Verbohrt

Der Thwaites-Gletscher schmilzt seit Jahren durch das wärmere Meerwasser. Ein Forschungsteam misst, was das für den globalen Meeresspiegel bedeutet.

·
Fotografie:
CHANG W. LEE/NYT/Redux/laif
DATUM Ausgabe März 2026

Als sich Paul Anker am 31. Jänner 2026 auf ein paar Kabelboxen mitten auf dem Thwaites-­Gletscher im Westen der Antarktis legt, findet er keine Ruhe. Vier Stunden Schlaf in vier Tagen – ein Powernap würde ihm guttun.

Anker ist Bohrtechniker und soll mit Heißwasser einen Schacht durch das antarktische Eis treiben. Eine rund 50-köpfige Forschungsmission der British Antarctic Survey und des koreanischen Polarforschungsinstituts KOPRI untersucht, warum der ­Gletscher so rasch schmilzt. Die Antwort darauf ­vermuten die Forscher im Meerwasser unter dem Eis. Am Thwaites-Gletscher, dem sogenannten ›Doomsday Glacier‹, mit einer Grundfläche, die mehr als doppelt so groß ist wie Österreich, entscheidet sich, wie schnell der globale Meeresspiegel steigen wird. 

An der Bohrstelle ist das Eis 999,7 Meter dick. Die Bohrung macht gute Fortschritte. Mehr als 20 Tonnen Schnee wird die Crew wegschaufeln und wegschmelzen, bevor sie einen ersten Etappensieg erringt: Sie trifft auf Wasser, erste Daten werden ­gesammelt. Was Anker nicht ahnt, während er bei minus fünf Grad Celsius auf den Kabelboxen liegt und für einen Moment die Augen schließt: Seine Mission wird schiefgehen.

Das Wasser gefriert im Schacht. Die schwere Kette, mit der Messinstrumente durch den Schacht ins Wasser hinabgelassen werden sollen, bleibt stecken. Nach stundenlanger Anstrengung wird klar: Das wird nichts mehr. Schlechtwetter kündigt sich an, die Mission muss unterbrochen werden. Während Anker das schlechte Gewissen gegenüber seinem Team plagt, löst das Misslingen bei den Forschenden tiefe Niedergeschlagenheit aus: ›All die harte Arbeit, schlaflosen Nächte, akribischen Vorbereitungen. Es war niederschmetternd‹, sagt Ozeanografin Yixi Zheng, ebenfalls Teil der Mission. ›Die Polkappen schmelzen rapide, wir verspüren enormen Druck, so schnell wie möglich wertvolle Daten zu sammeln.‹ 

Auf Thwaites ist es eiskalt, Wind bringt immer wieder Schnee auf die Gletscherzunge. Der Feind des Eisschelfs kommt von unten. Zwischen Landmasse und Gletscher frisst sich eine dünne Schicht Wasser immer weiter landeinwärts und destabilisiert den Gletscher: ›Unter dem Eis herrschen extrem dynamische Verhältnisse. Die Strömungen ändern sich schnell, die Temperatur ist viel zu hoch. Das beschleunigt die Schmelze‹, sagt die Ozeanografin. 

Auch die ständige Medienpräsenz war für das ­Forscherteam herausfordernd. Die New York Times schickte den Journalisten Raymond Zhong und den Fotografen Chang W. Lee mit auf die Expedition: ›Chang hatte einen Haufen Kameras dabei‹, sagt Anker und lacht. ›Plötzlich entdeckst du wieder eine, die irgendwo in der Ecke eines Zelts baumelt und du fragst dich – nimmt mich die gerade auf?‹
Man gewöhne sich aber daran, sagt Zheng. ›Mit der Zeit fühlten wir uns nicht mehr beobachtet, sondern in unseren Anstrengungen gesehen und wertgeschätzt.‹ 

Was die Bilder von der Mission nicht zeigen: die zehn Jahre Vorbereitungen. Den Lärm des Windes, der nachts an den Zelten rüttelt und Schnee meterhoch über den Messinstrumenten und Schlafstellen auftürmt. Donnerndes Beben, wenn Hohlräume im Eiskörper einbrechen. Die permanente Unsicherheit, ob der Hubschrauber zwischen dem Eisbrecher vor dem Schelf und dem Camp fliegen kann. Und das alles in einem Zeitfenster von zwölf Tagen.

In vier Jahren wollen die Forscher zurück in die Antarktis. Thwaites wird dann erheblich kleiner sein. •

Sie können die gesamte Ausgabe, in der dieser Artikel erschien, als ePaper kaufen:

Diese Ausgabe als ePaper für € 6,00 kaufen