Hausbesuch

Die Pandemie hat die alte Sehnsucht nach dem Eigenheim mit Garten angefacht. Besonders schnell geht das mit Fertigteilhäusern. Ein Blick in die Auftragsbücher der Hersteller verrät, wie die Österreicher künftig wohnen wollen.

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Illustration:
Nele Fierdag
DATUM Ausgabe März 2021

In der Blauen Lagune, dem großen Fertighauspark im Süden von Wien, kann man nicht das Haus der Zukunft besichtigen, dafür das Haus der Gegenwart. Rund 60 Musterhäuser warten dort, in direkter Nachbarschaft zur Shopping City Süd und gruppiert um einen namensgebenden Teich, auf Käufer. Erich Benischek schreitet in Anzug und Krawatte zwischen den künstlich wirkenden Häuserfronten. Seit mehr als 40 Jahren ist der Tiroler, ein Schnellredner mit einem buschigen Schnauzbart, im Immobiliengeschäft, seit etwa 30 davon als Eigentümer der Blauen Lagune.

Wo sollte man besser herausfinden können, in welche Häuser sich die Österreicher seit dem Ausbruch der Co­ronavirus-Pandemie zurückziehen? 140.000 potenzielle Hauskäufer pilgern jährlich ins nach eigenen Angaben größte Fertighauszentrum Europas.
Wenn man Benischek fragt, ob er ein typisches österreichisches Haus zeigen könne, blickt er sich kurz um. Dann führt er in ein Haus namens Genera 150 des Fertighausproduzenten Haas. Was sieht man darin? Zunächst ein junges Paar, das bei einem Verkäufer gerade einen Vertrag unterschreibt. Im Erdgeschoß erblickt man ein großes Wohnzimmer, das mit der Küche beinahe verschmolzen ist. Eine geringere Fläche als dieser Ess- und Wohnbereich nehmen dagegen die Couch und der Fernseher ein. › Bei den jungen Familien gibt es die Tendenz, dass der frühere TV-Bereich zur Fernsehecke schrumpft ‹, sagt Benischek.
Das Herzstück im modernen Einfamilienhaus ist nicht mehr der Fernsehapparat, sondern die Küche. Befeuert wurde der Trend durch unzählige Kochsendungen und die Food-Fotografie in den Sozialen Medien. Aber auch andere Räume erzählen etwas über die Entwicklung der Gesellschaft. Weniger das Gäste-WC, vielmehr das Gästezimmer, das in diesen vom Coronavirus geplagten Tagen oft zu einem Arbeitszimmer, zum Home Office, geworden ist. Und ein Technikraum. Ein solcher ist heute häufig notwendig, früher war die Haustechnik dagegen im Keller untergebracht. Doch Keller werden in Österreich immer weniger gebaut, stattdessen stellt man die Häuser auf eine Fundamentplatte. › Vor 25 Jahren war ein Haus ohne Keller fast nicht verkäuflich ‹, erzählt Benischek. › Ein Haus ohne Keller war kein Haus! ‹ Heutzutage, schätzt er, werde schon jedes zweite Domizil in Österreich ohne einen Keller errichtet. Denn Keller haben ein schlechtes Image – und sie sind teuer.

Benischek nimmt die Stiege nach oben. Der meistverkaufte österreichische Haustyp wird immer noch für genau eine Familie mit zwei Kindern gebaut und hat zwei Stockwerke, so auch das Genera 150. Das Erdgeschoß dient der Repräsentation, das Obergeschoß der Körperpflege und der Regeneration. Dort befinden sich ein Badezimmer und das Schlafzimmer der Eltern, wobei dieses heute, wie man aus der Branche hört, lege artis durch einen Schrankraum betreten werden will, wie in amerikanischen Fernsehserien. › Die Zeit des Kleiderschranks ist vorbei ‹, stellt Benischek fest. Das typisch österreichische Obergeschoß hat dann noch zwei Kinderzimmer, möglichst gleich groß, damit niemand streitet.

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