›Ich wäre ein Superheld‹

Sajad und seine Familie sind vor einem Jahr nach Österreich geflohen. Wir haben sie begleitet.

Text und Fotografie:
Ashley Gilbertson
·
Übersetzung:
Theresa Rosenberger
DATUM Ausgabe Dezember 2016

Preševo, Serbien, 29. November 2015
›Ich habe keine Hoffnung, ich bin ohne Hoffnung geboren‹, sagt Sajad al-Faraji, ein 15-jähriger gehbehinderter Bursche aus der irakischen Großstadt Basra. Sajad ist mit seiner älteren Schwester, seinem jüngeren Bruder und seiner Mutter auf dem Weg zu einem Bahnhof für Flüchtlinge in Südserbien.

Ich bin als Journalist und Fotograf im Auftrag von Unicef unterwegs, um die Flucht vieler Menschen über die Balkanroute zu dokumentieren. Während unserer Interviews stellen wir Kindern immer die Standardfrage ›Was möchtest du einmal machen, wenn du groß bist?‹. Eine Antwort, die so trostlos, so endgültig ist, war mir bis dahin noch nie untergekommen.

Wir befinden uns in Preševo, einer Kleinstadt an der mazedonisch-serbischen Grenze, die zu einem Transitort für Flüchtlinge geworden ist. Während der Fluchtkrise pas­sieren ihn täglich 5.000 Menschen. Zur Registrierung stellen sie sich in Schlangen an, die mehr als einen Kilome­ter lang werden; so warten sie oft drei bis vier Tage. Besonders nachts ist es eiskalt, und die Menschen können nirgends untergebracht werden. Deshalb schlafen sie an Ort und Stelle, an ihrem Platz in der Reihe unter freiem Himmel.

Es ist eine raue Etappe ihres Weges. Die serbische Polizei ist offensichtlich entmutigt und überfordert mit der Notlage der vielen Passierenden. In den Neunzigern war ich beruflich im ehemaligen Jugoslawien unterwegs, und die Szenen hier sehen beinahe so aus wie damals.

Sajad hat seine Reise in Basra, einer im Süden des Irak gelegenen Hafenstadt, begonnen. Bei ihm sind seine Mutter Mona, 55, seine Schwester Houda, 24, und sein Bruder Zein, 13. Ein Vater fehlt; Houdas Vater wurde erschossen, als sie fünf Jahre alt war, und Sajads und Zeins Vater hat die Familie für eine andere Frau verlassen. Ohne männlichen Erwachsenen ist die ohnehin anstrengende Reise noch schwieriger.

Das Schwierigste allerdings ist, Sajad vorwärts zu bewegen. Er ist von der Hüfte abwärts gelähmt. Die Familie musste auf dem Weg unendliche Strapazen ertragen: Während der Bootsfahrt von der Türkei nach Samos in Griechenland fiel Mona über Bord. Sajad schoben sie kilometerweit durch Flüsse und über Felder und hatten Schwierigkeiten, ihn in Züge zu heben. Sobald er im Zug war, begannen Menschen ihr Gepäck auf ihn zu schlichten, als wäre er ein Möbelstück. Schwere Zeiten bringen die besten Seiten von Menschen hervor – viele boten ihre Hilfe an –, aber auch die schlechtesten.

Sajad erinnert sich genau an die Bootsfahrt. ›Ich dachte, wir würden auf See sterben. Diese Angst in mir war unbeschreiblich.‹ Trotz allem ist er fröhlich. Sein warmes Lächeln steckt alle um ihn herum an. Ich bin mit Dounia, einer Übersetzerin von Unicef, unterwegs, und wir fragen ihn, wie es zu seiner Lähmung gekommen ist. Augenblicklich verstummt Sajad.

›Er mag es nicht, als behindert zu gelten‹, flüstert Houda. Sich um Sajad zu kümmern ist zentral für die Familie, und sich seiner Empfindsamkeit bewusst zu sein, ist dafür entscheidend.

›Er hatte eine OP an der Wirbelsäule, als er gerade einmal einen Monat alt war‹, sagt Houda leise. Dabei sei der irakische Chirurg, als er einen Knoten entfernen wollte, mit dem Skalpell abgerutscht und habe Sajads Wirbelsäule verletzt. ›In arabischen Ländern kümmert sich niemand um Menschen mit Behinderung‹, sagt Houda. ›Und als sich die Lage im Irak zuspitzte, haben wir beschlossen, Sajad nach Europa zu bringen.‹

Die Familie ist fertig beim Meldeamt in Preševo. Mit den Papieren können sie bis zur serbisch-kroatischen Grenze reisen – per Bus, Sammeltaxi oder Zug. All diese Leistungen werden von der lokalen Mafia angeboten. Es wird geschätzt, dass die Schlepper in Serbien zu dieser Zeit rund 250.000 Euro pro Tag einnehmen. In bar.

Obwohl ungemütlich, scheint der Zug die beste Lösung für sie zu sein. Ich frage sie, wohin ihre Reise geht – vielleicht können wir uns ja noch einmal treffen? ›Wir wollen nach Österreich‹, sagt Houda. Sajad schaut zu Houda und sagt: ›Ich dachte, wir wollen nach Finnland?‹

Wien, Österreich, 4., 6. und 7. Dezember 2015
Ich bin im Kurierhaus, einem alten Zeitungsgebäude im 6. Wiener Bezirk, jetzt die Hauptmeldestelle für Flüchtlinge, die in der Stadt bleiben wollen.

Das Gebäude platzt aus allen Nähten. In der ehemaligen Redaktion im ersten Stock sind zahlreiche Hochbetten aneinandergereiht. Jedes einzelne davon ist besetzt. In die Büros weiter oben sind jeweils vier oder fünf Hochbetten gezwängt. Familien, die schon seit mehr als einer Woche hier sind, bewohnen sie. Im obersten Stockwerk ist der Raum für Polizeibefragungen. Muskulöse Männer in Uniform warten vor den verschlossenen Türen. Mir wird gesagt: ›Kein Eintritt. Sicherheitsvorkehrungen.‹

Ich bin am Hauptempfang, wo die Menschen sich für einen Termin bei der österreichischen Behörde anmelden. Jemand ruft meinen Namen und ergreift meinen Arm. Es ist Zein, Sajads jüngerer Bruder. Sie haben es tatsächlich nach Österreich geschafft.

›Wir sind gerade angekommen, und das ist es jetzt also‹, sagt Houda. Sie freut sich, ein vertrautes Gesicht zu sehen. Sie und die übrigen Familienmitglieder schauen mitgenommen aus. ›Wir hören nicht auf die Leute, die uns sagen, wir sollen in ein anderes Land gehen. Wir sind zu erschöpft, um weiterzuziehen. Erst recht mit Sajad‹, erklärt sie.

Die Familie meldet sich für ihr Gespräch mit den Behörden an und macht sich auf den Weg in den dritten Stock. Es ist früh am Morgen, dennoch warten dort schon viele andere Menschen unruhig auf ihr Gespräch. Mona findet dennoch einen Platz.

Und dann vergehen Stunden. Und noch mehr Stunden. Flüchtlinge und Beamte betreten und verlassen den Raum in unregelmäßigen Abständen. Sajad und seine Familie sind zu erschöpft, um sich bemerkbar zu machen. Ich halte einen vorbeieilenden Österreicher auf, und er erklärt mir, dass es an den Flüchtlingen liege, eine Schlange zu bilden und sich an die Reihenfolge zu halten. Das Rote Kreuz habe einfach nicht genug Personal, um das auch noch zu regeln. Leider hat niemand daran gedacht, dieses Konzept den Flüchtlingen zu erklären.

Sajad hat keine Kraft mehr. Er sitzt gekrümmt in seinem Stuhl, den Kopf in den Händen vergraben. Er hat eine schlimme Erkältung und braucht, wie der Rest seiner Familie, Ruhe. Er ist mit seiner Geduld am Ende, und das zehrt an der Familie. Zein streitet mit ihm. Mona versucht ihn zu beruhigen. Durchs Fenster sehe ich, wie die Sonne langsam untergeht. Sie sind fast den ganzen Tag vor dieser Tür gesessen.

Ein Mann ist gerade dabei, den Gesprächsraum zu verlassen und die Tür hinter sich zu schließen. Da fasst Houda sich ein Herz, steht auf, ergreift die Türschnalle – und schon ist die Familie im Raum.

›Welcome to Austria!‹, begrüßt sie ein schlaksiger Herr auf Englisch mit starkem Akzent. Er ist freundlich, seine Stimme sanft. ›Wie lauten Ihre Namen?‹

Fotos werden gemacht, Ausweise gedruckt und die nächsten Schritte zu ihrem Asylantrag erklärt. Die Ausweise geben der Familie das Recht auf Essen, Unterkunft und medizinische Versorgung.

Am dringendsten ist nun, Sajads Erkältung sowie eine schwere Infektion zu behandeln, die er sich während der Reise vom Irak hierher zugezogen hat. Er sei einfach zu lange in seinem Rollstuhl gesessen, sagt Houda und achtet darauf, nicht in Hörweite ihres Bruders zu sein. Durch das lange Sitzen können wunde Stellen entstehen. ›Als ich ihn ins Krankenhaus brachte, hat er sich geschämt, seinen Intimbereich vom Arzt untersuchen zu lassen. Ich habe ihm gesagt, dass man den Ärzten hier vertrauen kann.‹

Ich treffe Sajad einen Tag später; er liegt in einem Krankenhausbett, wie auch alle anderen Familienmitglieder. Das ihnen zugewiesene Flüchtlingslager befindet sich in einem ehemaligen Altersheim in Hietzing, dem 13. Wiener Bezirk. Sie teilen sich den Raum mit zwei Familien aus Afghanistan. Sie können sich nicht mit ihnen verständigen, da man in Afghanistan kaum Arabisch spricht. Der Raum hat hohe, gewölbte Decken, und die Sonne scheint hell durch die großen Fenster. Drei über eine Schnur gehängte Leintücher grenzen ihren Teil des Zimmers ab und bieten zumindest ein bisschen Privatsphäre.

›Bis jetzt haben wir nichts anderes als Lager und Polizeigebäude gesehen. Wir würden uns freuen, die Stadt kennenzulernen‹, sagt Sajad. Wir sind schon dabei, für die Familie einen Ausflug ins Museum zu planen, als Houda uns unterbricht. ›In unserer Kultur geht man nicht ohne Mann vors Haus‹, sagt sie, ›wir bräuchten jemanden, der mit uns mitkommt.‹

Wie leicht übersieht man kulturelle Sensibilitäten, die sich über Jahrzehnte in Familien etabliert haben! Mir wird bewusst, dass jeder von ihnen noch etwas Zeit braucht, um sich in Österreich wohlzufühlen und mit den neuen kulturellen Normen und Freiheiten zurechtzukommen – besonders Houda als junge Frau. Ich biete an, sie zu begleiten.

Die Kellner sind liebenswürdig. Es scheint ein anderes Wien zu sein als jenes, das ich kenne.

Als wir durch den ersten Bezirk spazieren, staunt die Familie. Sie alle wirken noch müde, aber die Eindrücke der Stadt sind aufregend. Wir kommen zum Stephansplatz, und sie machen vor der riesigen Kathedrale mit ihren Handys Fotos voneinander. Ich habe vor zehn Jahren in Wien gelebt und schlage vor, ins Café Central zu gehen.

Bemerkenswert, dass dort die traditionell schlecht ge­laun­ten Kellner der irakischen Familie gegenüber äußerst liebenswürdig sind. Sie machen sofort Platz für Sajads Rollstuhl und sprechen in langsamem und klarem Englisch, freundlich lächelnd. Es scheint ein anderes Wien zu sein als jenes, das ich kennengelernt habe.

Wir sind auf dem Weg zum Kunsthistorischen Museum, und Sajad führt wie immer die Gruppe an. Er rollt bis zu den Stufen, die ins Gebäude führen, und wartet geduldig auf Hilfe. Im Irak gibt es keine Rampen oder Lifte. Er denkt auch hier nicht daran, welche zu suchen.

Im Museum geht die Familie still durch die Galerien mit Werken aus der Renaissance und blickt bewundernd zu den gewaltigen Leinwänden hinauf. ›Wir kennen so etwas aus dem Fernsehen‹, sagt Sajad, ›aber wir haben uns nie vorstellen können, diese Dinge einmal wirklich zu sehen.‹ Wir gehen weiter durch die ägyptische Sammlung, kommen in die Halle über Babylon und Mesopotamien. Sajad betrachtet die ausgestellten alten Werkzeuge und Schrifttafeln genau. Zum ersten Mal in seinem Leben sieht er, wie Europäer sein Land wahrnehmen: Das Bild des Irak ist nicht nur geprägt von Kriegen; er gilt auch als Heimat einer der wichtigsten Hochkulturen in der Entwicklung der Menschheit.

›Wenn ich nicht hierher gekommen wäre‹, sagt Sajad, ›hätte ich die Geschichte meines eigenen Volkes nicht gesehen. Alles im Irak wurde während des Krieges gestohlen.‹ Möglicherweise ist dieser Bereich des Museums ein Ort, an den Sajad immer wieder zurückkehren wird, während er sich in seinem neuen Heimatland einlebt. Vorausgesetzt, der Asylantrag wird genehmigt.

Nachdem wir die ganzen bürokratischen Angelegenheiten erledigt und der Polizei unsere Daten gemeldet hatten, hatten wir keine Angst mehr‹, sagt Houda. Wir sind wieder draußen auf der Straße. Es wird bald dunkel, und es ist bitterkalt. Mona wickelt Sajad in Schal und Jacke. ›Wir glauben, dass das ein Neustart für uns in diesem Land ist‹, sagt Houda. ›Wir sind so beeindruckt von der Ordentlichkeit hier, wie sauber dieses Land ist.‹

Die Matriarchin, Mona, ist eine ruhige Person. Wenn sie doch spricht, sind es meist große Worte. ›Die Österreicher haben uns mit Empathie empfangen‹, sagt sie langsam. ›Unsere Familie ist stark aneinandergeschweißt, und das gibt uns Hoffnung. Wir werden uns hier ein besseres Leben aufbauen. Es gibt Hoffnung.‹

Wien, Österreich, 22., 23. und 24. Mai 2016
Als wir hierher kamen, hatten wir große Angst. Wir waren in einem uns unbekannten Land‹, sagt die mittlerweile 25-jährige Houda. Sajad, ihr jüngerer Bruder, ist gut gelaunt und stößt zum Gespräch dazu. ›Ich hätte nie gedacht, dass wir es jemals hierher schaffen werden. Ich dachte, wir würden im Meer ertrinken. Verglichen damit ist jeder Tag hier ein guter Tag.‹

Fünf Monate sind bereits vergangen, und die Familie lebt immer noch in dem ehemaligen Altersheim, das in eine Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert worden ist. Der Asylantrag der Familie wird noch bearbeitet. ›Wir waren bei der Polizei, und sie haben unsere Fingerabdrücke genommen und uns eine weiße und eine grüne Karte gegeben‹, sagt Sajad. ›Die grüne Karte ist für Krankenhäuser und Schulen, also sehr wichtig. Die weiße bedeutet, dass unser Antrag jedenfalls nicht abgelehnt worden ist, also auch eine sehr gute Karte. Jetzt warten wir auf einen Brief von den Behörden für ein Gespräch.‹

Der Flüchtlingsstrom nach Mitteleuropa ist aufgrund der geschlossenen Grenzen entlang der Balkanroute verebbt. Deshalb sind auch die Unterkünfte in Wien nicht mehr überfüllt. Die Familie lebt seit drei Monaten in einem eigenen Zimmer. Noch vor einer Woche haben sie dort auf Matratzen am Boden geschlafen. Heute haben sie Hochbetten bekommen.

Im Lager wird Sajad heute von mehreren Ärzten untersucht. Seit seiner Ankunft hat er insgesamt acht Wochen im Krankenhaus verbracht, weil er sich das Bein gebrochen hatte. Als er dort war, brachte ein Spezialist Bedenken vor, dass die Verletzung an der Wirbelsäule später im Leben seine Hirnfunktion beeinträchtigen könnte.

›Ich möchte die Sprache lernen und eine medizinische Lösung für meine Beine finden. Mein Traum ist es, wieder gehen zu können‹, sagt Sajad. Seine Schwester, die für ihn dolmetscht, flüstert seine Worte, als habe sie Angst davor, sie laut auszusprechen.

Währenddessen folgt Sajad dem Beispiel seines jüngeren Bruders, um zur Schule gehen zu dürfen. Zein hat die Lagerleitung so lange bearbeitet, bis er endlich einen Platz erhalten hat. Sajad macht das jetzt genauso.

›Ich bin vier Monate lang jeden Tag ins Büro gegangen und habe gesagt: »Ich will zur Schule gehen«‹, erzählt Zein, der nun schon 14 Jahre alt ist. ›An Tagen, an denen ich krank war und nicht hingehen konnte, ist der Leiter der Verwaltung zu mir gekommen. »Du bist heute nicht gekommen, um zu fragen!«, hat er gesagt.‹

Vor einem Monat hat Zein die Zusage für einen Sprachkurs in einer nahe gelegenen Schule erhalten, die er fünf Tage in der Woche mit 15 weiteren Burschen aus Afghanistan, dem Irak und Syrien besucht. ›Das ist das Beste, was mir passieren konnte, seit wir hier sind‹, sagt er. ›Irgendjemand in unserer Familie muss schließlich Deutsch lernen, um übersetzen zu können.‹ Er erzählt, dass er später gerne Journalismus studieren würde.

Houda, die sich immer um Sajad kümmert, hat in den vergangenen sechs Monaten langsam einen neuen Freundeskreis aufgebaut. Sie trifft zwar keine Männer – dafür sei sie zu beschäftigt –, hat aber eine enge Freundin gefunden, Fawzia aus Afghanistan. Mit ihr spricht sie Englisch. ›Sie begleitet mich zum Arzt, wir gehen gemeinsam einkaufen oder zur Donau. Sie kann mir alles erzählen, und ich ihr. Wir vertrauen einander.‹

Houda hat nicht mehr das Gefühl, sie brauche eine männliche Begleitperson, wenn sie allein unterwegs ist. Sie war sogar mit österreichischen Freunden klettern. An den Tagen, an denen Houda im Lager festsitzt, hilft sie dort freiwillig im Büro mit. Sie dolmetscht für andere Flüchtlinge – und versucht Sachbearbeiter davon zu überzeugen, ihre Familie in eine bessere Unterkunft zu verlegen. ›Wir möchten einen Platz, wo wir kochen können‹, sagt sie. ›Hier essen wir Kartoffeln. Nur Kartoffeln!‹

Im Irak hat Houda ein Wirtschaftsstudium absolviert. ›Seit ich mit dem Studium begonnen hatte, wusste ich, dass ich einmal ins Ausland gehen möchte. Ich möchte Deutsch lernen und arbeiten. Hier ist es sicher, und es gibt viel mehr Möglichkeiten als im Irak. Hätte ich im Irak eine Arbeit, würde mich von meiner Haustür bis dorthin ein Mann im Auto begleiten. Hier kann ich einfach hinaus. Ich brauche keinen Mann, der überallhin mitkommt.‹

Seit Zein Deutsch lernt, ist er der Mittelsmann der Familie. Er ist besser integriert als alle anderen, und wenn die Familie außerhalb des Lagers unterwegs ist, geht er vor, sucht Züge und Straßenbahnen, fragt nach der richtigen Richtung oder plaudert mit Leuten auf der Straße. Er hat auch eine Freundin gefunden: Lina, ein 14-jähriges blondes Mädchen, sie gehen immer gemeinsam zur Schule. ›Ich habe ihr von meiner Familie und unserer Reise hierher erzählt‹, sagt Zein. ›Wir sprechen Deutsch miteinander.‹

Sie essen Mannerschnitten und trinken Cola während wir über ihre neuen Freiheiten reden.

Ich frage Zein, ob ich mich mit Linas Eltern in Verbindung setzen könne, um nachzufragen, ob ich die beiden zusammen fotografieren darf. ›Nein‹, sagt er bestimmt, ›Hofer mag das nicht.‹ Zein spricht von Norbert Hofer, dem Präsidentschaftskandidaten der Freiheitlichen Partei Österreichs, der FPÖ. Als Zein und ich miteinander sprechen, geben die Österreicher gerade ihre Stimmzettel für die Wahl zum Bundespräsidenten ab.

Auch Sajad schließt langsam Freundschaften. Mohammad aus Somalia lebt in einem anderen Gebäude im Lager, verbringt aber seine ganze Zeit in Sajads Zimmer. ›Ich kann ihm alles erzählen. Dass ich nicht in die Schule gehen kann, dass ich krank bin oder traurig‹, sagt Sajad. Ich lasse die Burschen alleine und beobachte sie, während sie für eine gute Stunde in ihr Gespräch vertieft sind. Manchmal sind sie aufgedreht, dann wieder nachdenklich.

Ich geselle mich zu Houda und Mona, die in der Nähe mit ein paar Freunden im Gras sitzen. Sie essen Mannerschnitten und trinken Cola, während wir über ihre hier erlangten neuen Freiheiten und Zukunftsperspektiven reden. Auf einmal werden wir von den Klingeltönen neu eintreffender SMS und dem Klatschen anderer Flüchtlinge unterbrochen. Die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl sind bekanntgegeben worden, und Hofer, der rechte Kandidat, hat mit 49,7 Prozent verloren. ›Das ist gut für uns‹, sagt Sobhi, ein syrischer Flüchtling, der gerade bei uns sitzt. Wie sich später herausstellt, wird die Wahl wegen Unregelmäßigkeiten bei der Auszählung wiederholt werden müssen.

Die Gespräche hier drehen sich um die Herausforderungen, vor denen die Menschen stehen. Manchmal fühlt es sich an, als habe sich in den vergangenen sechs Monaten nichts geändert. Es sind dieselben ›Flüchtlingsprobleme‹: langsame Bürokratie, Probleme bezüglich Wohnsituation, Schule und Essen.

›Wir gewöhnen uns schon an das neue Land, wir sind keine engstirnige Familie‹, sagt Mona. ›Ich sehe Veränderungen, mit jedem Schritt und jedem Monat sehe ich mehr Veränderungen.‹ Wenn sie ihre Unterkunft verlassen, kann ich als Besucher die Unterschiede sehen. Diese Familie sind keine verängstigten Flüchtlinge mehr. Heute gehen sie mit Leichtigkeit und Selbstvertrauen durch Wien. Kürzlich ist Houdas Freundin an einem Sonntagnachmittag in ihr Zimmer gekommen und hat alle zu einer Party im 17. Bezirk eingeladen.

Houda, Sajad und Zein sprangen sofort auf und zogen sich um. Houda drehte sich zu mir: ›Möchtest du mitkommen?‹ Ich erklärte ihr, dass wir die Abmachung, in der ich als männlicher Begleiter auftrete, neu besprechen müssten. Ich bin immerhin Journalist und kein Vermittler. ›Nein, so meine ich das nicht! Du bist unser Gast‹, sagte Houda. Auf der Party – eigentlich ein Charityevent für Flüchtlinge von Ute Bock im Wiener-Sportklub-Stadion in Hernals – trank Houda einen Caffè Latte, Sajad aß ein Crêpe eines hier aufgestellten Hipstercafés. Sie hörten einer Band zu, deren Musiker aus Österreich und Burkina Faso kommen, während Zein auf einem Fußballfeld mit Österreichern und anderen Flüchtlingen ein paar Bälle kickte.

›Wenn ich Sajad lächeln sehe, bin ich glücklich‹, sagte Houda. Sie saß auf der Tribüne, umgeben von lauter biertrinkenden Wienern. ›Wir sind uns sehr nah, und ich kann fühlen, wie es ihm geht. Es ist, als ob unsere Seelen miteinander verbunden wären. Wenn er glücklich ist, bedeutet das die Welt für mich.‹

Als ich Sajad das erste Mal im November getroffen habe, hat er mir gesagt, dass er von einer Zukunft nicht träumen kann. Heute ist er sich nicht mehr so sicher, ob die Aussichten wirklich so düster sind. ›Es ist immer noch schwierig zu träumen‹, sagt Sajad und grinst. ›Wenn ich allerdings einen Traum habe, dann werde ich es dir auf Facebook mitteilen.‹

Wien, Österreich, 17., 18. und 19. September 2016
Es sind die letzten Sommertage, immer wieder bricht die Sonne durch die Wolken. Warmes Licht fällt auf Zein und Sajad, die am Ufer der Donau im Gras sitzen. Houda und Mona machen an einem der Grillplätze gerade Feuer. Auch die anderen Grillplätze sind belegt, das Areal ist voller Menschen, hunderten. Kinder spielen unter den Bäumen, und Erwachsene nippen auf ihren Picknickdecken am Tee. Während ich mit Zein an den vielen Gruppen vorübergehe, um Wasser von der Pumpe zu holen, hilft er mir, die verschiedenen gesprochenen Sprachen zu erkennen: Farsi, Paschtu, Dari und diverse arabische Dialekte. Eine Familie spricht Deutsch.

Zein läuft zu einem Boot am Fluss. Er gesellt sich zu rumänischen Männern, die so betrunken sind, dass sie kaum stehen können, aber Zein das Tauchen beibringen wollen.
Mona und Houda mühen sich mit den Kohlen ab, als ein irakischer Mann zu ihnen kommt und ihnen seinen Grill und seine Kochutensilien anbietet. Sie plaudern eine Weile, bevor der Mann einen Schritt zurücktritt und die Situation auf sich wirken lässt. ›Es ist wie in Basra‹, sagt er und meint die irakische Heimatstadt von Sajads Familie. Er zeigt auf die Donau: ›Wir haben den Shatt al-Arab‹, den Fluss, der durch Basra fließt; und dann, auf den großen Fisch auf dem Grill deutend: ›Und Masguf!‹

Masguf ist das irakische Nationalgericht. Es ist ein Karpfen, den Bauch entlang aufgeschnitten, mit Salz, Zitrone und Gewürzen mariniert. Der Fisch wird in einen eigens für das Gericht entworfenen Eisengrill geklemmt und dann langsam über einem Feuer aus Marillenbaumholz gegrillt. Mona verwendet allerdings abgepackte Kohle. Es ist ein Sonntag in Wien, sie hat Glück gehabt, überhaupt einen geöffneten Supermarkt gefunden zu haben.

Unter der Woche war ich mit Houda und den Burschen einkaufen. Sajad und Zein jagten einen Hügel hi­­nunter. Sajad hat einen neuen Rollstuhl, der seine Wirbelsäule besser stützt. Zein war mit einem Skateboard unterwegs, das er auf dem Flohmarkt gefunden hat. Sie rasten an den großen Häusern in der Nähe ihres Lagers vorbei und kamen zu einem Billa. Ich drehte mich zu Houda und fragte: ›Supermarkt?‹ – ›Billa ist zu teuer‹, sagte Houda, die Probleme hatte, mit ihren Brüdern Schritt zu halten. ›Alle Flüchtlinge mögen Hoffa.‹

Seit der Ramadan begonnen hat, dürfen die Flüchtlinge im Lager selbst kochen. Das klingt nach einer kleinen Veränderung, für die Bewohner aber ist es eine große Sache. Sie haben das für sie zubereitete Essen nicht leiden können. Eine Mahlzeit, die nicht schmeckt, hält man leicht aus; aber es wird problematisch, wenn man diese Mahlzeit fast ein ganzes Jahr lang als Frühstück, Mittag- und Abendessen vorgesetzt bekommt.

In diesen Tagen verbringt Mona viel Zeit in der Küche. Sie bereitet arabische Gerichte zu. Wenn Houda Zeit hat – sie hat endlich einen Platz in einem Deutschkurs gefunden –, hilft sie ihrer Mutter und lernt dabei, traditionelle Gerichte aus ihrer Heimat zuzubereiten. Das Lieblingsgericht der Familie ist Maqluba, ein Gericht aus Reis, Huhn, Kartoffeln und Zwiebeln, die gemeinsam in einem Topf gekocht werden. Zum Servieren wird der Topf auf einen Teller gestürzt; wörtlich übersetzt heißt das Gericht ›auf den Kopf gestellt‹.

Als zu ihm komme, ist Sajad gerade aufgewacht. Er wäscht sich das Gesicht, bevor er in den Raum mit der besten WLAN-Verbindung im Haus rollt. Er setzt sich zu anderen Teenagern auf ein Sofa und spielt mit ihnen auf dem Handy ›Clash of Clans‹, während Zein mit einer anderen Gruppe Burschen Tischfußball spielt.

Seit Mai besucht Zein die Volksschule, erhält dort aber fast nur Deutschunterricht für Flüchtlinge. Er freut sich schon, wenn er eine Schule wie sein Bruder besuchen darf, in der österreichische Schüler und Neuankömmlinge zusammen unterrichtet werden. Bis dahin unternimmt er viel mit Österreichern, die in der Unterkunft tätig sind. Am vergangenen Abend hat er mit einem von ihnen ein Match von Rapid Wien besucht.

›Ich habe jetzt Freunde in der Schule‹, sagt Sajad, ›und kann mich mit ihnen unterhalten.‹

Sajad, der vor ein paar Wochen seinen 16. Geburtstag gefeiert hat, ist an einer Schule für Kinder mit körperlichen und geistigen Behinderungen aufgenommen worden. Schon nach einem Monat dort ist er entschlossen, unabhängiger zu werden, und möchte einen Sport betreiben. Vielleicht Bogenschießen, meint er. ›Dieses Jahr läuft einfach so viel besser‹, sagt Sajad. ›Ich habe jetzt Freunde in der Schule, und ich kann mich mit ihnen unterhalten. Es ist gut, auch österreichische Freunde zu haben, weil ich so schneller lerne.‹

›Ich werde nie vergessen, wie ich das erste Mal zur Schule gegangen bin‹, erzählt Sajad und denkt dabei an sein Leben im Irak, ›als der Direktor gekommen ist und geschrien hat: »Wer ist das? Warum ist der hier? Das ist keine Schule für Rollstühle!« Das war mein letzter Tag in einer normalen Schule. Hier ist es anders, weil ich akzeptiert werde. Die Leute in der Schule haben mich sogar willkommen geheißen. Jetzt möchte ich die Schule abschließen und an die Universität gehen. Ich weiß, dass ich alleine reisen kann, und ich würde gerne nach Japan. Ich liebe Japan, ihren Anime-Stil und ihre Kultur.‹

Ich bin überwältigt, solche Wünsche von Sajad zu hören. Er ist seit fast einem Jahr in Wien, und zum ersten Mal zeigt er Interesse an seiner Zukunft. Seine Familie, besonders seine Mutter, ist begeistert zu sehen, wie er sich entwickelt hat. ›Ich habe Sajad hierher gebracht, damit er sich eine Zukunft vorstellen kann‹, sagt Mona. ›Wenn ich ihn nun so sehe, vergesse ich all die Probleme, die wir in der Vergangenheit gehabt haben.‹

›Ich träume davon, einen Youtube-Kanal über Anime zu erstellen‹, erzählt mir Sajad. ›Ich würde meine eigenen Geschichten schreiben und zeichnen und sie mit der Welt teilen. Wenn ich am Abend im Bett liege, denke ich darüber nach, welche Geschichten ich zu erzählen hätte. Ich wäre ein Superheld, der richtig schnell laufen und fliegen und Laserstrahlen aus seinen Augen schießen kann. Ich würde den Menschen im Irak und überall auf der Welt helfen.‹