Wie es ist … in der Oscar-Jury zu sitzen
Ich wurde 2024 in die Oscar-Academy aufgenommen, was eine große Ehre ist – allerdings habe ich davon selbst erst gar nichts mitbekommen. Ich habe es aus der Zeitung erfahren: ›Der österreichische Regisseur Virgil Widrich ist neues Mitglied in der Academy of Motion Picture Arts and Sciences.‹ Ich durchsuchte daraufhin meinen Spam-Ordner nach dem Stichwort ›Oscars‹ fand allerdings nichts. Offenbar muss ich die E-Mail gelöscht haben. Ich fragte danach bei der Academy nach, die meine Einladung schließlich bestätigte und mir die Unterlagen noch einmal zuschickte.
In der Oscar-Jury zu sitzen, bringt auch ganz praktische Vorteile für Menschen wie mich, die sich für das zeitgenössische Filmschaffen interessieren. Über eine Sichtungsplattform bekommen wir schon sehr früh Zugriff auf Hintergrundinformationen und Filme, teilweise noch bevor sie veröffentlicht sind.
Die Oscar-Regeln sind sehr komplex, ähnlich wie Lizenzbestimmungen von amerikanischen Softwareprodukten. Beim internationalen Film ist es zum Beispiel so: Jedes Land darf einen Film einreichen. Damit aber niemand hunderte Filme schauen muss, gibt es ein Opt-in-Verfahren:
Wer mitstimmen will, bekommt 13 Filme nach dem Zufallsprinzip zugeteilt. Ich habe im Vorjahr ungefähr dreißig Filme gesehen. Das ist viel Arbeit. Wenn man sich aber zwei, drei Wochen Zeit nimmt, kann man das schon schaffen. In der Praxis funktioniert es wie bei Netflix: Man sitzt auf der Couch und schaut Filme. Nur mit Stimmzettel.
Innerhalb der Oscar-Jury gilt eine Netiquette: Man soll im Rahmen der Abstimmung nicht öffentlich über die Werke anderer urteilen. Und man darf nicht sagen, wie man abgestimmt hat. Das soll Lobbying erschweren – das es natürlich trotzdem gibt: Man wird zu Wine-and-Dine-Events eingeladen, zu Screenings oder Gesprächen mit Stars, vor allem in Los Angeles. Ich lebe nicht dort, also bin ich davon relativ unberührt.
Trotzdem hat das System gewisse Schlagseiten. Wer unter den Jury-Mitgliedern mehr Zeit hat, stimmt eher ab – und das sind oft Menschen, die in Pension sind. Manche glauben, dass sich dadurch eine eher konservative Meinung durchsetzt. Und es gibt den ›Winner takes it all‹-Effekt: Ein Film, den alle schon kennen, wie ›Barbie‹ oder ›Oppenheimer‹, hat es leichter als einer, von dem man noch nie gehört hat. Für mich persönlich ist Innovation ein wichtiger Faktor. Es wurde schon alles einmal perfekt gemacht, meistens von Billy Wilder. Das noch einmal genau so zu machen, ist selten interessant genug.
Ich glaube, in Zeiten von Streaming-Plattformen wird das Kino ein Feinkostladen. Die Zukunft sind kuratierte Orte wie das Gartenbaukino, das Filmcasino oder Festivals. Menschen gehen in einen philippinischen Film auf der Viennale, aber nicht unbedingt mehr ins reguläre Kino. Ehrlich gesagt halte ich manche großen Multiplex-Kinos künstlerisch durchaus für verzichtbar.
Bei der Oscar-Verleihung war ich nur ein Mal, 2002, als mein Kurzfilm ›Copy Shop‹ für den Oscar nominiert war. Ich war davor auch beim sogenannten Governors Ball, zu dem alle Nominierten eingeladen werden und wo auch viele Stars auftreten. Berühmtheit finde ich weder wichtig noch erstrebenswert, darum habe ich das mit einer gewissen Gelassenheit beobachtet. Was ich bemerkenswert finde: dass die Oscar-Verleihung ausgerechnet im Vorjahr so apolitisch war. Jahrzehntelang hat uns Hollywood erzählt, wir sollen Luke Skywalker sein und nicht Darth Vader. Und wenn Darth Vader dann kommt, sind plötzlich alle still. •
Virgil Widrich (58) ist Regisseur und Drehbuchautor.