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›Wir hatten auch schon ehemalige Millionäre hier‹

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Fotografie:
Ursula Röck
DATUM Ausgabe Dezember 2025/Jänner 2026

Name: Barbora Š.*, 31 

Beruf: Betreuerin im Winternotquartier Baumgarten 

Wieso arbeiten Sie in einem Winternotquartier? 

Einerseits, weil ich eine Nachteule bin und hier im Nachtschichten-Team arbeiten kann. Erst hatte ich Respekt, wegen der gesellschaftlichen Vorurteile. Aber mittlerweile habe ich mich in diesen Job verliebt. Jetzt bin ich seit fünf Jahren hier beim Roten Kreuz. Eine spezielle Ausbildung war dafür nicht nötig.

Wie läuft denn Ihre Arbeit ab? 

Meine Schicht beginnt um 20 Uhr, kurz nachdem der Tagdienst das Abendessen ausgegeben hat. Wir haben 71 fixe Schlafplätze. Das sind unsere regulären Bewohner, die so lange bei uns bleiben, wie es  notwendig ist, und unserer Unterkunft zugewiesen sind. Wir nehmen außerdem jederzeit bis zu sechs Notnächtigende auf, also Menschen, die sonst keinen Schlafplatz finden und auf der Straße bleiben müssten. Weil Notquartiere aus Sicherheitsgründen meist geschlechtergetrennt sind, leben bei uns nur männlich gelesene Personen.

Wenn Sie Ihre Klienten untergebracht haben, was machen Sie dann?

Während unseres Dienstes reden wir viel mit den Bewohnern, oft geht es um Finanzen, -Trennungen oder Erkrankungen. Bei uns können sie sich duschen, ihre Wäsche waschen und so weiter. Außerdem helfen wir beim Wäschemachen, räumen Geschirrspüler ein und aus, schauen nach der allgemeinen Ordnung. 

Welche Hausregeln gelten für Leute hier? 

Keine Gewalt, keine Beschimpfungen, kein Rassismus, keine Waffen, kein Konsum von Drogen im Haus und noch eine paar weitere. Bei Regelbruch gibt es Maßnahmen bis zum Hausverbot. Außerdem müssen sich die Bewohner einmal täglich bei uns melden, weil sie sonst nach zwei Tagen ihren Platz verlieren.
Am öftesten macht das Verbot von hartem Alkohol Probleme. Es sind aber bei Weitem nicht all unsere Klienten alkoholkrank.

 Wie ist die hygienische Situation bei Ihnen im Haus?

Bei uns muss man regelmäßig duschen, aber wenn unsere Klienten die Möglichkeit dazu haben, dann reinigen sie ihre Kleider und sich sowieso von selbst. Das Klischee des aggressiven, stinkenden Obdachlosen ist falsch. Oft sind Trennungen ein Grund für Obdachlosigkeit. Aber auch Schicksalsschläge wie ein Wohnungsbrand. Wir hatten über die Jahre auch schon ehemalige Millionäre hier. Wohnungslosigkeit kann jeden betreffen.

Kommt es zu Konflikten?

Ja, wenn viele Personen auf engem Raum zusammenleben, kann es zu Auseinandersetzungen kommen. Da geht es um Alltägliches: Ist das Fenster offen oder geschlossen? Licht an oder aus? Wir deeskalieren dann und versuchen eine Lösung, zum Beispiel in Form eines Zimmerwechsels zu finden.

Belastet Sie der Beruf? 

Ich erinnere mich an einen Fall, da kam ein Anruf von der Polizei: Einer unserer Klienten war verstorben. Darüber denke ich auch noch nach Feierabend nach. Ich erfahre aber auch viel Dankbarkeit. Einmal brachte uns ein ehemaliger Bewohner Kuchen mit und erzählte, er habe jetzt einen Job und eine Wohnung gefunden. Das hat mich wahnsinnig gefreut. 

Wie viel verdienen Sie?

Für 35 Wochenstunden mit Nacht- und Feiertagszulagen etwa 2.300 Euro netto. 

Haben Sie genug Schlafplätze?

Wir sind fast immer voll. In sehr kalten Nächten sind auch die anderen Häuser voll und wir können nichts mehr vermitteln. Wir geben den Klienten dann Schlafsack und Isomatte mit und empfehlen, sich am nächsten Morgen einen Zuweisungsschein zu holen. •

* Klienten kennen die Nachnamen der Betreuer nicht, daher nennen wir den Nachnamen ebenfalls nicht.

Zahlen und Daten

Im Winter 2025/26 stehen in Wien 13 Notquartiere mit 24-Stunden-Betrieb und 3 Wärmestuben bereit. Insgesamt werden in der kalten Jahreszeit 5.650 Schlafplätze zur Verfügung gestellt – um 1.000 mehr als im Sommer. Vergangenen Winter lag die Auslastung bei 94 Prozent.

Quelle: Fonds Soziales Wien

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