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›Die Wirklichkeit ist weiter als unsere Fantasie‹

Der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel über die Rückkehr des Krieges, korrumpierten Pazifismus und Putins Untergang.

DATUM Ausgabe Dezember 2025/Jänner 2026

Karl Schlögel, 1948 im Allgäu geboren, ist einer der bedeutendsten Osteuropa-Historiker Europas. Als er vor wenigen Wochen in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm, würdigte ihn die Jury als ›Archäologen der Moderne und Seismographen gesellschaftlicher Veränderungen‹. Tatsächlich war der Historiker gleich nach dem Mauerfall als Fragender und Reisender, als Sehender und Suchender aufgebrochen, um ausführlich zu erkunden, wie der Osten tickt. Dafür hat er sich nicht nur intensiv mit der Geschichte der Sowjetunion, des Stalinismus, später Russlands und des Putinismus befasst, sondern früh schon die Region zwischen den Großmächten, das alte und neue Mittel- und Osteuropa, in den Blick genommen. Scharf hat er die blinde Russlandliebe Westeuropas kritisiert und die Ukraine als Teil Europas sichtbar und erfahrbar gemacht. Der Wissenschaftler, Buchautor und Essayist, der lange Jahre an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt-Oder lehrte, ist heute einer der eindringlichsten Warner vor einer aggressiven Expansionspolitik Putins, die weit über die Ukraine hinausgeht.  

Beginnen wir gleich mit dem unpopulärsten Thema: Krieg.  Sie haben am 19. Oktober in der Frankfurter Paulskirche eine Rede gehalten über Russlands Angriff auf die Ukraine und die Wiederkehr der Kriegsgefahr nach ganz Europa. Mit der Invasion russischer Truppen am 24. Februar 2022, sagten Sie, sei ›das Tor zu einer neuen Vorkriegszeit‹  aufgestoßen worden. Ist das Realismus, Fatalismus? 

Karl Schlögel: Das ist nur das Konstatieren dessen, was passiert ist. Wir haben nach 1989 hineingelebt in der Vorstellung, dass der Kalte Krieg vorbei ist – und Frieden einkehrt. Das ist aber 2014 mit der Annexion der Krim widerlegt worden; und spätestens mit dem 24. Februar 2022 ergab sich daraus – im Rückblick – eine Zwischenkriegszeit. Wie der Krieg, der jetzt im Gange ist, sich weitet, ob er sich eingrenzen lässt, das wissen wir nicht. Der deutsche Kanzler hat das unlängst mit den Worten ausgedrückt, wir seien in einer Zeit des Nicht-Kriegs und des Nicht-Friedens. 

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