Goldene Worte

›Wozu Zukunft, wir haben Vergangenheit!‹ (Heute-Show, ZDF)

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe Dezember 2025/Jänner 2026

Barbara Karlich ist die Talking Queen, die große Lehrerin der österreichischen Normalität im noch ebenso normalen öffentlich-rechtlichen Fernsehen, dem man ansieht, dass ihm die Zeitenwende bereits droht. Die Botschaft der Talking Queen lautet: So ist der Mensch, der Mensch überhaupt, auch wenn nur der Österreicher so wäre. 

Die goldenen Worte unseres Bundespräsidenten bilden dazu die Gegenperspektive: Als einige der typischen Österreicher wieder einmal bei etwas Typischem erwischt worden sind, sagte der Bundespräsident gegenläufig zur Realität: ›So sind wir nicht.‹ 

Wir sind sicher mehr so, wie wir bei Barbara Karlich vorkommen. Das Menschenbild, das die Talking Queen verbreitet (›vermittelt‹ , wie es in der Sprache der Makler heißt), arbeitet kaum mit Negationen, höchstens mit butterweichen, die keinen abwehrenden Charakter mehr haben. So sind wir, und so wie wir sind, haben wir uns hingenommen. Wir protzen vor Selbstakzeptanz, und kein Wunder, dass dieser Megatrend bei einer Minderheit sogar virtuose Selbstverachtung auslöst: den ›Österreichhass‹, wie das im FPÖ-Jargon heißt.

Auch wenn sich einige Wenige vor unserer schrecklichen Banalität fürchten mögen, man kann in Barbara Karlich die größte Sozialwissenschaftlerin der letzten Jahrzehnte erkennen. Ihre wissenschaftliche Methode ist die einfühlende Beobachtung und das qualitative Interview. Das qualitative Interview ist eine Disziplin der interpretativen Soziologie. Es dient dazu, ›die Sichtweisen, Erfahrungen und Bedeutungen, die Menschen ihrer sozialen Welt zuschreiben, zu verstehen‹. Wie erleben die Leute ihre Lebenswelt? Der subjektive Faktor, dessen Qualität in der Statistik, aber nicht in der Lebenswelt ausgeblendet ist, will erforscht sein. Wie fühlt es sich an, in diesen oder jenen Zusammenhängen zu existieren, und wie bringt man es zum Ausdruck – bei den Chancen, die Wahrheit, Lüge und Einbildung bieten.

Zukünftige Forschergenerationen, die sich aufmachen werden um herauszufinden, wie sie waren, die Leute im damaligen WIR, werden sich auf das Material verlassen können, das die ›Barbara Karlich Show‹  einer Zukunft hinterlässt, in der, wie das mit Zukunft so ist, ›alles anders‹ sein wird. Die Show ist die Talking Cure, die jedem seine Krankheit lässt und die gerade deshalb die Forscher der Zukunft begeistern wird.

Der Blick in die Zukunft ist jedoch zu großflächig, die Leistung der Show liegt – wie der Teufel – in den Details. Was mich an den Details erschüttert, ist das Gefühl, dass wir so gar nicht mehr sind, sondern es nur einmal gewesen sind: ›Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder.‹  

Ich bin nur Barbara Karlichs Zeitgenosse, aber wenigstens an ihr ist etwas Bleibendes. Sie überrascht mich ganz persönlich (›der subjektive Faktor‹) mit Einsichten, die sie spontan herausschiebt. Der Dunst vom Dampfplaudern verführt zu Sätzen tiefster Wahrheit: ›Wir haben‹, sagt sie aus dem Nichts heraus, ›im ORF keine Gemeinschaftsklos.‹  Aus eigener Anschauung kann ich auch das nur bestätigen. 

Ich bin gar kein echter Österreicher – einfach deshalb, weil ich ein echter Wiener bin. Wien liegt ja nur zufällig in Österreich, auffällig wegen der Urbanität, wegen des Lebens im Städtischen. Sogar Wahlergebnisse sind hier anders als im ländlichen Rest, mit der Ausnahme der Stadt Graz, die umzingelt ist von der politischen Rechten – ähnlich wie auch Wien von Niederösterreich. 

Aber ich liebe Österreich, I am ja from Austria, um es in der angesagten Weltsprache auszurufen. Dass meine Liebe erwidert wird, glaube ich nicht: Als ich in Tirol landesverteidigen war, bekam ich zu hören, wir, die Wiener, wären nur dazu da, um knorrig-urigen Tirolern das Bier wegzusaufen. Das hat sich in mein patriotisches Herz eingebrannt. Und Patriot bin ich nicht zuletzt wegen der retardierenden Momente, die ins österreichische Leben eingebaut sind. Das Wort ›retardierend‹  stammt vom lateinischen retardare und bedeutet ›verzögernd‹  oder ›aufschiebend.‹  

Die Illusion des Aufschubs kommt mir entgegen. Das ist ein persönlicher Defekt, aber wenn ich einen Fortschrittler vom ›Freilichtmuseum Österreich‹  geifern höre, kommt der mir auch nicht zeitgemäß vor. Solche Großsprecher des Fortschritts sind ihrerseits überaltert. Aber man kann nicht leugnen, dass seltsame Vorgänge in der Wiederverwertung des Gewesenen passieren: Die Neueröffnung der Staatsoper 1955 geschah mit ›Fidelio‹, mit einer Oper für Freiheit und Liebe, geeignet für jede Partei, die für sich Freiheit und Liebe will. Ein Mann dirigierte, der nahtlos zum NS-Personal des Kulturbetriebs gehörte. 

Als mahnender Agent der Erinnerungskultur sagte der Bundespräsident, es sei ihm nie recht verständlich gewesen, wie ›Hochkultur und Gräueltaten‹  zusammenpassen können. Das ehrt ihn einerseits, ist aber andererseits knapp vorbei an der Leugnung der Lehre, die der Nationalsozialismus erteilt: Hochkultur und Gräueltaten können zusammenpassen. 

Ein wenig übertrieben fand ich die feierlichen Beteuerungen, die Staatsoper würde den Österreichern ihre Identität stiften. Als Wiener will ich mich da nicht einmischen, aber ich glaube, die urigen Tiroler Bauern brauchen für ihre Identität keine Oper. Aber wahr ist, dass das, was ›Kultur‹  genannt wird, als retardierendes Moment keine schlechte Rolle spielt.

Die Festspiele zum Beispiel, die im Sommer landauf landab abgehalten werden. Mich halten sie von sich ab, aber: Ich bin leidenschaftlich dafür, dass sie stattfinden.

An einer Diskussion über den sogenannten Festspielsommer nahm heuer die Crème de la Crème des österreichischen Kulturjournalismus teil. Lauter Vorbilder von mir, unerreichbare – auch vorbildhaft mit dieser einen Aussage, die tatsächlich fiel und die mir am Herzen liegt: Man müsse in Österreich mit der Kulturbeflissenheit vorsichtig sein, denn man neige hierzulande zur ›Nostalgieverklärung‹. 

Sag ich doch auch. ›Nostalgieverklärung‹  heißt wohl, nach dem Prinzip zu leben, dass früher alles besser war, oder anders gesagt, man steckt im Historismus, in dem, was früher einmal ein Fortschritt war, tief drinnen. Und das Schönste an der Diskussion über den ewigen Festspielsommer war das leider unbeabsichtigte Quod erat demonstrandum, der performative Selbstwiderspruch, die wundersame, spontane Wiederholung des Abgelebten. 

Will sagen: Die Diskussion über die Sommerfestspiele war selbst wunderbar gestrig, antiquiert, direkt aus dem Antiquariat. Staub raschelte durch den Äther. Ich dachte, jeden Augenblick geht die Tür auf und Heinz Fischer-­Karwin, der größte sprechende, nicht schreibende Kulturjournalist, den ­Österreich je hatte, erscheint. Und sagt: ›Schluss. Ich übernehme, jetzt: Ich ­mache weiter und weiter.‹   Der Mann gestaltete seinerzeit die Sendung ›Aus Burg und Oper‹  und die Sendung ›Ihr Auftritt, bitte‹.  Unvergesslich und weiter so! •

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