Die besten Jahre eines Lebens

Drei Freunde sitzen zu Unrecht jahrelang in Haft. Ihr Fall zeigt, was im US-Justizsystem schief läuft.

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Fotografie:
Johannes Pucher
DATUM Ausgabe November 2018

›Ich weiß nicht, was ich sagen soll.‹ Mit Tränen in den Augen steht Verteidiger David Partovi im Gerichtssaal des Spokane County Court House. Vor Zorn hat er den Geschworenen den Rücken zugewandt. Dann tritt er vor und setzt zu seinem Schlussplädoyer an: ›Ich will nur, dass im Protokoll festgehalten wird und die Menschen wissen, dass das die schlimmste Entscheidung eines Gerichts ist, die ich jemals gesehen habe. Zum ersten Mal in meiner ganzen Karriere schäme ich mich, ein Angestellter dieses Gerichts zu sein.‹

Es ist der 17. Februar 2009, der letzte Tag eines Prozesses in Spokane, Washington, die später in lokalen Medien als ›chaotisch‹ beschrieben werden wird. Das Urteil im Fall Washington State versus Paul Statler, Robert Larson und Tyler Gassman lautet: schuldig des bewaffneten Raubüberfalls, des tätlichen Angriffs und des zweifachen ›drive-by-shootings‹. Paul Statler wird zu 41 Jahren, Robert Larson zu 22 Jahren und Tyler Gassman zu 26 Jahren Haft verurteilt. Nur: Die drei jungen Männer haben diese Verbrechen nie begangen.

Die Fehlverurteilung ist kein Einzelfall. Seit 1989 sind in den USA mehr als 2.200 Urteile nachträglich aufge­hoben worden, mehr als 19.000 Jahre Freiheit sind un­wiederbringlich verloren. US-Amerikanische Rechtsprofessoren und ihre Studenten haben sich Anfang der Neunzigerjahre zusammengeschlossen, um als ›Innocence Move­ment‹ die Fehler des Strafrechtssystems wieder auszubügeln. Für viele Unschuldige sind sie die letzte Chance, gehört zu werden, aber eine unbekannte Zahl von Verurteilten wird auch diese Hilfe nie erreichen. Im Frühjahr 2011, zwei Jahre nach Paul Statlers Verurteilung, beschloss das Innocence Project Northwest, ihn als Mandanten zu vertreten. Für Paul bedeutete das die Chance auf Freiheit, doch sein Fall führte auch zu einem neuen Gesetz.

Am 25. Juni 2008 hat Paul Statler frei. Er arbeitet als Zimmermann und verrichtet schwere körperliche Arbeit, deshalb ist er froh, an diesem Tag einfach einmal gar nichts tun zu müssen. Gemeinsam mit seiner Freundin lebt er damals im Haus seiner Mutter in der Kleinstadt Spokane Valley ganz im Osten des Bundesstaats Washington. Er liegt gerade im Bett, als sein Kumpel Shane Nielson an die Schlafzimmertür klopft: ›Mann, da draußen auf der Straße ist ein ganzer Haufen Bullen!‹ ›Ja Scheiße, dann sieh nach, was sie wollen!‹, erinnert sich Paul gesagt zu haben. Noch bevor Shane die Tür ganz geöffnet hat, stürmen 20 bis 30 schwer bewaffnete Polizisten das Haus.

Am selben Nachmittag werden auch Pauls Cousin Robert und sein Kindheitsfreund Tyler verhaftet. Keiner von ihnen weiß zu diesem Zeitpunkt, worum es geht. Auf der Polizeistation werden sie jeweils 30 bis 45 Minuten lang in einem sogenannten ›free talk‹ befragt, also ohne Anwalt. Für die drei jungen Männer ist das in diesem Moment nicht einmal ein Problem, denn sie haben nichts zu verbergen. Ob er etwas über einen Überfall wisse, fragt der Detective. ›Nein‹, antwortet Paul. Ein Typ namens Matt Dunham sage aber, dass Paul etwas darüber wisse, so der Detective. ›Ich habe keine Ahnung, wer Matt Dunham ist‹, sagt Paul.

Im Frühjahr 2008 haben in Spokane eine Reihe von Raubüberfällen stattgefunden. Es ging um Geld und ein stark opiumhaltiges Medikament namens OxyContin. Die Jugendlichen nennen es Oxy, und es ist den Drogenbehörden im ganzen Land schon seit den Neunzigerjahren wegen seines hohen Abhängigkeitspotenzials bekannt. Eine Pille ist nicht billig, auf der Straße zahlt man bis zu hundert Dollar dafür. Viele Jugendliche rutschen in die Kriminalität ab, um ihren eigenen Konsum zu finanzieren. Im April 2008 werden vier junge Männer direkt nach einem Überfall von der Polizei verhaftet. Sie haben zwei Drogendealer überfallen und eine große Menge Oxys gestohlen. Später stellt sich heraus, dass sie mehrere solcher Überfälle begangen haben. Einer von ihnen ist der 17-jährige Matt Dunham.

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