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DATUM Ausgabe Dezember 2023/Jänner 2024

Klatsch und Klatschzeitschriften zu lesen, gilt als nicht besonders vornehm oder tugendhaft. Umso erhellender, dass Klatsch nieder-zuschreiben kein modernes Phänomen ist, sondern auch in der Kunst- und Intellektuellenszene im Paris des 19. Jahrhunderts heftig gelästert wurde. Die Schriftstellerbrüder Edmond und Jules de Goncourt (nach ihnen wurde der Literaturpreis Goncourt benannt) führten von 1851 bis 1895 ein berüchtigtes, Jahrzehnte französischer Geistesgeschichte umfassendes Tagebuch.

In diesem notierten sie unter anderem auch Geheimnisse, Peinlichkeiten und Intrigen ihrer Zeitgenossen in den bürgerlichen und aristokratischen Salons, hinter den Theaterbühnen, in den Schlafzimmern. Die Schriftsteller Flaubert (›im Grunde provinziell und ein Effekthascher‹), Baudelaire (›der Kopf eines Verrückten‹), Zola und Hugo bekommen dabei ebenso ihr Fett ab wie die Staatsmänner Metternich (›dieser missratene Affe‹) und Napoleon III. (›automatenhaft, somnambul‹). Die eigentliche Sensation der Tagebücher, die nun gekürzt und je nach besprochener Person alphabetisch geordnet, neu erschienen sind, sind die Geschichten der dazugehörigen Dienstmädchen und -Kurtisanen.

Sie erzählen, gewissermaßen als Beipackzettel der Weltliteratur, von Geschlechtskrankheiten, finanziellem Betrug und Verrat. Hier wird ausgesprochen, was in den literarischen Werken oftmals nur angedeutet wurde, und so können die Tagebücher, neben aller Lust an Bösartigkeiten, auch als Hintergrundgeschichte zur so stilprägenden französischen Literatur gelesen werden.

Edmond und Jules de Goncourt: Blitzlichter. Aus den Tagebüchern der Brüder Goncourt (herausgegeben von Anita Albus), Kiepenheuer & Witsch, 2023 

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