Schönes neues Geld

Die Bitcoin­Community will unsere Welt durch ein neues Finanzsystem revolutionieren. Auch dramatische Kursstürze und skeptische Experten bremsen ihren Enthusiasmus nicht.

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Nicolas Stavik
DATUM Ausgabe Juli/August 2022

Das alte System ist krank‹, ›der Euro ist tot‹, ein neues Wirtschaftssystem muss her – es sind revolutionäre Töne, die an diesem Sommerabend im Außenbereich der Strandbar Hermann am Donaukanal zu hören sind. Die Wiener Bitcoin-Szene veranstaltet ein Community-Treffen. Vier Redner sitzen auf hohen Barhockern vor einigen Reihen an Zuhörerinnen und Zuhörern und werden als CEOs, Blogger und Software Developer vorgestellt. Einer von ihnen versichert sich kurz, dass das Ganze nicht aufgenommen wird. Dann lässt er seiner Wut über das System freien Lauf: ›Ich hasse die Zentralbanken‹, verkündet er lautstark ins Mikrofon. ›Eine zentrale Autorität über das Geldsystem beleidigt meine Intelligenz.‹ Er erntet Applaus. 

Schaut man sich hier um, sieht es jedoch so gar nicht nach wütender Revolution und Systemkritik aus. Die etwa hundert jungen Männer und Frauen, die den Rednern lauschen, wirken eher wie die After-Work-Party einer Kreativabteilung. Gegelte Haare, Sonnenbrillen und leicht aufgeknöpfte Hemden. Im Minutentakt wird der Twitter-Feed auf dem iPhone gecheckt und am kühlen Getränk genippt, während die Abendsonne den abgetrennten Außenbereich in ein goldenes Licht taucht. Die Besucherinnen und Besucher schütteln sich die Hände, networken, tauschen freundliche Worte aus. Trotz des jüngsten Kurseinbruchs ihrer Kryptowährung sind sie gut gelaunt. An der Bar kann man heute sein Bier mit Bitcoin bezahlen. 

Doch mögen die Bitcoiner auch ausgelassen wirken, es geht heute Abend um ernste Themen. Themen, die uns alle unmittelbar betreffen: die galoppierende Inflation, die wachsende ­Ungleichheit, die fortschreitende Über­wachung. Wer für diese Fehlentwicklungen verantwortlich ist, darüber ist man sich hier einig. Schuld seien die politischen Machthaber, allen voran die Zentralbanken. Doch die Besucher stecken voller Optimismus. Denn sie haben eine ›elegante Lösung‹ für diese Probleme gefunden, wie es einer der Redner formuliert. Eine Technologie, die den Staaten und Großbanken die Macht nehmen und sie zurück an die Menschen geben werde. Eine dezentrale Währung. Eine radikal neue Art von Geld.

Wie aber soll Bitcoin unsere Wirtschaft revolutionieren? Und was genau läuft eigentlich so schief in unserem System? Das erklärt der Finanzjournalist und Bitcoin-Blogger Niko Jilch, der zuvor beim neoliberalen Thinktank Agenda Austria unter anderem zu Geldanlagen und Bitcoin gearbeitet hat. Seit einigen Jahren veröffentlicht er regelmäßig Artikel und Podcasts zum Thema. ›Stell dir vor, du spielst Monopoly mit deiner Familie, und deine Schwester darf das einzige Geld drucken. Ist das ein lustiges Spiel? Ich finde nicht.‹ Dass die Zentralbanken das Machtmonopol über unsere Notenpressen haben, erscheint Jilch als grobe Ungerechtigkeit des Systems. Es beraube uns unserer finanziellen Selbstbestimmung, meint er. Die Zentralbanken könnten über die Geldmenge bestimmen, würden immer mehr Euros und Dollars drucken und damit die Inflation anheizen. Sie würden das Bargeld abschaffen wollen, die Zahlungen der Bürgerinnen und Bürger überwachen und sie damit immer weiter im Hamsterrad zwischen Konsum und Arbeit halten. Und genau dagegen sei Bitcoin ein Tool. ›Bitcoin ist das Anti-Hamsterrad!‹, so Jilch. Die Digitalwährung stelle eine Herausforderung an das bestehende System, weil sie ein ›neues System‹ sei, eine wirkliche Alternative. ›Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen.‹

Auch wenn er in der Öffentlichkeit vor allem als lukrative Investment-Möglichkeit zu Berühmtheit gekommen ist – die Geschichte des Bitcoins ist politisch. Ein zwischenmenschliches digitales Geldsystem, das keine Intermediäre, keine Banken, keine Politik mehr braucht. Bitcoins können von Mensch zu Mensch verschickt werden, ohne dass dafür ein Unternehmen wie Paypal oder eine Bank zwischengeschaltet sein muss, um die Transaktion zu gewährleisten. Das Ganze erfolgt sicher und anonym. Das heißt, keine zentrale Autorität kann überwachen oder manipulieren, wer wem wie viel Geld schickt. Weder können Konten eingefroren noch Zahlungen blockiert werden. Von Beginn an war der Bitcoin damit geleitet von der Idee individueller Ermächtigung gegen Staat und Konzerne. Wie wichtig diese Ermächtigung sei, versucht Jilch an einem Beispiel zu verdeutlichen: Im Februar dieses Jahres demonstrierten zahlreiche Trucker in Kanada gegen die dortigen Corona-Restriktionen.

Um die Proteste zu stoppen, hat die kanadische Regierung die Privatkonten einiger Demonstranten vorübergehend eingefroren. ›Denen hat man die Konten gesperrt, obwohl sie nur eine andere politische Meinung hatten‹, klagt Jilch. Aus seiner Sicht ein politischer Angriff auf die Freiheitsrechte von Bürgern. Dass die Trucker zuvor über Wochen hinweg die kanadische Hauptstadt mit Straßensperren lahmgelegt hatten, lässt er dabei außen vor.  ›Was in Bitcoin drinsteckt, ist diese Cypher-Punk-Geschichte‹, erklärt er stattdessen voller Elan. Die Cypher Punks waren eine Gruppe libertärer Anarchisten, die sich in den späten 80er-Jahren formierten und vor allem für den Schutz einer digitalen Privatsphäre der Individuen kämpften. ›Cypher Punks handeln und fragen nicht. Sie entwickeln Tools, die Menschen nutzen können, um sich gegen Überwachung, gegen staatliche Einmischung in ihr Leben zu wehren‹. Der Bitcoin sei ein solches Tool. 

Anonymität und Eigenverantwortung – das sind Werte, die Jilch immer wieder betont und um die es wohl auch dem Erfinder des Bitcoins ging. Denn die Person, die Bitcoin damals ins Leben gerufen hat, hat ihre Identität der Öffentlichkeit nie preisgegeben und gleicht einem Mythos. Sie verbirgt sich hinter dem Synonym Satoshi Nakamoto. 2008 setzte Nakamoto die Bitcoin-Technologie in die Welt, gemeinsam mit der Veröffentlichung seines berüchtigten White Paper, einem Dokument, das auf acht Seiten die Funktionsweise des Bitcoins beschreibt und in der Community von vielen wie eine Art biblische Offenbarung gesehen wird. Seither ranken sich jedenfalls die Gerüchte darum, wer Nakamoto wirklich ist. Eins kann man jedoch ziemlich sicher sagen: Wie Jilch war auch Nakamoto unzufrieden mit der Finanzpolitik der Mächtigen. Den ersten Block der Bitcoin-Blockchain, quasi die Geburtsstunde des Bitcoins, erschuf er oder sie, als von der Politik gerade die umstrittenen Bankenrettungen beschlossen wurden.

Die geldpolitischen Machthaber der westlichen Staaten pumpten Billionensummen in den kurz vor dem Bankrott stehenden Bankensektor, was in die Staatschuldenkrise mündete. In Österreich kostete die Bankenrettung die Steuerzahler rund zehn Milliarden Euro. Es war also kein Zufall, dass Erschaffer Nakamoto im Code des ersten Bitcoin-Blocks eine Botschaft hinterließ: ›Chancellor on Brink for second Bailout for Banks‹ – es war der Titel einer in der Londoner Times erschienenen Nachricht. Für seine Anhänger erscheint der Bitcoin damit als Antwort auf ein Finanzsystem, das immer wieder in die Krise gerät, sich selbst jedoch am Laufen hält, indem es seine Big Player mit viel Geld vor dem Untergang bewahrt – auf Kosten der Bürger.

Diese lockere Geldpolitik der Zentralbanken sieht auch Anita Posch als eines der Grundübel unserer Gesellschaft. Posch ist ebenfalls Bitcoinerin und betreibt beliebte Podcasts zum Thema. Zudem engagiert sie sich vor allem in Entwicklungsländern wie Zimbabwe. Dort überzeugt sie Menschen, Bitcoin zu nutzen, um sich vor der örtlichen ­Hyperinflation und der oft willkürlichen und autoritären Geldpolitik ihrer Regierungen zu schützen. Im Gegensatz zum wirtschaftsliberalen Finanzblogger Jilch versteht sie sich eher als linke ­Minimalistin. Wäre sie damals in New York gewesen, hätte sie sich der Occupy-Wall-Street-Bewegung angeschlossen, erzählt sie. 

Gäbe es kein Bitcoin, Posch und Jilch wären wohl politische Gegner. Aber der libertäre Kern der Kryptowährungs-Ideologie vereint anti-etatistische Linke und Rechte im gemeinsamen Kampf gegen das Finanzsystem. Wenn Posch von Bitcoin spricht, zeichnet sich ein konstantes Lächeln auf ihr Gesicht. Bitcoin sei ein ›Menschheitsprojekt‹. Die Kryptowährung bedeute für sie den Abschied von dieser ›komplett perversen Konsumgesellschaft‹, von einem System, das immer weiterwachsen muss. Verantwortlich für diesen Wachstumszwang unserer Gesellschaft sei laut Posch die Natur unseres Geldes: ›Das Wachstum brauchen wir nur, weil das Geld seinen Wert verliert. Wenn der Euro noch so viel wert wäre wie vor 20 Jahren, müssten wir alle weniger arbeiten‹, behauptet sie. Tatsächlich hat der Euro seit seiner Einführung mehr als ein Viertel seiner Kaufkraft verloren. Für einen Warenkorb, den man im Jahr 2002 noch für 75 Euro kaufen konnte, muss man heute mehr als hundert Euro ausgeben. Dieser Wertverlust habe laut Posch die fundamentale Ursache, dass der Euro – wie auch der Dollar und nahezu alle anderen Währungen – eine sogenannte Fiat-Währung sei.

Der Begriff Fiat kommt aus dem Lateinischen (Es geschehe! Es werde!) und beschreibt, dass der Wert des Geldes nicht mehr an einen Gegenwert – etwa Gold oder Silber – gekoppelt ist, wie das noch bis 1973 der Fall war. Vielmehr kann die Kaufkraft eines Euros heute über die in Umlauf befindliche Geldmenge durch die Zentralbank reguliert werden. Sie kann über Kreditvergaben sozusagen aus dem Nichts Geld schaffen. Auf diese Weise konnte die EU nach ihrem Ermessen neues Geld drucken, um etwa in der Euro-Krise die verschuldeten EU-Staaten mit Finanzmitteln zu versorgen. Doch in der von Posch und vielen anderen Bitcoin-Anhängern kritisierten Macht über die Geldmenge sehen viele Volkswirtschaftler gerade einen Vorteil des herrschenden Finanzsystems. Warum das so ist, erklärt der deutsche Ökonom Maurice Höfgen am Telefon. Höfgen hat kürzlich ein Buch zum Thema Geldknappheit veröffentlicht und argumentiert: Wenn man sich vorstellt, die Zentralbank hätte in der Corona-Pandemie kein neues Geld schaffen können, wären auch die massiven Staatsausgaben zur Pandemiebekämpfung ausgeblieben – ›etwa, um Masken zu kaufen, an Impfstoffen zu forschen oder Firmen zu retten‹. Die Staaten konnten so etwa zahlreiche Bürgerinnen und Bürger durch das Kurzarbeitsgeld über Wasser halten, statt sie in die Arbeitslosigkeit zu entlassen. Und auch für die massiven Investitionen, die für den Klimaschutz notwendig sind, brauche es eine flexible Geldmenge. 

Die Bitcoiner sind da anderer Meinung. Die Herangehensweise der Politik, alle Wirtschaftskrisen einfach dadurch zu lösen, mehr Geld in die Wirtschaft zu pumpen, habe unser Geldsystem in den vergangenen Jahren ›bis auf den letzten Itzi Bitzi ausgepresst‹, kritisiert Jilch. ›Globale Pandemie, die ganze Welt geht in den Lockdown‹, versucht er die Absurdität der damaligen Situation darzulegen: ›Die Börsen stürzen zwar drei Tage ab, ja. Aber dann kommen die Notenbanken und drucken Geld wie verrückt. Und plötzlich haben wir Höchststand nach Höchststand mitten in der größten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg‹. Dass ein solches System nicht mehr lange gut gehen könne, sei klar. Und seine finsteren Kehrseiten – da sind sich Jilch und Posch einig – werden immer deutlicher. 

In der Bitcoin-Community wird immer wieder auf den sogenannten Cantillon-Effekt verwiesen. Der beschreibt, dass die Ausweitung der Geldmenge durch die Zentralbanken die soziale Ungleichheit verschärfe: Die großen Unternehmen und Banken profitieren vom frischen Geld der Zentralbank in Form von billigen Krediten und können es gewinnbringend anlegen. Denn sie beziehen die Kredite oft nahezu unmittelbar von der Zentralbank selbst und sitzen damit sozusagen an der Quelle. Die arbeitende Bevölkerung hingegen verliert durch die vermehrte Geldmenge. Denn für sie steigen die Preise, das Leben wird teurer, während sich ihre Löhne tendenziell erst nach Jahren und zähen Verhandlungen an die Inflation anpassen. ›Der höhere Wert bleibt dort, wo das Geld geschaffen wird, und wir kriegen es dann, wenn es weniger wert ist‹, fasst Posch zusammen. Und obendrauf komme noch die angesprochene Konsumkultur.

Denn die Inflation führe dazu, dass die Menschen heute konsumieren wie blöd, weil morgen alles teurer sein wird und ihr Sparvermögen an Wert verliert. ›Meiner Meinung nach ist der Grund für die ökologische Krise das Fiat-Geldsystem‹, schlussfolgert Posch. ›Denn immerwährendes Wachstum gibt es nicht.‹ Jilch hingegen will zwar am Wirtschaftswachstum festhalten. Ähnlich wie Posch skizziert er jedoch ein Hamsterrad aus Konsum und Arbeit, in dem das aktuelle Wirtschaftssystem die Bürger gefangen halte – immer schneller, immer mehr.

Das Problem der Geldentwertung sah auch Satoshi Nakamoto und beschränkte daher die Menge der je verfügbaren Bitcoins. Im Code des Bitcoins ist also bereits seine absolute Begrenztheit festgelegt. Nur bis die Anzahl von 21 Millionen Bitcoins erreicht ist, können neue Bitcoins geschürft werden.  Anschließend können nur noch die bereits existierenden aufgeteilt werden. Es handelt sich dabei also um eine digital erzeugte Knappheit. Dies sorgt dafür, dass – vorausgesetzt, immer mehr Menschen nutzen Bitcoin – der Wert eines Bitcoins auf längere Sicht nur noch weiter ansteigen kann, da keine neuen Bitcoins mehr hinzukommen können, um diesen Wert wieder zu verwässern. Darin steckt ein radikaler Gegenentwurf zum Fiat-System: Während der Wert der Euros auf dem Sparbuch immer weiter sinke und die Menschen in den Konsum und die Spekulation dränge, steige der Wert des einmal gekauften – oder erwirtschafteten – Bit­coins auf lange Sicht immer weiter an, erklärt Posch. Dadurch würden die Menschen auf die sofortige Befriedigung ihrer Konsumbedürfnisse verzichten und dafür in der Zukunft belohnt. Zeitpräferenz, nennen das die Bitcoiner.

Eine hohe Zeitpräferenz bedeutet, man bevorzugt es, Dinge sofort zu haben, statt in der Zukunft. Man bevorzugt beispielsweise zehn Euro heute anstelle von hundert Euro in fünf Jahren. ›Wir leben heute in einer Welt mit extrem hoher Zeitpräferenz. Du kannst dir in Amerika, das ist kein Scherz, Pizza bestellen und das in Raten abbezahlen‹, erklärt Jilch, während sich auf seinem Gesicht eine gewisse Entrüstung breit macht. ›Deine Zwölf-Dollar-Pizza, das ist vollkommen krank.‹ Bitcoin drehe diesen Spieß um: Sobald man anfange, Bitcoin zu nutzen, überlege man sich zehnmal, ob man sich etwa das fünfte Paar Trainingsschuhe kaufe, ›weil du weißt, dass der Bitcoin in fünf Jahren wahrscheinlich mehr wert ist als jetzt, also möchtest du jetzt dein Geld nicht ausgeben‹, erklärt Posch. Und auch Jilch will unsere ›Zeitpräferenz einmal massiv senken‹. Bitcoin als Hauptwährung wäre im Gegensatz zum Euro also deflationär. ›Das Geld steigt im Wert, aber die Preise fallen‹, erklärt Jilch diese grundlegende Dynamik. 

Doch was erstmal nach Utopie klingt, wäre realwirtschaftlich ›ganz fürchterlich‹, warnt Ökonom Höfgen: ›Die Deflations-Utopie ist eigentlich eine Deflations-Dystopie‹, argumentiert er. ›Wenn die Leute weniger ausgeben, produzieren die Firmen weniger. Wenn die Firmen weniger produzieren, brauchen sie weniger Beschäftigte.‹ Massenarbeitslosigkeit und politische Instabilität seien die tatsächlichen Folgen von Deflation, die von Bitcoinern herbeigesehnt wird. Um deren Ausmaß zu sehen, genüge ›ein Blick in die dunkle deutsche Vergangenheit‹, warnt Höfgen: In den 1930er-Jahren habe in Deutschland Deflation geherrscht und die dadurch entstandene Massenarbeitslosigkeit und Armut schließlich den Aufstieg Hitlers befeuert. ›Die Deflation hat die deutsche, kriegsgeplagte Bevölkerung Hitler-reif gemacht, ich glaube, so hart kann man das sagen‹, findet Höfgen.

Dass eine Deflation unsere Wirtschaft in eine ›totale Rezession‹ stürzen würde, meint auch der Kulturwissenschaftler Michael Seemann. Er forscht vor allem zum Thema Plattformökonomie und setzt sich ideologiekritisch mit dem Bitcoin auseinander. Bitcoin als Tool zur Bekämpfung von Ungleichheit und Klimawandel zu sehen, bezeichnet er als ›absurd‹. Und tatsächlich steuert der Bitcoin in Sachen Nachhaltigkeit und soziale Ungleichheit eher in die entgegengesetzte Richtung, als von der Bitcoin-Community ausgemalt. Da wäre einerseits das ökologische Problem: Aufgrund der immensen Rechenpower, die aufgewendet werden muss, um das dezentrale System der Bitcoin-Blockchain aufrecht zu erhalten, verbraucht die Nutzung weltweit gerade mehr Energie als die Niederlande, Tendenz: steigend. Ebenso bestechend ist andererseits die ungleiche Vermögensverteilung zwischen den Bitcoin-Adressen: Laut einer Studie des National Bureau of Economic Research in den USA besitzen 0,1 Prozent der Bitcoin-Nutzerinnen und -Nutzer rund 27 Prozent aller derzeit verfügbaren Bitcoins. Und da bereits über 80 Prozent aller Bitcoins geschürft sind, wird sich dieser riesige Anteil am gesamten Bitcoin-Vermögen einiger weniger auch nicht mehr grundlegend verringern. ›Die haben da eine Ungleichverteilung, die in unserer kapitalistischen Ökonomie undenkbar wäre‹, erklärt Seemann. ›Und unsere kapitalistische Ökonomie ist alles andere als gleich.‹

Für ihn ist Bitcoin daher nicht mehr als ›irgendeine Nummer auf einer digitalen Blockchain, der irgendwelche Leute Wert zuschreiben‹. Als solche sei der Bitcoin auch gegen die Inflation nutzlos. Das verdeutliche bereits ein kurzer Blick auf den Kursabsturz der Kryptowährung in den letzten Monaten: Während wir in Europa eine Inflation von sieben bis acht Prozent hatten, habe der Bitcoin innerhalb eines halben Jahres um ganze 60 Prozent an Wert verloren. ›Wenn das jetzt meine Absicherung gegen Inflation gewesen wäre, hätte ich ein ernsthaftes Problem‹, bilanziert Seemann. 

Doch von solchen Gegenargumenten lassen sich Posch und Jilch nicht beeindrucken. ›Dass wir aktuell eine Korrektur sehen, ist ganz normal und zu erwarten‹, relativiert Jilch. ›Was stark steigt, muss auch wieder runterkommen.‹ Angesprochen auf die immense Ungleichverteilung des Bitcoin-Vermögens entgegnet der Finanzjournalist: ›Es gibt immer jemanden, der hat mehr als du, und immer jemanden, der hat viel mehr als du. Aber ich kann mich bei Bitcoin darauf verlassen, dass zumindest niemand meine Bitcoins nochmal verwässern kann.‹ Die beiden sind sich sicher, dass Bitcoin die ideale Währung für unsere globale, digitale Gesellschaft ist. Wir würden mit ihr weniger arbeiten, ökologischer und entspannter leben. Verzicht würde sich wieder lohnen. Es würde weniger Zensur, weniger Überwachung und keine Banken mehr geben. So weit jedenfalls die Theorie. •