Dr. Nara und die stille Epidemie

Hepatitis ist in der Mongolei allgegenwärtig und doch unsichtbar. Eine Ärztin kehrt in ihre Heimat zurück, um Menschen in Regionen zu helfen, wo das Gesundheitssystem oft scheitert.

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Fotografie:
Anush Babajanyan
DATUM Ausgabe März 2026

 Gedränge, Geschubse, Geschrei. Auf dem Gang des Provinzkrankenhauses in Altai herrscht Tumult. Aufgebrachte Menschen drohen, das Arztzimmer zu stürmen. Lautstark treibt ein stämmiger Mann in Operationskleidung die Traube zurück und schließt die Tür, die Chaos von Ruhe trennt. Drinnen atmet eine Frau im weißen Kittel auf. Darunter trägt sie ein modisches Kleid mit Spitzenbesatz, dazu cremefarbene Stöckelschuhe, Lippenstift und eine Spange, die ihr pechschwarzes Haar am Schopf zusammenhält. Dr. Nara nimmt einen Schluck Milchkaffee aus ihrer Thermoskanne und streicht sich die Strähnen aus dem Gesicht, das aussieht wie mit weichem Bleistift gezeichnet. Die 44-jährige Ärztin wirkt gelassen, obwohl sie weiß, was vor der Tür auf sie wartet.  

Dr. Nara heißt eigentlich Naranjargal Dashdorj. Aber mongolische Namen sind Zungenbrecher, das finden manchmal sogar die Einheimischen. Der Einfachheit halber nennen sie einander oft bei gekürzten Vor- oder Nachnamen. Selbst der Präsident des Landes, Uchnaagiin Chürelsüch, heißt hier schlicht: Huuk. 

Für die Ungeduldigen im Krankenhaus ist Dr. Nara gerade weitaus wichtiger als der Präsident. Sie ist eine von ihnen. Und eine Heldin. Die Biografie der Ärztin klingt wie ein Märchen: Ein kleines Mädchen wächst in der Steppe auf; durch Fleiß, Talent und Intelligenz erarbeitet es sich als junge Frau eine Karriere in fernen Ländern. Und schließlich kehrt sie zurück, um ihre Heimat vor einem tödlichen Gespenst zu retten: der Hepatitis. 

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