›Unser Beruf ist nicht gesund‹

Wie gehen Ärzte mit Fehlern um und mit Corona, wie mit fordernden Patienten und dem ersten Toten? Zwölf Medizinerinnen und Mediziner erzählen anonym aus der Praxis.

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Redaktion:
Stefan Apfl, Katharina Kropshofer, Patricia McAllister-Käfer
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Illustration:
PM Hoffmann
DATUM Ausgabe Juni 2020

Würden Sie sich noch einmal für das Medizinstudium entscheiden?
GYNÄKOLOGIN, 51, PRAXIS, STADT: Nein, würde ich nicht. Mit dem Wissen und der Lebenserfahrung, die ich jetzt habe, würde ich meine Sachen packen und in Norwegen Schafbäuerin werden. Oder ich würde Medizin studieren, aber als Mann und ein anderes Fach wählen. Als Frau und Mutter würde ich mir das sicher nicht nochmal antun. Das liegt jetzt nicht unbedingt an der Medizin, sondern an den Umständen.
UNFALLCHIRURG, 54, KH, STADT: Für mich ist es immer noch stimmig. Aber ich war zum Beispiel nicht unfroh, dass meine Tochter ein anderes Studium gewählt hat. Ich kann mich erinnern, dass es bei Nachtdiensten am Anfang meiner Karriere noch völlig normal war, am nächsten Tag bis 17 oder 18 Uhr weiterzuarbeiten. Da muss man einfach sagen: Wenn dir etwas anderes ansatzweise gleich gut gefällt, wähle nicht die Medizin!
INTERNISTIN, 62, KH, STADT: Wenn ich den Aufnahmetest nicht machen müsste, schon. Der Job ist mein Leben. Ich wollte Ärztin werden, seit ich ein Kind bin, und eigentlich weiß ich nicht, warum.
HAUSÄRZTIN, 41, PRAXIS, LAND: Ich habe schon in der Volksschule einen Aufsatz mit dem Titel › Ich werde Kinderärztin ‹ geschrieben. Medizin ist ein herrlicher Beruf, es gibt nichts Schöneres. Pfarrer wäre noch cool gewesen, aber nur, wenn ich auch wirklich Pfarrerin sein könnte. Allgemeinarzt sein, Landarzt sein – ich liebe das. Ich nähe Wunden zusammen, erkläre den Mamas, wie sie ihre Kinder füttern sollen, schimpfe gerne mit den Bauern und sage ihnen, sie müssen ihre Bluthochdrucktabletten nehmen. Ich mag es, im Ordinationskammerl ihren Problemen zuzuhören. Die kommen ja nicht nur zu dir und sagen › mir tut der Finger weh ‹, sondern › mein Mann ist so deppert, das ist unfassbar ‹. Das Aussteigen aus dem Auto mit diesem Köfferchen in der Hand hat für mich eine irrsinnige › Dr. Quinn ‹-Leidenschaft.
TURNUSÄRZTIN, 30, KH, LAND: Nein. Ich bin sehr enttäuscht vom Gesundheitssystem, von der Ausbildung, von den Systemerhaltungs- und Routinetätigkeiten, die ich mache. Das Beste an meinem Job sind meine Jobaussichten. Und der Verdienst ist natürlich auch nicht schlecht. Aber die Lebensqualität leidet extrem darunter. Das, was mich am meisten belastet, ist das Gefühl, nichts Sinnvolles zu tun. Das gerade als Ärztin sagen zu müssen, ist traurig. Wir haben weniger Zeit mit den Menschen als mit den Geräten, die wir bedienen.
HAUSARZT, 73, PRAXIS, LAND: Im Vergleich zu meinem Studium damals hat sich mittlerweile viel verändert. Ob durch den Aufnahmetest die Engagiertesten, Begabtesten und Fähigsten für einen Beruf ausgewählt werden, bei dem es auch viel um menschliche Beziehungen geht, können nicht einmal die Test-Designer beantworten. Wenn ich meine Arbeit betrachte, kann ich mir gar nichts anderes vorstellen als diesen Beruf.
NOTARZT, 50, PRAXIS, LAND: Arzt ist ein Beruf, der nur dann gut gelebt werden kann, wenn er auch Berufung ist. Ich glaube, dass man der Persönlichkeitsentwicklung im Studium mehr Raum geben müsste. Das Ganze ist getaktet, zack, zack, zack, zack. Da bräuchte es mehr Freiheit, um zu sehen: Wie entwickle ich mich? Wie baue ich mir ein ethisches und gedankliches Fundament, auf dem ich als Arzt agieren kann?
ANÄSTHESISTIN, 45, KH, LAND: Um den Test zu bestehen, braucht man Biss und Willen. Ich glaube nicht, dass ich mir das angetan hätte. Und die Menschen, die den schaffen, sind nicht automatisch die besseren Mediziner.
UNFALLCHIRURG, 36, KH, STADT: Für mich war immer klar, dass ich Arzt werden will. Es macht mir wirklich sehr, sehr, sehr Spaß. Aber während der Ausbildung war ich teilweise mit den Nerven so am Ende, dass ich mich zu Hause am liebsten in die Embryonalstellung ver­krochen hätte und fast geweint habe. Es ist so viel auf einmal, damit kann man nur schwer umgehen. Man kommt dann zurecht, weil man Arbeitskollegen hat, an die man sich halten kann. Aber die Verantwortung, die man trägt, ist am Anfang nicht leicht: Du musst jede Minute eine Entscheidung treffen, die das Leben deines Gegenübers beeinflussen könnte. Mit dem geht man schlafen und mit dem wacht man auf.

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