›Heben wir uns die Angst für später auf‹

Über die Last des Gewissens und die Lust am Verzicht, die Kunst des Kompromisses und der Meteorologen Gewicht. Ein Klimakrisengespräch.

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Dokumentation:
Felix Kraxner
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Fotografie:
Stefan Fürtbauer
DATUM Ausgabe Dezember 2019

Erster Akt   : 

Anamnese

Dienstagfrüh, 8.55 Uhr, in einer Wiener Schule. Für die kommenden drei Stunden haben wir zehn Menschen zu einem großen Gespräch über die Klimakrise eingeladen. Wo sonst über das drängende Thema unserer Zeit sprechen, wenn nicht in einem Klassenzimmer, von wo aus Schülerinnen und Schüler freitags ausziehen, um die Dringlichkeit des Themas zu vergegenwärtigen?

Wie reden Sie über das, worüber wir reden ? Sprechen Sie vom Klimawandel, von der Klimakrise, der Klimakatastrophe ?

Porak-Löwenthal : Ich halte die Benennung für ganz wesentlich. Für mich ist es der Klimawandel. Ich glaube, dass es was mit dem Menschen macht, dass man ständig von Klimakrise und Klimakatastrophe spricht. Dass es eher Ängste befeuert. Daher halte ich es für ganz wichtig, vom Klimawandel zu sprechen.

Wadsak : Ich schließe mich da an. Die Klimakrise kommt ohnehin erst ins Spiel, wenn wir über den Menschen reden. Ich bin Naturwissenschaftler, und die Natur kennt keine Krise. Es gibt eine globale Erwärmung, es gibt einen Klimawandel. Der einzige Punkt, den ich hinzu-fügen kann, ist : Wir wissen heute, dass die aktuelle Erwärmung im Vergleich zu allen anderen, die wir erlebt haben – oder auch nicht erlebt haben – ausschließlich menschengemacht ist.

De Ganay : Beim Begriff Klimawandel fehlt mir, dass es sich um ein Phänomen handelt, das nicht so toll ist. Wandel kann ja auch Wandel zu etwas Besserem sein. Klima-erwärmung wäre wohl das treffendere Wort.

Eberhart : Ich verwende auch den Begriff Klimawandel, weil ich es in der Schule so gehört habe. Weil ich es zu Hause so höre, weil ich es von Greta Thunberg so höre. Es geht ja nicht darum, dass der Mensch Angst bekommt, sondern dass er aufwacht. 

Frau Eberhart, Sie sind sozusagen die Kerngruppe von Fridays for Future. 17 Jahre, weiblich, auf einer Waldorfschule, in der das Bewusstsein wahrscheinlich hoch ist. Wie haben Sie das letzte Jahr wahrgenommen ?

Eberhart : Das Thema ist einfach viel, viel größer geworden !

Erinnern Sie sich an das erste Mal, als Sie den Namen Greta Thunberg gehört haben ?

Eberhart : Vor ungefähr einem Jahr habe ich ein Bild von ihr gesehen, wo sie auf der Straße gesessen ist mit diesem Schild. Durch die Greta ist mir bewusst geworden, dass ich etwas tun will. Zuerst habe ich mir gedacht, das mache ich jetzt auch jeden Freitag, das habe ich dann doch nicht (lacht). Aber ich habe angefangen, mich mit dem Klimawandel auseinanderzusetzen, es meinen El-tern näher zu bringen und es an meiner Schule zu verbreiten. Weil ich es bei unserer Schulkonferenz angeregt habe, konnten sich die Schüler eine Entschuldigung von den Eltern schreiben lassen, um zu den Freitagsdemonstrationen zu gehen. 

Wie haben die Lehrer da reagiert ?

Eberhart : Sie finden, dass es wahnsinnig wichtig ist, dort teilzunehmen, weil auch ihre Zukunft auf dem Spiel steht. 

Frau de Ganay, Frau Porak-Löwenthal, Herr Wadsak, Sie alle drei sind Eltern. Wie war das, als diese Dringlichkeit ihre jugendlichen Kinder erfasst hat ?

Wadsak : Bei uns war es einfach großartig ! Mein Sohn hat den ersten Freitag für so einen Streik von der Schule freibekommen, zwar eher ungern, aber doch. Die Eltern werden durch ihre Kinder mit dem Klimawandel konfrontiert. Plötzlich ist das weltweit in den Familien ein Thema. Das finde ich großartig ! Gute Lehrer gehen am Freitag gemeinsam mit ihren Schülern zu den Demonstrationen und erklären ihnen das auch. 

De Ganay : Für mich war das eine Erleichterung, dass da von den Kindern selber etwas kommt. Insofern haben wir das immer total unterstützt und ich habe mich sehr gewundert über Schulen, die das verboten oder bestraft haben. 

Frau Porak-Löwenthal, Sie behandeln als Psychotherapeutin viele Jugendliche. Kann man von einer Klimaangst, einer Klimadepression sprechen, die sich im letzten Jahr verbreitet hat ?

Porak-Löwenthal : Den Begriff Klimadepression finde ich irreführend,denn er erweckt den Anschein, dass man nur mit Depressionen auf die Angst, die der Klimawandel auslöst, reagieren kann. Dem ist aber nicht so : je nach Studie reagieren fünf bis zehn Prozent der Menschen mit Depression auf Ängste, alle anderen bleiben handlungsfähig.  Für meine Klienten ist der menschengemachte Klimawandel bei den Ängsten, bei den Zukunfts-ängsten definitiv Thema. Vor allem für Mädchen.

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