Jugend in Trümmern

Wie junge Ukrainer an der Front aufwachsen.

·
Fotografie:
Florian Bachmeier
DATUM Ausgabe Dezember 2016

In Kiew, 700 Kilometer von der Front entfernt, wird um Nachschub für den Krieg in der Ostukraine gebuhlt. Werbebanner mit verkitschten Kriegsbildern säumen die Straßen und die Rolltreppen hinunter zur U-Bahn. Auf dem Flughafen Kiew-Boryspil werden Meisterwerke der Kunstgeschichte patriotisch überhöht. Delacroix’ ›Die Freiheit führt das Volk‹ über die Julirevolution 1830 ist hier mit ukrainischer statt französischer Fahne versehen, ›Das letzte Abendmahl‹ findet unter ukrainischen Soldaten statt.

Aber die jungen Menschen, die auf der Suche nach einem Abenteuer an die Front ziehen, werden in einem zermürbenden Stellungskrieg verschlissen, ohne Aussicht auf ein Ende. Auf der anderen Seite der Front, in Donezk, reihen sich auf der Intensivstation des Stadtkrankenhauses Betten von jungen Männern aneinander, mit blutigen Stümpfen statt Beinen und Armen. Die Uno schätzt, dass der Krieg bisher 10.000 Menschen das Leben gekostet hat, 2.000 davon waren unbeteiligte Zivilisten.

Der Krieg in der Ostukraine geht in seinen dritten Winter, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die den Friedensplan von Minsk überwachen soll, registriert täglich hunderte Verstöße gegen die Waffenruhe. Für die vielen jungen Menschen, die an der 500 Kilometer langen Frontlinie leben, ist der Krieg zum ständigen Begleiter geworden. Sie haben gelernt, Minenfelder zu meiden, wissen, wie Granateneinschläge klingen, wie man Nächte in Schutzkellern übersteht und wann ein Artilleriebeschuss gefährlich nahe kommt. Sie sind als Jugendliche mit Tod, Gewalt und Trauer aufgewachsen. In Europa wächst eine neue Kriegsgeneration heran.

Awdijiwka, ukrainisch kontrolliertes Gebiet, zwei Kilometer von der Front entfernt
Bevor Mascha sich verabschiedet, betet sie. Sie hält die Hände der alten Anna Wassiljewna umklammert. Die 87-jährige wippt ihren Körper vor und zurück wie in einem Wiegelied. Mascha hebt die Stimme: ›Hilf deiner geliebten Tochter zu spüren, dass du für sie da bist. Tröste sie für den Verlust ihres Mannes, ihres Hauses, lieber Gott. Dass ihr Haus endlich repariert werden möge, lieber Gott.‹ Anna Wassiljewna schließt die Augen, als würde sie eintauchen in Maschas Singsang aus Wünschen, Klagen und Bitten.

Mascha hat dunkles Haar und einen festen, schweren Blick, der ungewöhnlich ist für einen Menschen Anfang zwanzig. Sie streichelt der alten Frau den Rücken, wenn die in den Plastiksäcken nach Fotos verstorbener Verwandter oder Sowjetorden kramt. Legt die Stirn in Falten, wenn sie die Nacht des 29. Juli 2014 noch einmal schildert, als eine Mine ein Loch in die Vorderseite des Hauses in ­Awdijiwka nahe der Front riss.

›Gott und gute Menschen werden dich beschützen, daran glaube fest!‹, steht mit Kreide an die schwarze Wand geschrieben.

Dass Anna Wassiljewna damals im Vorzimmer schlief, rettete ihr das Leben. Heute ist die Fassade verputzt, doch im Wohnzimmer hängen die Tapeten immer noch wie Seegras von der Decke. Sogar der im Kasten aufbewahrte Mantel, ein Er­innerungsstück an den vor dem Krieg verstorbenen Mann, ist am Revers verkohlt. Auf dem Fenstersims blitzen ­Ikonen. ›Gott und gute Menschen werden dich beschützen, daran glaube fest!‹, steht mit Kreide an die schwarze Wand geschrieben.

Die humanitäre Krise der ersten Kriegstage, als die Versorgung mit Lebensmitteln, Strom und Wasser in den Frontgebieten zusammenbrach, ist mittlerweile abgewendet. Die Geschäfte in der ehemaligen 34.000-Einwohner-Stadt haben wieder offen, auch Strom und Wasser gibt es. Doch mannsgroße Einschusslöcher gähnen in den Wohnblöcken, am Straßenrand parken von Schrapnellen durchlöcherte Autos. Mit Sonnenuntergang, wenn die OSZE-Beobachter in ihre Basen zurückkehren, hallen Sturmgewehre und Explosionen durch die Luft. Und der Hunger nach Seelenheil ist groß, direkt an der Front. In Kursen spricht Mascha mit Kindern über die Zukunft, über Familie, über den Schmerz und über Gott, betet für den Frieden und spendet Trost bei Hausbesuchen.

Eigentlich hatte die 23-Jährige ganz andere Pläne. Seit sie zum ersten Mal Fernsehbilder von hungernden Kindern in Afrika gesehen hatte, träumte sie davon, Entwicklungshelferin zu werden. Ein Wunsch, den ihr die Eltern verwehrten. Dann brach vor der Haustür selbst das Elend aus, im Frühsommer 2014, als der Krieg in der Ostukraine begann. Als Mascha in einer von den Ukrainern kontrollierten Frontstadt mithalf, Brot an Bedürftige zu verteilen, wusste sie mit einem Schlag, dass sie hierher gehörte. Und ließ sich zur Missionarin der evangelikalen Kirche Dobra Westi (Frohe Botschaft) ausbilden. Die Ruhe von Ternopil in der Westukraine, wo sie zuletzt als Buchhalterin gearbeitet hatte, tauschte sie in diesem Sommer gegen die Front ein. Es gibt kaum etwas, das weiter voneinander entfernt ist als Maschas frühere Aufgabe und der Krieg. Manchmal erschrickt sie heute, wenn sie Sätze sagt wie: ›Mit dem Krieg habe ich endlich meine Berufung gefunden.‹ Oder: ›Ich glaube, dass Gott das alles für mich so vorgesehen hat.‹

Eigentlich träumte sie davon, Entwicklungshelferin zu werden. Heute erschrickt sie, wenn sie Sätze sagt wie: ›Mit dem Krieg habe ich endlich meine Berufung gefunden.‹

Der Krieg stellt alte Fragen neu. Existenzielle Probleme wie Glaube, Trost und Tod sind wieder zum Alltag geworden. Und die Rolle der Religion nimmt zu – zumindest auf der ukrainisch kontrollierten Seite der Front: Mehr als 200 junge Menschen haben sich in Slawjansk, dem Zentrum der evangelikalen Kirchen in der Ostukraine, bereits für die Missionarstätigkeit an der Front ausbilden lassen. In gut dreißig ukrainisch kontrollierten Städten entlang der Front wurden neue Kirchenzentren aufgebaut. Sogar eine Rockband namens Frohe Botschaft tourt entlang der Front, um inmitten von Zerstörung und Gewalt die christliche Kunde zu verbreiten: ›Wir gehen dorthin, wo der Schmerz ist / um seine Liebe zu offenbaren / wo zerbrochene Herzen sind / und seine Hand uns führt!‹, lautet einer ihrer Refrains.

Übergang vom ukrainisch kontrollierten Gebiet ins Separatistengebiet, Nulllinie
Es ist früher Morgen, am ukrainischen Checkpoint zum Separatistengebiet warten hunderte Menschen unter provisorisch aufgestellten Holzdächern. Der nächtliche Nebel kriecht noch über den Boden, es nieselt. Auf einem Feld nebenan sind Strommasten unter Beschuss zusammengesackt. Die Regierungssoldaten haben ein hölzernes Kreuz aufgestellt und leere Granatenhülsen auf die Querbalken geklebt.

Wenige Autominuten später folgt der Kontrollposten der Separatisten: eine Panzersperre, eine Puppe mit Gasmaske hebt die Hand wie zum Gruß. Ein Separatist in einem langen militärgrünen Cape und mit Kalaschnikow steckt den Kopf zum Autofenster herein. Pässe, Journalistenausweise, ein flüchtiger Blick in den Kofferraum, ein flotter Spruch. ›Na, im Auftrag von Petro Poroschenko unterwegs?‹ Er lacht und winkt uns durch. Der Weg führt vorbei an zerschossenen Straßenschildern und ausgebombten Häusern. Die Straßen sind gut, sie wurden für die Fußball-Europameisterschaft 2012 erneuert. Schließlich reihen sich immer dichter Kohleschächte und Häuser aneinander, bald tauchen die ersten Wolkenkratzer auf: Donezk.

›Mein Blut, my blood / ist wie eine Knolle auf dein Maul‹, rappt Roman auf Russisch in die Kamera. ›Wir heben den Schutzschild / schützend zum Herzen, schützend zum Herzen.‹ – Ein scheppernder Beat, während Roman und Ilja alias ›Sargtischler‹ und ›Papyrus‹ in Trainingsjacke, Turnschuhen und Sturmhaube über die aufgegrabene Erde und durch verlassene zerschossene Wohnblöcke tänzeln. ›Hardcore-Rap‹ nennen sie und ihr Manager und Texter Sascha diesen düsteren Hip-Hop. Ihre ersten Studio­tracks haben sie unter dem Namen Gush auf Vkontakte, dem russischen Facebook-Pendant, hochgeladen. Mehr als 50.000-mal wurde das Video schon auf Youtube angeklickt, das sie im Frühjahr aufgenommen haben, vor der Kulisse der vernarbten Vorstädte von Donezk. Tristesse aus dem Kriegsgebiet statt Ghettofeeling aus der Bronx.

Begonnen haben die heute 19-Jährigen vor zwei, vielleicht auch zweieinhalb Jahren, wer weiß das schon so genau, ›es war jedenfalls Krieg‹, sagt Roman. Der Krieg selbst aber habe keinen Platz in ihrer Kunst, ›zu banal‹. Es gehe mehr um Wortspiel, Flow und Attitüde, sagt Sascha. Doch wer sich durch die Tracks hört, sich durch die Videoaufnahmen klickt und die Texte gräbt, merkt: Der Krieg ist überall. Blut, Explosionen, Schreie. Geschichten von he­rausgeschnittenen Körperteilen, Minen und Kindern ohne Beine, Samples mit Kalaschnikows im Dauerfeuer. Eine Mischung aus Gewalt, Machotum, viel Unsinn und ›Mat‹, dem endlosen Schimpfwortrepertoire der russischen Vulgärsprache. Der Krieg ist nicht das Thema, aber so etwas wie die Kulisse, das Hintergrundrauschen oder die dunkle Sonne, um die sich dieses Hip-Hop-Universum dreht. Fast so, als wäre der Krieg immer schon da gewesen. Eine Selbstverständlichkeit wie die Luft zum Atmen, das Wetter oder der Luftdruck.

Die Feier endete auf der Polizeistation. ›Unsere Leute sterben an der Front, und ihr macht hier Party?‹

In der Donezker Szene sind die drei kleine Berühmtheiten, gehören dort zu einer Clique junger Tätowierer, BMX-­Fahrer und Musiker. Sascha hat sogar ein eigenes Streetwear-Label namens ›Pilz‹ gegründet. Dass sich in Donezk Widerstand formierte, als in Kiew die Maidan-Bewegung siegte und Präsident Wiktor Janukowitsch, der selbst aus der Gegend um Donezk stammt, nach Russland flüchten musste, fanden sie am Anfang noch irgendwie aufregend. ›Cool, ein eigener Staat!‹, sagt Sascha über seine Gefühle anlässlich des Referendums am 11. Mai 2014 und der Gründung der ›Donezker Volksrepublik‹. Doch dann kam der Krieg, und Donezk wurde von der ukrainischen Armee bombardiert. Selbst als der Beschuss bis ins Stadtzentrum vordrang und viele flüchteten, blieben sie in Donezk, schliefen in den Schutzkellern und harrten der Dinge. Heute geht der Beschuss nur noch am Stadtrand nieder, das Leben kehrt zurück in die ehemalige Millionenstadt.

Doch mit den Jahren des Krieges kam auch der Zweifel, ob in der Rebellenrepublik wirklich eine rosige Zukunft auf sie wartete. Anders als die Krim im März 2014 ist die ›Donezker Volksrepublik‹ nicht an Russland angeschlossen worden. Viele junge Menschen haben die Separatistengebiete verlassen, Richtung Ukraine oder Russland. An der Technischen Universität Donezk ist die Studentenzahl von 28.000 auf 7.000 geschrumpft. ›Heute sind wir weder dort noch hier so richtig‹, sagt Sascha.

Und der Kontrast zur patriotischen Rhetorik der Separatisten ist immer größer geworden. Mit den martialischen Plakaten können sie nur wenig anfangen, auf denen die Separatisten rund um ihren Führer Alexander Sachartschenko zum Zusammenstehen und Durchhalten aufrufen und an die Größe des Donbass appellieren. Ebenso wenig mit den Aufmärschen zu den neugeschaffenen Feiertagen in sowjetischer Tradition. Eine After-Show-Party der Clique endete zuletzt auf der Polizeistation, weil sie gegen die ab 23 Uhr geltende Ausgangssperre verstoßen hatten. ›Unsere Leute sterben an der Front, und ihr macht hier einfach Party?‹, wurden sie von einem Uniformierten angeschrien. ›Früher hat es Leute in Donezk gegeben, die sich weiterentwickeln wollten‹, sagt Sascha. ›Heute dreht sich alles nur noch um den Krieg.‹

Inzwischen haben die Rapper angefangen, vom richtigen Russland zu träumen und nicht von einem vom Krieg zermürbten Satellitenstaat, der militärisch und finanziell ohnehin nur von Russland am Leben erhalten wird. Von St. Petersburg etwa, wo zuletzt ein befreundeter Musiker einen gemeinsamen Song online gestellt und dafür viel Zuspruch geerntet hat, oder von Moskau, der Metropole voller Möglichkeiten. In einem Jahr, wenn sie ihre Ausbildung an der Technischen Universität abgeschlossen haben, möchten Roman, Ilja und Sascha nach Russland gehen. Dass Saschas Onkel im fernen Sibirien 65.000 Rubel im Monat verdient, umgerechnet 900 Euro, klingt für sie wie ein Märchen aus einer anderen Welt.

Die ›Donezker Volksrepublik‹ hält tatsächlich nicht viele Chancen für sie bereit. Donezk liegt in einer Bergbauregion, doch viele Schächte sind verschüttet, die Fabriken zerstört. Vor allem im Frontgebiet sind nur alte Menschen geblieben, die sich die durch Krieg und Isolation gestiegenen Preise nur leisten können, weil sie eine Pension sowohl aus dem Separatistengebiet als auch aus der Ukraine beziehen. Einzig die Armee der Separatisten lockt mit einem Monatslohn von 15.000 Rubel, immerhin das Dreifache des Durchschnittseinkommens im Donezker Separatistengebiet.

Marjinka, ukrainisch kontrolliertes Gebiet, einen Kilometer von der Front entfernt
Der Krieg hat den 21-jährigen Alexander zum Waisen gemacht. Am 2. Februar 2015 wurde seine Mutter von einer Granate getroffen, als sie zur Arbeit ins Separatistengebiet fuhr. Als später einer seiner Freunde eine Frau zum Rendezvous ausführte, wurde ihr der Kopf weggeschossen; danach haben Alexander und sein Freund die Leichenteile selbst zusammengelesen. Als der Krieg am stärksten tobte, rückten nicht einmal mehr die Einsatzkräfte aus.

Heute sitzt Alexander auf seinem Diwan in Marjinka auf der ukrainischen Seite der Front. Schüchtern, aber freundlich, den Kopf kahlrasiert. Das hübsche einstöckige Häuschen entlang einer von tiefen Rillen durchzogenen Seitenstraße bewohnte er mit seiner Mutter, seit er denken konnte. Eine eigentümliche Unbestimmtheit durchzieht seine Sprache: Immer spricht er von ›diesen‹ oder ›jenen‹, nie von Ukrainern oder Separatisten. Kein Wunder, so oft, wie Marjinka die Seiten gewechselt hat, die Fronten gewandert sind: Zuerst wurde die Kleinstadt von den Separatisten kontrolliert, dann von der ukrainischen Armee zurückerobert. Eine versuchte Offensive der Separatisten soll vor einem Jahr gescheitert sein. Jede Nacht werden die Häuser beschossen, die Front verläuft praktisch durch die Stadt. Bis heute ist Marjinka von der Gasversorgung abgeschnitten. Es ist sinnlos, ein Rohr zu reparieren, das ja doch wieder nur zerschossen wird.

Alexanders Mutter pendelte jeden Tag in das Separatistengebiet. Dass sie von einer ukrainischen Granate getötet wurde, ist für ihn klar. Wie wird man mit einem Krieg erwachsen, der einem alles genommen hat? Und wie soll man sich nicht jenen anschließen, die gegen die kämpfen, die die eigene Mutter getötet haben? Schon allein, um nicht jeden Tag an den Kontrollposten die Abzeichen und Waffenläufe derer zu sehen, die das getan haben? ›Davon zu erzählen ist das eine‹, sagt Alexander. ›Dass das tief in dir drinnen ist, ist das andere.‹

Wie wird man mit einem Krieg erwachsen, der einem alles nimmt? Und wie soll man sich nicht jenen anschließen, die gegen die kämpfen, die die eigene Mutter getötet haben?

In Marjinka sind viele junge Männer in den Krieg gezogen, an die eine oder die andere Seite der Front. Je nach Abenteuerlust, Rachegelüsten, politischer Zuneigung oder Zufall. Seit die Fabriken ausgebombt sind, gibt es praktisch auch keine Arbeit mehr in der Stadt. Einem Freund hatte Alexander seine Absicht gestanden, sich den Separatistenkämpfern anzuschließen. In stundenlangen Gesprächen redeten dessen Eltern auf ihn ein. Heute weiß niemand mehr, wann genau der Umschwung eingetreten ist. Wann Alexander, der gelernte Schweißer, beschlossen hat, doch nicht zu den Waffen zu greifen, sondern lieber in den Nachbarstädten Straßen zu asphaltieren und Dächer zu reparieren.

Ja, vielleicht habe er seine Mutter verloren, sagt Alexander. Aber hat nicht auch anderswo jemand einen Vater, eine Mutter, einen Bruder oder eine Schwester verloren durch die Waffen der anderen Seite? Wo ist schon der Unterschied zwischen ›diesen‹ und ›jenen‹? Manchmal kocht es in ihm trotzdem noch hoch. ›Wer hat ihnen das Recht gegeben, einen Menschen zu töten?‹, sagt Alexander. Es ist ungleich schwieriger, mit dem Krieg zu brechen und sich ihm zu verweigern, als sich ihm zu ergeben. Zumindest in sich selbst hat Alexander den Krieg vorerst niedergerungen.

Es ist kein Krieg mit klaren Fronten, keine Konfrontation entlang klarer Linien von Ethnie, Religion oder Sprache. Er beruht auf einem diffusen Gefühl von Zugehörigkeit, Patriotismus und vielen Lügen, von Russland maßgeblich befeuert. Jeder hat seinen eigenen Krieg.

Doch die Wogen der Rhetorik glätten sich. Von den ›Faschisten in Kiew‹, dem Schreckgespenst der russischen Propaganda, sprechen in Donezk nur noch Funktionäre in hohen Positionen. Auch ein Freund Alexanders ist zu den Separatisten gegangen. Als sie zuletzt im Internet miteinander chatteten, hat dieser ihn einen ›Ukrop‹ genannt, einen Scheißukrainer. Und beide mussten da­rüber lachen. ›Wenn es irgendwann wieder Frieden gibt, werden wir uns gemütlich zusammensetzen‹, sagt Alexander. ›Dann werden wir einen trinken und über alles reden.‹