghanistan, Pakistan, dem Irak und Syrien. Die Route über Land aus Zentralasien und dem Nahen Osten in die EU führt über Bihać, der Stadt im äußersten Nordosten des Landes. Von hier aus ist die EU nur 15 Kilometer entfernt und – wichtiger noch – der Weg durch Kroatien nach Slowenien am kürzesten. Unter den Geflüchteten hat sich herum­gesprochen, dass Kroatien eine aggressive Politik der Abschreckung gegen Geflüchtete betreibt und regelmäßig europäisches und internationales Recht bricht.

Schätzungen zufolge harren 3.000 Geflüchtete im Freien aus, in Zelten oder verlassenen Kriegsruinen – eine lebensgefährliche Situation während des bosnischen Winters. Ihnen mit Schlafsäcken, Kleidung und Nahrung zu helfen, hat sich Zlatan Kovačević mit seiner Hilfsorganisation › SOS Bihać ‹ zur Aufgabe gesetzt. Sie wollen nicht länger hinnehmen, dass die internationale Gemeinschaft und der bosnische Staat keine Lösung finden. Noch vor wenigen Tagen saß Zlatan Kovačević in einem Meeting mit Politikern und Verantwortlichen anderer Hilfsorganisationen. Es waren zähe Diskussionen darüber, wie den tausenden Geflüchteten über den bosnischen Winter geholfen werden kann. Zlatan Kovačević dauern diese Entscheidungen zu lange. Die Zeit drängt. Deswegen greift er lieber zu ungewöhnlichen Mitteln.

Das, was er jetzt tun wird, ist verboten. Die Gesetze im Kanton Una-Sana erlauben nicht, Hilfsgüter an Menschen zu verteilen, die nicht in offiziellen Lagern untergebracht sind oder gerade erst von kroatischen Grenzern durch einen sogenannten Pushback verscheucht wurden. Der Platz in den Lagern reicht allerdings längst nicht für alle Geflüchteten, obwohl die EU an die Regierung von Bosnien und Herzegowina bereits über 60 Millionen Euro für die Versorgung von Migranten bezahlt hat. Speziell alleinstehende Männer finden keinen Platz. Deswegen leben Hunderte in alten Gebäuden oder auf Feldern in Stadtnähe bei Minusgraden. › Würde ich mich immer an die Gesetze halten, könnten diese Leute erfrieren ‹, sagt Zlatan Kovačević, steigt in seinen Lieferwagen und fährt auf einer holprigen Straße durch Bihać, an baufälligen Fabriken vorbei. › Ich frage mich, wo die ganzen Gelder der EU landen ? Bei den Migranten auf jeden Fall nicht. ‹

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