Einmal Arzt sein
Warum es großen Spaß macht, gemeinsam fiktive medizinische Probleme zu lösen.
Ich habe ja Angst vor Krankenhäusern. Das hat damit zu tun, dass ich mit einem Herzfehler geboren wurde und in Spitälern im Laufe meiner Kindheit und Jugend, verkürzt gesagt, nicht nur Spaß hatte.
Deshalb gehen Unterhaltung und Medizin für mich auch normalerweise nicht zusammen. Arztserien etwa muss meine Frau seit 15 Jahren verlässlich ohne mich schauen, andernfalls müsste sie mich danach durch einen hypochondrischen Schub der Sonderklasse begleiten.
Nun haben wir aber ein Brettspiel entdeckt, bei dem Medizin tatsächlich Spaß macht!
In ›Medical Mysteries‹ schlüpft man in die Rolle eines Ärzteteams, das in der Notaufnahme eines New Yorker Krankenhauses mit schwierigen medizinischen Fällen konfrontiert wird. Nach Anamnese und Studium der Patientenakte ordnet man Untersuchungen an, berät sich mit Fachärzten und sucht im Kampf gegen die Zeit den Ursprung des Leidens, bevor einem der Patient im schlimmsten Fall unter den Händen wegstirbt.
Lustig ist dabei vor allem, wie schnell und mühelos man sich – dem fehlenden Medizinstudium zum Trotz – in die Rolle des routinierten Spitalsarztes wirft, der schon alles gesehen hat und durch nichts zu erschüttern ist (›Soso, die junge Sportlerin hat Kammerflimmern? Wahrscheinlich ein Myokardinfarkt, geben Sie ihr Betablocker und Blutverdünner. Ah, und machen Sie zur Sicherheit doch auch gleich einen Schwangerschaftstest, man weiß ja nie …‹)
Dass das Spiel bei Medizin-Phobikern wie mir keine Panikattacken auslöst, liegt wahrscheinlich daran, dass das Patientenleid im Gegensatz zu einschlägigen Fernsehserien angenehm abstrakt bleibt. Die Spielmechanik ist recht einfach, das medizinisch-detektivische Material hingegen reichhaltig, sodass einem die schwierigeren Fälle durchaus die Grenzen der eigenen fiktionalen Heilkunst aufzeigen.
Vielleicht tut es auch einfach nur gut, endlich einmal nicht selbst der potentiell moribunde Patient zu sein? Verdammt, wahrscheinlich hätte ich doch Arzt werden sollen. •
Spiel: Medical Mysteries, New York Emergency Room · Autoren: Nicholas Cravotta und Rebecca Bleau · Verlag: Kosmos