›Ich mache selten pssst‹

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Fotografie:
Ursula Röck
DATUM Ausgabe März 2026

Name: Magdalena Schneider, 40

Beruf: Bibliothekarin

Waren Sie als Kind ein Bücherwurm?

Ja, ich habe als Kind gerne gelesen und auch schon mit 15 ehrenamtlich in der Pfarrbibliothek mitgearbeitet. Das ist aber keine Voraussetzung, um Bibliothekarin zu werden. 

Warum nicht?

Weil wir im Alltag mehr mit Menschen arbeiten als mit Büchern. Hier in der Hauptbücherei Wien haben wir den Auftrag, für die gesamte Bevölkerung da zu sein. Wir haben jeden Tag bis zu 3.000 Menschen im Haus. Deshalb arbeiten bei uns auch Leute mit einem pädagogischen oder sozialarbeiterischen Hintergrund, die dann bei uns die bibliothekarische Ausbildung absolvieren.

Wie sieht dann Ihr Berufsalltag als Bibliothekarin aus?

Einerseits kümmern wir uns um unser Medienangebot, also um die Bücher, CDs, DVDs, Konsolenspiele und Schallplatten. Wir beraten aber auch Kundinnen, wenn sie zum Beispiel eine Abschlussarbeit schreiben und Literatur suchen. Und wir machen viele Veranstaltungen und Lesungen. 

Wer geht heute noch in die Bibliothek?

Alle. Wir haben mehr Besucher und Besucherinnen als je zuvor. Zu uns kommen Menschen aus allen Bildungsschichten und Altersgruppen. Wir haben Studierende, die hier lernen, und Seniorinnen, die Hilfe mit digitalen Geräten brauchen. Am Nachmittag sehen wir viele Familien und Schülerinnen, die gemeinsam Hausaufgaben machen. Und es kommen vermehrt einsame Menschen zu uns, die einfach Gesellschaft suchen.

Lesen Kinder und Jugendliche noch?

Absolut. Vor allem bei den Kinderbüchern erreichen wir jedes Jahr neue Höchstzahlen an Entlehnungen. Aber auch im Jugendbuchbereich sehen wir einen Anstieg.

Kommen mehr Gäste, um etwas auszuborgen, oder um zu bleiben?

Mindestens ein Drittel der Gäste kommt zum Verweilen her. In Wien fehlen konsumfreie Räume. Der Zugang zur Hauptbücherei ist niederschwellig, jeder kann bei uns sein. Vor allem im Winter ist das wichtig, wo manche Menschen wegen der gestiegenen Energiekosten zuhause nicht so oft heizen können. 

Gibt es auch Stammgäste?

Ja, für die ist die Bibliothek wie ein erweitertes Wohnzimmer. Manche kommen jeden Tag her und schauen DVDs. Andere wollen täglich um Punkt elf den Standard haben. 

Kommt es da auch mal zu Konflikten?

Ja, bei den Zeitungen zum Beispiel, wir haben nämlich nur einen Standard. Dann müssen wir moderieren und sagen, in einer halben Stunde geht die Zeitung an die nächste Person. Es ist schön, wenn sich unsere Kundinnen wohl fühlen, aber die Regeln machen immer noch wir. Eine Frau hat sich mal beschwert, dass sie ihren Toaster und Teekocher nicht anschließen darf. Und manchen ist es hier zu laut. Aber wir sind eine öffentliche Bücherei und kein Lesesaal. Hier ist es lebendig und Kinder laufen auch schon mal durch die Gänge.

Als Bibliothekarin in der Hauptbücherei muss man also nicht so streng sein?

Nein. Wir greifen, wenn nötig, moderierend ein, aber ich mache selten ›pssst‹.

Was verdient man als Bibliothekarin?

Das Einstiegsgehalt liegt bei etwa 2.240 € netto. 

Gibt es genug Nachwuchs?

Ja. Wann immer wir ausschreiben, erreicht uns eine Fülle von Bewerbungen.

Haben Sie schon mal etwas Merkwürdiges in einem zurückgebrachten Buch gefunden?

Das kommt oft vor. Eine Kollegin sammelt seit 20 Jahren interessante Funde. Von Liebesbriefen über Postkarten und Einkaufszettel bis zur Pillenpackung war da alles dabei.

Wird es in 20 Jahren noch Bibliotheken geben?

Davon bin ich überzeugt. Natürlich unterliegen wir dem Medienwandel, vielleicht bieten wir irgendwann keine DVDs oder CDs mehr an. Aber Bibliotheken bleiben trotzdem wichtig, als Orte zum Zusammenkommen. •

Zahlen und Daten

In Österreich gab es 2024 1.339 öffentliche Bibliotheken und damit 17 Prozent weniger als zehn Jahre zuvor. Die meisten öffentlichen Bibliotheken gibt es in Oberösterreich (320), die wenigsten in Kärnten (47).

Die Zahl der Entlehnungen war 2024 mit über 28 Millionen allerdings auf einem Höchststand. Es haben auch noch nie so viele Menschen in öffentlichen Bibliotheken gearbeitet (10.981) wie heute. Knapp 83 Prozent davon arbeiten ehrenamtlich.

Quelle: Büchereiverband Österreichs/Österreichische Büchereistatistik 2024

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