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Post ins Straflager

In Russland leben rund tausend politische Gefangene in Haft. Wie geht es ihnen? Eine in Wien lebende Russin gibt Einblick in ihren Briefwechsel mit einem Häftling.

DATUM Ausgabe Februar 2026

Anfang 2023 erreicht Lidia in Wien ein Brief aus dem Moskauer Gefängnis Butyrka. Es ist ein handbeschriebenes, vergilbtes Stück Papier, nachträglich eingescannt und mit dem 6. Februar datiert. Lidia, die aus Angst vor Repressionen nicht möchte, dass ihr Nachname in diesem Text genannt oder ein Foto von ihr gezeigt wird, hatte sich keine großen Hoffnungen gemacht, diesen Brief jemals zu bekommen. Etwa ein Monat zuvor hatte sie selbst einen Brief von Wien aus nach Russland verschickt, an einen politischen Gefangenen in ihrer alten Heimat. Am 8. Februar bekam sie unerwartet seine Antwort. Diese Zeilen sind ein Auszug davon.

Hallo, Lidia!

Schön, dich kennenzulernen! Ich war noch nie in Wien. Ich war noch nie im Ausland!

Meine Tage hier im Gefängnis vergehen schnell, wegen der Eintönigkeit: Fernsehen, Bücher, Schlaf. Briefe helfen sehr.

Meine Gesundheit ist insgesamt okay. Nur der Rücken… der tut jetzt schon den dritten Tag weh, aber ich habe Tabletten.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, für den Brief und für die Glückwünsche! Nachträglich frohes neues Jahr! Pass auch du auf dich auf!

Yegor. Bis zu den nächsten Briefen.

Dieses Schreiben mit der Nummer 11949748 markiert den Beginn einer bis heute anhaltenden Brieffreundschaft. Zwischen der seit 2022 in Wien lebenden Russin und dem im selben Jahr in Moskau inhaftierten Poeten Yegor Shtovba. 

Und obwohl beide eigentlich aus der russischen Hauptstadt stammen, brauchte es einen Algorithmus, um sie zusammenzuführen.

In Russland sitzen inzwischen so viele politische Gefangene in Straflagern, dass Unterstützer eigene Bots programmiert haben. Sie greifen auf Listen von Menschenrechtsgruppen zurück und spucken nach dem Zufallsprinzip Namen und Haftadressen aus. So landen nicht immer nur die prominenten Oppositionspolitiker im Fokus, sondern auch gewöhnliche Leute, die bloß wegen eines kritischen Internetpostings eingesperrt wurden. Ihnen können Menschen dann von draußen per Brief oder Postkarte ein Stück Welt in ihre Zellen schicken. Und ihnen ein Zeichen geben, dass sie nicht in Vergessenheit geraten sind.

Für Lidia wählte ein Bot Anfang 2023 von mehr als tausend politischen Gefangenen schließlich Yegor aus. 

Zu diesem Zeitpunkt saß der bereits seit drei Monaten in einem Moskauer Gefängnis und wartete auf seinen Prozess. Die Behörden warfen ihm ›öffentlichen Aufruf zu Aktivitäten gegen die Staatssicherheit‹ vor – weil er bei dem Gedicht eines anderen Mannes applaudiert hatte.

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