„Renne mir lieber die Nase blutig“

Matthias Strolz spricht über den Tod seines Vaters, das Leben nach der Politik und seine Ähnlichkeit mit U2-Sänger Bono Vox.

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Fotografie:
Martin Valentin Fuchs

Herr Strolz, schön, dass Sie hier sind! Ich habe unlängst Ihr letztes Buch gelesen und was mir unter anderem aufgefallen ist: Sie bezeichnen sich als Gärtner des Lebens, als Pilot des Lebens, Sie schreiben über Wurzeln und Flügeln … Was ist das mit Ihnen und den Sprachbildern?

Tja, eine Liebesbeziehung wahrscheinlich. Ich glaube, ich hab ab und zu ein bisschen einen zu intellektuellen Duktus für die Politik. Wobei ich voller Stolz unlängst im DATUM gelesen habe, dass ich im Parlament mit Abstand die kürzesten Sätze formuliere. Irgendwie bin ich in der Pflicht, bildhaft zu sprechen, sonst verliere ich die Leute.

Verkauft sich Politik besser, wenn man sie in Sprachbildern verpackt? 

Also zum Beispiel habe ich beim Puls 4 Sommergespräch ausgeführt, dass die Politik gebettet ist in den Spannungsbogen zwischen Kooperation und Wettbewerb. Da gab es dann auf Twitter die Diskussion, was ich damit meine. Und dabei ist Twitter noch die eher intellektuelle Abteilung von Social Media. Ich bin manchmal erstaunt, dass Dinge oder Sprachbilder, die für mich normal sind, nicht verstanden werden. Doch in dem Fall hat nicht einmal das Bild geholfen. Stellen Sie sich vor, ich würde nicht einmal das Bild dazu sagen, sondern es noch abstrakter formulieren. Dann machen die Zuhörer den Scheibenwischer und sagen: „Lasst‘s ihn reden, den Vollkoffer!“ Sprachbilder sind ein Beitrag zur besseren Verständlichkeit. 

Ich habe normalerweise im DATUM eine Kolumne, die heißt „Auf Leben und Tod“, momentan ist sie auf Eis gelegt und da sie mir fehlt, würde ich mit Ihnen gerne eine Art Live-Kolumne machen. Sie schreiben in Ihrem Buch: Was wäre das Leben ohne das Sterben? Ich glaub ja: Schön. Was glauben Sie denn?

Ich glaub ja: Nichts. Stellen wir uns vor, wir würden ewig leben. Dann wäre das Leben völlig bedeutungslos. Wenn wir unendlich wären, das würde bedeuten, dass wir auch nicht in die Endlichkeit anderer Belange hineingeboren werden. Also es wären alle Ressourcen unendlich. Weil ein unendlicher Mensch nicht vorstellbar ist, in einer Welt, die sonst ressourcen-endlich ist. Und wenn wir nicht sterben könnten, würden wir das aushalten? Ich weiß es nicht. Also es würde zu einer völligen Reprogrammierung des Menschen führen, weil die bestimmendste conditio humana, nämlich die Sterblichkeit, weg ist. 

Also spornt der Tod an? 

Ja, sicher! Der Tod ist der Bruder des Lebens. Ich glaube, dass der Tod das Vitalisierendste ist, was es in einem Leben gibt. Ich hab das auch bei meinem Vater erlebt, während seinem Sterbeprozess. Damals war ich in einer schwierigen Phase, beruflich sehr an Wien gebunden und als es hieß, er wird vielleicht in der Nacht sterben, hab ich den nächsten Flieger genommen. Als ich ankam, war er quietschlebendig. Auch die ganzen verrückten Phänomene der Vornächte waren weg. Er hatte nur noch 15 Prozent Herzleistung, ist aber 18 Stunden lang ohne Unterbrechung in der Wohnung im Kreis gelaufen. Durch verschiedene Räume. Das war eigentlich aus medizinischer Sicht nicht möglich. Ich glaube, den Sterbeprozess können wir gar nicht richtig greifen. Ich glaube, es ist die letzte größte Lernerfahrung des Menschen, vielleicht die größte überhaupt. Zu sehen, welche Energien hier freigelegt werden … Das ist für mich immer wieder berührend, ein großes Geheimnis. Und ich glaube auch, jeder von uns, der einmal einen Sterbenden begleitet hat, erlebt das als vitalisierend für sich. Weil anschließend einfach alle persönlichen Prioritäten in einer Grundsätzlichkeit hinterfragt und neu sortiert werden. Es gibt kein besseres, kein effektiveres Coaching als den Tod.

Ihr Vater ist letztes Jahr gestorben? 

Vor zweieinhalb Jahren, ja.

Hat das den Tod für Sie nochmal verändert?

Nicht unbedingt. Der Tod hat mich schon seit Jugendjahren sehr beschäftigt. Meine Frau sagt manchmal: „Aufhören, du redest zu viel übers Sterben.“ Ich diskutier gern mit Menschen darüber, wo sie begraben werden wollen und so weiter. Ich merk da, dass manche Leute nicht gern drüber reden. Ich selber finde, es ist eines der spannendsten Themen überhaupt. Mein frühes, einschneidendes Erlebnis mit dem Tod, als ich acht oder neun Jahre alt war. Wir haben in Vorarlberg das Haus vom Taufpaten meiner Mutter übernommen. Der hatte keine Kinder und hat mich irgendwie „adoptiert“. Er war wie ein Großvater für mich. Ich hab irgendwann zu ihm in sein Zimmer gewechselt, wir haben da ein Doppel-Bett geteilt. Auch in seiner Sterbenacht hab ich dort an seiner Seite geschlafen – die Familie hat das zugelassen, obwohl absehbar war, dass er sterben wird. Für mich war das eines der prägendsten, vielleicht auch schönsten Erlebnisse: einen Menschen in Frieden gehen zu sehen. Bei uns in der Familie am Land ist es so, dass wir den Toten noch immer aufbahren für einen Tag. Ich hätte das gern auch meinen Kindern mehr vermittelt, aber die kamen für ihren Großvater zu spät an. Für mich war jedenfalls wichtig, dass mein Vater aufgebahrt war, dass ich ihn auch nach seinem Tod noch angreifen konnte. Das geht tief. (Pause) Und da gab es auch eine lustige Szene (lacht), weil der Papa hatte einen Defibrillator eingebaut. Einen Herzschrittmacher mit Defi: Wenn das Herz aussetzt, dann schießt der von innen raus, bumm, bumm. Jedenfalls war er aufgebahrt im Schlafzimmer, daneben ist die Stube – das Wohnzimmer – und mein Neffe, der war da gut 20 Jahre, hat die Totenwache gehalten. Er ist, was sicherlich nicht so easy ist, neben dem Toten im Wohnzimmer gesessen, die kalte Leiche eine offene Tür weiter. Die restliche Familie war geschlossen beim Rosenkranz in der Kirche. Und plötzlich fängt der Defi an zu schießen. Tuuut tuuut, die Sirene ganz laut. Und natürlich, der junge Mann hüpft auf, außer sich und registriert, das Pfeifen kommt aus dem Toten. Halleluja! Das sind berührende, bleibende, irgendwie auch lustige Erlebnisse … Ich hab immer eine stehende Verbindung mit meinem Papa. Insbesondere habe ich drei Situationen, die ich erinnere, und sie haben auch mit seinem Tod zu tun. Eine Situation ist, wo ich als Bub mit ihm am Kachelofen sitz und ihn umarme und sage: „Papa, ich liebe dich.“ Und er antwortet: „Und ich liebe dich.“ Da bin ich in seiner vollen Liebe. Die Situation hat es real so nicht gegeben. Er war ein guter Vater, aber wir haben vielleicht nicht immer die Sprache auf jener Wortebene gefunden, wie ich es mir gewünscht hätte. Das ist eine andere Generation, mitunter wortkarg in Gefühlsangelegenheiten. Und die andere Situation ist, dass ich ihn massiere. Ich hab meinen Vater nur einmal massiert und zwar in dieser Nacht, als ich gedacht habe, er stirbt, und nach Vorarlberg geflogen bin. Das war für mich eine sehr innige Erfahrung und eigentlich sehr schade, dass das erst im Angesicht des Todes geht. Diese Art von Zärtlichkeit. Und die dritte Situation ist, wo ich ihn am Fuß greife. Sein Körper bereits kalt. In all diesen Erinnerungen kann ich jederzeit mit ihm in Verbindung gehen. Da sag ich: „Hilf mir, ein guter Mensch zu sein. Von Diensten zu sein. Für mich selbst Sorge zu tragen, für die Familie, meine Umwelt, meine Aufgaben in dieser Welt.“ 

Was kommt denn nach dem Tod? 

Weiß ich nicht. Ich glaube, wir gehen in etwas Großes. Ich bin ein gottgläubiger Mensch, aber mein Gott hat keinen Bart, auch kein Geschlecht, er ist jenseits der Worte. Da ist eine Kraft, und in die sind wir gebettet.

Und diese Verbindung zwischen Ihnen und Ihrem Vater – wie sieht die aus?

Ich sehe ihn, wie er war. Nicht abstrakt. Meistens ist er irgendwo in der Natur, in die mein Blick gerade geht, zum Beispiel auf einem Baum. Oder ich erinnere ihn an einem seiner Lieblingsplätze. Es ist unterschiedlich. Ich schreib gerade an einem Buch und darin beschreibe ich auch eine Sterbe-Szene. Vielleicht ist das auch eine Art von Aufarbeitung. Da beschreibe ich auch diese Standleitung zum geliebten Verstorbenen, so wie ich sie mit meinem Papa habe. Wenn ich zum Beispiel diese Woche im Sommergespräch bei Puls4 war, dann kann ich in der Pause diese Standleitung aktivieren, dann spreche ich mit meinem Papa und sage: „Okay Papa, hilf mir, dass die zweite Halbzeit auch gut läuft.“ Und dann bin ich in meiner Kraft, in meiner Mitte. Da bin ich nicht unverwundbar, aber in Liebe gebettet und von Liebe getragen.

In der Politik tätig zu sein ist fordernd, wenig Pausen – bleibt da Zeit um zu trauern?

Ich denke, das Schreiben ist auch Teil der Trauerarbeit. Da geht man mitunter schon sehr in die Emotion. Ich hab ab meinem zehnten Geburtstag in unserer Dorfkapelle Klarinette und Saxophon gespielt. Bei Begräbnissen spielten wir immer das Lied “Ich hatt‘ einen Kameraden”, und nach den ersten vier Takten hatte ich stets einen Kloß im Hals und meine Klarinette hat gestockt. Das hat mich immer sehr berührt und ich lass mich da auch in die Emotion gehen. So hab ich auch beim Buchschreiben bei manchen Szenen geweint. Das ist wohl auch ein Abschied von meinem Vater. 

Jetzt waren Sie in der Politik, sind wieder weg. Nach all den Reaktionen, nach all dem, was gerade im Parlament so passiert Stichwort Liste Pilz, Stichwort SPÖ – Oppositionsrolle. Fühlen Sie sich bestärkt oder bereuen Sie es?

Es ist rundum stimmig für mich. Die Entscheidung ist um Neujahr gefallen und seit daher gab es keinen Tag, wo ich das anders gesehen hätte. Es gab Tage, wo die Wehmut groß war. Es ist zum Beispiel ein super-schönes Büro. Da war die Eva Glawischnig früher und ich war jahrelang im Keller im Parlament eingesperrt (lacht) und jetzt hatte ich dieses Büro mit Blick auf Volksgarten, Burgtheater und da hab ich mich auch neu eingerichtet. Also das auf der materiellen Seite – wo man denkt, schon deppert irgendwie, ein berechenbares Einkommen aufzugeben, was soll ich danach machen … aber das sind kurze Streiflichter. Die ziehen rasch vorbei. Die längeren Streiflichter sind jene, dass ich weiß, dass Politik meine große Leidenschaft ist. Und natürlich ist die Liebe nie größer als zum Zeitpunkt des Abschieds. Das ist Wehmut und Traurigkeit. Aber vor allem ist es richtig. Wenn es stimmig ist, ist es nicht zu früh. Gefühlt könnte ich schon noch ein oder zwei Jahre mit voller Kraft weitermachen, aber aus der Helikopterperspektive ist es jetzt richtig. Raum geben für Wachstum unter neuer Führung. Wir würden sonst in den nächsten Jahren in die Gründerfalle wachsen.

Sie waren 5 Jahre in der Opposition, was hat das mit Ihnen gemacht?

Man muss sich gut kennen. Die Frage, wer bin ich, ist eine zentrale. Im alten Griechenland kamen die Leute zum Orakel von Delphi. Dort wurden sie mit der Inschrift empfangen: „Erkenne dich selbst!“ Das ist Dialektik! Das gefällt mir. Jetzt habe ich den Faden verloren …

Ja, das wird auch ein wenig vage … Die Frage ist: Wie geht es einem, wenn man fünf Jahre in der Opposition im österreichischen Parlament sitzt?

Oppositionsarbeit ist in einer Demokratie eine wichtige, unersetzliche Arbeit. Ich persönlich bin jedoch von der Konstitution her eher ein Umsetzer. Lieber renne ich mir zweimal die Woche die Nase blutig in einem Umsetzungsprojekt. Für mich ist es schwierig, in der Früh aufzustehen und zu sagen: „Wen kritisiere ich heute für was?“ Das können andere besser. Ich glaube nicht, dass es jemanden gegeben hätte, der die Aufbauphase der Neos besser hätte anleiten können. Ich glaube jedoch, dass dies nicht für die jetzige Phase gilt. Meine Nachfolge wird es sicherlich anders machen, mit eigener Handschrift. Aber unterm Strich sicherlich genauso gut. Vielleicht sogar besser. 

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass in die Politik zu gehen etwas war, was Sie schon lange vorhatten. Ein Lebensziel. Was kann jetzt kommen? Oder anders: Was wollen Sie in diesem Leben noch machen?

Ich bin halt relativ vieles, das ist wohl eine Stärke und eine Schwäche gleichzeitig. Ich bin auch Familienvater, Dichter – ein schlechter, sagen manche (lacht) –, Buchautor, Unternehmer, ich habe zwanzig Jahre lang ehrenamtlich gearbeitet, … mich interessieren echt viele Dinge, so dass es immer wieder die Herausforderung ist, einen klaren Fokus zu setzen. Und ich habe in den letzten sieben Jahren den vollen Fokus gesetzt! Auf Gründer und Parteichef, Fraktionsführer im Parlament und natürlich auf meine Familie. Ich kann nicht sagen, was kommt als nächstes. Bis Ende September bin ich voll in meinen Aufgaben gebunden. Ich werde dann – so mein Vorsatz – vor Ende März 2019 kein Vollzeitengagement annehmen und wenn ihr mich vorher trefft‘s und ich hab‘s doch gemacht, dann sagt‘s zu mir: „He, was ist mir dir, du hast uns angelogen.“ Und ich werde es gut begründen müssen. Momentan kommen sehr viele Angebote, das ist sehr berührend, angefangen vom Bürgermeisterjob für die ÖVP (lacht laut) bis Managementfunktionen in Vorständen, viel auch aus dem Start-up-Bereich. Ich kann jederzeit zurück in meine Beratungsrolle. Ich will eher kein Unternehmen bauen, vor allem will ich jetzt einmal nicht müssen müssen. Ich will meinen Kleiderkasten durchforsten, das sind schon einmal drei Tage. Ich habe eine Menge Versicherungskram aufzuarbeiten. Ich werde wahrscheinlich so ein Pensionistensyndrom kriegen, viel zu beschäftigt und ab November werd ich nicht mehr wissen, was ich eigentlich gemacht hab, als ich mich noch nicht selbst verwaltet habe. 

Wir hatten lange im DATUM eine Rubrik namens Lebensliedern. Als Sie frischgebackener Abgeordneter waren, haben wir Sie danach gefragt, da reicht die Liste von Grönemeyer über Beethoven bis zu Ihrer Lieblingsband U2. Nach den Jahren in der Politik: Um welches Lied würden Sie die Liste heute ergänzen? 

(überlegt lange) In dem Fall hab ich die Liste sogar selbst geschrieben. Naja, meine Haus- und Hofband bleibt U2. Ich mag auch das leicht missionarische von Bono Vox, erkenne da auch eine gewisse Ähnlichkeit. „I did it my way“. Das hab ich unlängst gehört, als ich für meine Familie den Chauffeur zum Heurigen gespielt habe und da hat‘s mich gerissen. Das nehmen wir auf! Frank Sinatra – I did my way!