Wie es ist … gegen ICE zu demonstrieren 

·
Fotografie:
Elizabeth Erickson
DATUM Ausgabe März 2026

Beamte der Einwanderungs­polizei ICE gehen dieser Tage von Tür zu Tür und holen willkürlich Menschen ab. Es sind fast ausschließlich jene mit brauner und schwarzer Hautfarbe, egal ob sie eine Greencard haben oder nicht. Sie stecken sie in Haft und schieben sie ab, in Länder, in denen ­
sie noch nie gewesen sind.

Sie schnappen sich sogar ameri­kanische Staatsbürger. Morgen könnten sie auch an meiner Tür sein. Ich bin 66 Jahre alt und wohne schon seit fast 50 Jahren in Minneapolis, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Am schlimmsten ist es in South Minneapolis, wo meine Schwester wohnt. Sechs Blocks von ihrem Haus entfernt wurde Anfang Jänner Renée Good von einem ICE-Beamten erschossen. Wenige Wochen später starb auch Alex Pretti bei einem Einsatz von Bundesbeamten.

Die Menschen haben Angst, ­außer Haus zu gehen. Restaurants bleiben geschlossen, weil Mitar­beiter sich nicht trauen, zur Arbeit zu gehen. Kinder haben Angst, zur Schule zu fahren. Eine Freundin von mir ist Lehrerin an einer Schule, die etwa 20 Minuten außerhalb von Minneapolis liegt. Sie hat mir von einem sechsjährigen Mädchen erzählt, das während des Unterrichts nicht aufgehört hat zu weinen. Sie hatte Angst, dass ihre Mutter deportiert wird, während sie im Klassenzimmer sitzt. 

Aber Minneapolis hält zu­sammen. Die Menschen an der ­Basis haben sich mobilisiert, um die Stadt am Laufen zu halten. Hunderte Menschen helfen mit. Sie bringen Leute mit dem Auto zur Arbeit oder zu Arztterminen und erledigen Einkäufe für die­jenigen, die sich nicht aus dem Haus trauen. 

Nachdem Good und Pretti von ICE-Beamten erschossen wurden, demonstrierten so viele Leute auf der Straße, dass man es kaum glauben konnte. Es hatte minus 30 Grad Fahrenheit (knapp minus 35° C, Anm.), aber wir Minnesotans haben keine Angst vor der Kälte. In Minnesota leben viele Menschen mit skandinavischen Wurzeln, wir scherzen, dass wir Wikingerblut in uns haben. Leute haben bei den Demos warme Getränke mitgebracht, ein Mann ist sogar mit einer Schubkarre voller Handwärmer aufgetaucht, die er unter den Demonstrierenden verteilt hat. Er hat sicher tausend Dollar dafür ausgegeben.

Es wird viel gesungen bei den Demonstrationen. Minnesota ist als das Land der 10.000 Seen ­bekannt, aber derzeit geht der Witz um, dass Minnesota eigentlich das Land der 10.000 Chöre ist. Ich glaube, singen macht den Menschen Mut. Und es bringt die Leute zusammen. Menschen verschiedener Religionen – Juden, Muslime, Katholiken – treffen sich in Kirchen und singen gemeinsam ›We are not afraid‹ von den Peace Poets. 

Cornel West, ein afro-amerikanischer Philosoph, hat die aktuelle Situation als eine Ausweitung jener strukturellen Gewalt beschrieben, die Schwarze Amerikaner bereits seit Generationen erfahren. Jetzt werden auch Weiße auf offener Straße erschossen, niemand, der protestiert, ist sicher. Ich glaube, viele Menschen wachen jetzt auf und sehen, was Schwarze schon ihr ganzes Leben lang ertragen müssen. Sie merken: ›Oh, es kann mich auch treffen.‹ Ich hoffe, wenn das alles vorbei ist, können wir den Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft aufarbeiten. 

ICE ist erst seit ein paar Wochen in Minneapolis aktiv, aber ich bin jetzt schon müde. Ich möchte aus den USA auswandern. Trumps Wiederwahl hat mich in dieser Idee bestärkt. Ich habe ein kleines Haus in Frankreich gefunden, in einem Städtchen in der Nähe von Montpellier. Ich bin Klavierlehrerin und kann von dort aus weiter Unterricht geben, remote. Ich zahle lieber in Frankreich Steuern als in den USA.  

Zur Person:

Elizabeth Erickson (66) hat ihre Kindheit in Indiana verbracht und zog 1979 nach Minneapolis. Sie hat in Wien Musik- und Kunstgeschichte studiert.

Sie können die gesamte Ausgabe, in der dieser Artikel erschien, als ePaper kaufen:

Diese Ausgabe als ePaper für € 6,00 kaufen