Das U-Boot, Pepi und ich

Ein Mann rettete ihren jüdischen Opa. Anna Goldenberg versucht zu verstehen, warum.

DATUM Ausgabe Juli/August 2018

Ich stehe vor dem Grab des Mannes, der meinen Großvater rettete und warte darauf, dass ich etwas fühle. Die Aussicht ist schön, vom Friedhof aus kann ich ein Dorf in der Nähe von Villach überblicken. Die Verwandte, die mich hergefahren hat, macht Fotos. Ich lese die Inschriften auf der Familiengruft, Ruhestätte der Familie Feldner steht da, und rechts unten, als einer von rund einem Dutzend Namen: Dr. med. Josef Feldner, 1887 – 1973.

Es ist März im Jahr 2016, mir ist warm in meinem Daunenmantel, und ich bin angespannt, weil ich die Verwandte, die mich hingefahren hat, nicht besonders gut kenne. Die Konversation während der Autofahrt ist mir schwergefallen. Absolut nichts von dem, was ich gerade fühle, ist brauchbar, um darüber zu schreiben.

Seit einigen Monaten arbeite ich an meinem Buch über den Mann, der meinen Großvater rettete. Der Kinderarzt Josef Feldner, genannt Pepi, hatte meinen Großvater Hansi Bustin vermutlich 1935 kennengelernt, als Hansi die erste Klasse des Radetzkygymnasiums im dritten Wiener Bezirk besuchte. Pepi arbeitete dort als Schularzt. Als meine Urgroßeltern, Hansi und sein jüngerer Bruder Herbert 1942 deportiert werden sollten, weil sie Juden waren, bot Pepi an, die beiden Buben zu verstecken. Die Eltern waren unsicher, wo es gefährlicher sein würde. Sie entschieden sich, dass Hansi, knapp 17, ein Rabauke, bei Pepi bleiben sollte.

Ich begann, zu hinterfragen, was ich nie hinterfragt hatte: Warum gab es in der Wohnung meiner Großeltern vier Toiletten.

Am 28. September 1942 um zehn Uhr morgens ist die Wohnung in der Konradgasse im zweiten Wiener Bezirk still und leer. Siebzehn Menschen haben sich hier dreieinhalb Zimmer geteilt, nach und nach sind sie alle deportiert worden. Im ­Zimmer stehen nur noch die gepackten Koffer von Moritz, Rosa und Herbert, mit weißer Ölfarbe haben sie ihre Namen und die Adresse darauf geschrieben. Hansi hat seine Sachen, die wenigen verbliebenen Besitztümer der Familie, Fotos und einige Zeichnungen seines Bruders schon in den Tagen zuvor in Pepis Wohnung gebracht. ›Für einen gefühlsbetonten Abschied waren alle viel zu aufgeregt. Ich, weil ich nicht wusste, was mich bei Pepi erwarten würde, und meine Eltern in Aufregung mit ihren Koffern und dem endgültigen Abtransport in eine ungewisse Zukunft. Im letzten Moment ging alles sehr schnell. Es blieb plötzlich nur noch Zeit für eine kurze Umarmung, ein kurzes Viel-Glück-Wünschen, und schon war ich auf der Straße.‹ Im Haustor nimmt Hansi die Sakkotasche mit dem gelben Stern ab. Dann biegt er ums Eck auf die Taborstraße, steigt in die Straßenbahn und fährt zu Pepi.

Mein Großvater sah seine Familie nie wieder.

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Wörter: 1940

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Lesezeit: ~13 Minuten

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