Im Sesselkreis

Wie Europas Staatschefs Einigkeit ohne die USA demonstrieren.

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Fotografie:
Robertas Dačkus
DATUM Ausgabe April 2025

Eine Gruppe von Personen sitzt kreisförmig rund um einen Tisch in einer Hotellobby. Gedämpftes Licht, familiäre Atmosphäre. Alle sind bis zur Sesselkante vorgerutscht, halten den Oberkörper aufmerksam nach vorn gebeugt. Anscheinend verfolgen sie eine gemeinsame Mission. 

Die Kamera ist auf den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gerichtet. Seine Hände zeigen, dass er gerade spricht. Der schwarze Paravent im Hintergrund betont den Fokus auf Selenskyj im ­Zentrum des Geschehens. Alle anderen neun Staatschefs richten den Blick auf ihn. Diese Aufnahme ­unterstreicht: Wir nehmen die Belange der Ukraine ernst und gestehen Selenskyj die Deutungshoheit zu. ›Die freie westliche Welt präsentiert die Entschlossenheit. Sie arbeitet konzentriert und konstruktiv an einer gemeinsamen Lösung‹, sagt Wolfgang Ullrich, Bildhistoriker an der Dresdner Kunsthochschule, über die Botschaft des Bildes. 

Das Foto vom ›Support Ukraine‹-Gipfel am 24. Februar 2025, exakt drei Jahre nach dem russischen ­Angriff, verbreitete sich mit der Bildunterschrift ›Das erste Bild eines westlichen Gipfels ohne die USA‹.
Es soll kommunizieren: ›Wir können das auch alleine.‹ Gelingt das? Und ist das Foto ein bewusst gesetztes Gegenbild als Reaktion auf den Eklat im Oval Office? Dort gab sich US-Präsident Donald Trump maßregelnd, demütigend, mit erhobenem Zeigefinger und aggressiver Mimik. Nicht Kompromissbereitschaft, sondern Spaltung wurde signalisiert. ›Das Foto aus der Ukraine liefert ikonografisch das Gegenprogramm‹, sagt Ullrich. 

Das angeregte Gespräch im kleinen Kreis transportiert den Eindruck eines ›gelüfteten Geheimnisses‹, birgt aber auch die Gefahr, dass man daraus eine Verschwörungserzählung über eine konspirative Runde und Hinterzimmer-Politik erschaffen kann. Tatsächlich wurde das Foto oft von den Demokraten nahe­stehenden US-Amerikanern in den Sozialen Medien geteilt. Sie unterstrichen mit dem Posten des Fotos ihr Bedauern über die neue Rolle der USA und die Entwicklung ihrer Heimat unter Trump. 

Bewusst inszeniert ist das Foto wohl nicht. Das ­Treffen von Trump und Selenskyj fand erst vier Tage nach dem Ukraine-Gipfel statt. Und obwohl es vom ­offiziellen Fotografen des litauischen Präsidenten geschossen wurde, wirkt das Setting nicht gestellt, meint Ullrich. Der Fotograf steht, während er den Auslöser drückt. Die sitzenden Abgebildeten scheinen es nicht zu ­bemerken, auch nicht Kommissionspräsidentin ­Ursula von der Leyen, die eine zusätzliche Dynamik ins Bild bringt. ›Man hat das Gefühl: Da kommt noch eine ­andere Hauptperson dazu‹, sagt Ullrich. 

Das Bild entspricht nicht der üblichen Gipfel-Ikonografie, die von eigenen Foto-OPs, den Programmpunkten ›Familienfoto‹ und ›Handshake‹ geprägt ist. Vielmehr knüpft es an eine Bildtradition an, die der Bildjournalist Erich Salomon geprägt hat. Er knipste in den 1930ern möglichst unauffällig die Mächtigen – explizit außerhalb der Fototermine, etwa beim Völkerbund in Genf, im Hotel Excelsior in Rom oder in Den Haag. Dieser Foto-Typus bildete auf neue Weise Politiker nicht in kontrollierter Pose, sondern in entspannter Umgebung ab. 

Die Bildsprache erinnert auch an das berühmte ­›Situation Room‹-Foto von Pete Souza. Er fotografierte Barack Obama, Hillary Clinton, Joe Biden und andere Mitglieder des US-Sicherheitsstabs, wie sie gebannt auf einen Bildschirm starren und so der Tötung Osama Bin Ladens beiwohnen. Dort aber liegt der Fluchtpunkt außerhalb des Bildes, was die Spannung ­verstärkt. 

Beim Bild aus Kiew dagegen steht die Gemeinschaft im Zentrum. Es lebt nicht von Spannung, sondern vom Gefühl unverbrüchlicher Geschlossenheit.  • 

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