›Die Zähmung des Wassers ist eine Illusion‹

Wie prägte das Wasser die Entwicklung der menschlichen Zivilisation? Und welche Rolle spielt es heute im Krieg in der Ukraine und für den Aufstieg Chinas? Ein Gespräch mit dem Klimaforscher Giulio Boccaletti, der dem lebenswichtigen Element eine wissenschaftliche ›Biografie‹ gewidmet hat.

DATUM Ausgabe Juli/August 2022

Sie widmen sich seit vielen Jahren in Ihrer Forschung voll und ganz dem Thema Wasser. Wie kam es dazu?

Giulio Boccaletti: Der Grund dafür war eine große Enttäuschung. Als ich von der Wissenschaft in die Unternehmensberatung, zu McKinsey, gewechselt bin, war es mein sehnlichster Wunsch, die ganze Wirtschaftswelt für das Thema Klimawandel zu begeistern, und nicht mehr nur trockene Studien zu verfassen. Das waren die frühen 2000er-Jahre, und ich musste sehr schnell erkennen, dass das Thema zu dieser Zeit einfach viel zu abstrakt war. Ich kam damit einfach nicht durch. Dann, so nach zwei bis drei Jahren, probierte ich etwas anderes: Anstatt über den Klimawandel insgesamt, begann ich über Wasser zu sprechen. Für einen Klimawissenschaftler ist das praktisch das Gleiche, denn Wasser, seine Verbreitung, seine Veränderung und seine Verteiluang sind ja nichts anderes als ein ganz wesentlicher Ausdruck des Klimasystems auf unserem Planeten. Und Überflutungen, Dürren, Stürme sind dementsprechend Symptome des Klimawandels. Und siehe da, mit Wasser als Thema ging für mich plötzlich die Türe zu jedem CEO auf. Das war schon erstaunlich.

Ihr Buch ›Water – A Biography‹ erzählt die Entwicklung der menschlichen Zivilisation anhand ihrer Abhängigkeit von und ihres Umgangs mit Wasser. Was bringt einen gelernten Atmosphären­physiker dazu, ein Geschichtsbuch zu schreiben?

Das war schon eine ziemliche Herausforderung. Was mir aber half, war, dass ich als Norditaliener in einer humanistischen Tradition aufgewachsen bin. Das Buch war letztlich eine sehr persönliche Sache. Nachdem mein Mentor, der Harvard-Professor John Briscoe, unerwartet verstorben war, saß ich in einem Flugzeug nach Utah, öffnete ein Word-Dokument mit dem Titel ›Water book‹ und begann zu schreiben. Ich glaube, das diente mir als Ersatz für die Diskussionen, die ich nicht mehr mit John würde führen können. Das war 2014. 2018 entschloss ich mich dann wirklich, ein Buch daraus zu machen, und dann dauerte es noch fast drei Jahre, bis es im vergangenen September erschienen ist.

Was ist die eine Erkenntnis aus Ihrer Reise durch die Menschheitsgeschichte und ihrem Verhältnis zu Wasser, bei der Sie dachten: Das sollten alle wissen!

Vordergründig geht es um diese Beziehung zwischen Mensch und Wasser, aber der Subtext des gesamten Buches – und das war für mich das Überraschende – beschreibt eigentlich die Erfolgsgeschichte der Republik. Und die Arbeit an diesem Buch hat mich noch mehr zu einem überzeugten Republikaner gemacht, nicht im Sinne der US-amerikanischen Partei, sondern im eigentlichen Sinne. Die Republik als tiefgreifende Institution, die individuelle Freiheit und das Gemeinwohl austariert, ist ja etwas, das in unserer individualisierten und konsumorientierten Welt in Vergessenheit geraten ist, und mit ihr das kollektive Verantwortungsgefühl. Die Arbeit an diesem Buch hat mich letztlich zu einem Kämpfer für die ökologische Republik (›Environmental Republic‹, Anm.) gemacht. Das ist unsere große Herausforderung: Wie definieren wir das Konzept der Republik in einer Welt, in der die Umwelt zu einer existenziellen Angelegenheit für uns wird?

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