›Ich wäre ein Superheld‹

Sajad und seine Familie sind vor einem Jahr nach Österreich geflohen. Wir haben sie begleitet.

Text und Fotografie:
Ashley Gilbertson
·
Übersetzung:
Theresa Rosenberger
DATUM Ausgabe Dezember 2016

Preševo, Serbien, 29. November 2015
›Ich habe keine Hoffnung, ich bin ohne Hoffnung geboren‹, sagt Sajad al-Faraji, ein 15-jähriger gehbehinderter Bursche aus der irakischen Großstadt Basra. Sajad ist mit seiner älteren Schwester, seinem jüngeren Bruder und seiner Mutter auf dem Weg zu einem Bahnhof für Flüchtlinge in Südserbien.

Ich bin als Journalist und Fotograf im Auftrag von Unicef unterwegs, um die Flucht vieler Menschen über die Balkanroute zu dokumentieren. Während unserer Interviews stellen wir Kindern immer die Standardfrage ›Was möchtest du einmal machen, wenn du groß bist?‹. Eine Antwort, die so trostlos, so endgültig ist, war mir bis dahin noch nie untergekommen.

Wir befinden uns in Preševo, einer Kleinstadt an der mazedonisch-serbischen Grenze, die zu einem Transitort für Flüchtlinge geworden ist. Während der Fluchtkrise pas­sieren ihn täglich 5.000 Menschen. Zur Registrierung stellen sie sich in Schlangen an, die mehr als einen Kilome­ter lang werden; so warten sie oft drei bis vier Tage. Besonders nachts ist es eiskalt, und die Menschen können nirgends untergebracht werden. Deshalb schlafen sie an Ort und Stelle, an ihrem Platz in der Reihe unter freiem Himmel.

Es ist eine raue Etappe ihres Weges. Die serbische Polizei ist offensichtlich entmutigt und überfordert mit der Notlage der vielen Passierenden. In den Neunzigern war ich beruflich im ehemaligen Jugoslawien unterwegs, und die Szenen hier sehen beinahe so aus wie damals.

Sajad hat seine Reise in Basra, einer im Süden des Irak gelegenen Hafenstadt, begonnen. Bei ihm sind seine Mutter Mona, 55, seine Schwester Houda, 24, und sein Bruder Zein, 13. Ein Vater fehlt; Houdas Vater wurde erschossen, als sie fünf Jahre alt war, und Sajads und Zeins Vater hat die Familie für eine andere Frau verlassen. Ohne männlichen Erwachsenen ist die ohnehin anstrengende Reise noch schwieriger.

Das Schwierigste allerdings ist, Sajad vorwärts zu bewegen. Er ist von der Hüfte abwärts gelähmt. Die Familie musste auf dem Weg unendliche Strapazen ertragen: Während der Bootsfahrt von der Türkei nach Samos in Griechenland fiel Mona über Bord. Sajad schoben sie kilometerweit durch Flüsse und über Felder und hatten Schwierigkeiten, ihn in Züge zu heben. Sobald er im Zug war, begannen Menschen ihr Gepäck auf ihn zu schlichten, als wäre er ein Möbelstück. Schwere Zeiten bringen die besten Seiten von Menschen hervor – viele boten ihre Hilfe an –, aber auch die schlechtesten.

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