Wir lieben Männer

Der hohe Preis für Frauen, mit Männern zu leben.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe März 2026

Sich zu solidarisieren kann knifflig sein. Auch hier gibt es eine gewisse Etikette. Als absoluter Fehltritt gilt das ›Virtue Signaling‹. Unter ›Tugendposen‹ versteht man die öffentliche und performative Zurschaustellung moralischer Werte, um sein eigenes Ansehen zu steigern, ohne tatsächlich davon überzeugt zu sein, geschweige denn danach zu handeln. Wenn es um die Rechte von Frauen und marginalisierten Gruppen geht, ist man weltweit ziemlich gut darin, seine Tugendhaftigkeit zur Schau zu stellen: ein bisschen Quoten-Gelabere, Schnappatmung beim Wort Gender-Pay-Gap und ganz traurige Augen, wenn es global wird und Nebensätze über Frauen in Afghanistan fallen. Hoch lebe die Solidarität in den öffentlichen All-women-Runden-the future-is-female-pinke-Hosenanzüge-forever-Panels. 

In Österreich reicht es manchmal noch nicht einmal für das Performative. Vor ein paar Wochen hörte ich per Zufall den Sender 88,6. ›Ich will, dass ihr mir vertraut, ich will, dass ihr mir glaubt‹, brüllte eine Männerstimme aus dem Radio. Es ist jene von Til Lindemann von Rammstein, jenem Mann, dem zahlreiche Frauen Missbrauch vorgeworfen haben. Strafrechtlich ist der Beschuldigte aus dem Schneider, kommerziell offenbar auch. Die Aussagen mehrerer Frauen von Gewalt, Blut und Schmerzen reichen nicht aus für einen österreichischen Radiosender, um Solidarität mit den Betroffenen zu zeigen und auf diese Perle von Musiker in seinem Programm einfach mal zu verzichten.

 Aber diese Art von Männer sind offenbar unverzichtbar für jede Gesellschaft. Die Epstein-Files legen das einmal mehr zutage. Wie kann es sein, dass in dieser gesamten Affäre rund um Menschenhandel von Frauen und Mädchen ausschließlich Jeffrey Ep­steins Komplizin vor Gericht steht? Und all die Männer, die genannt werden, die höchstens etwas beschämt, um Adelstitel gebracht und beruflich suspendiert werden – aber sonst bislang keine nennenswerten Konsequenzen ziehen mussten? 

In der britischen Times beschreibt die Journalistin Helen Rumbelow, was ihr klar wurde, als sie sich durch die Epstein-Files gekämpft hat: Der bodenlose Frauenhass, den Männer an den Tag legen, sobald Frauen nicht im Raum sind. Diese Männer akzeptieren Frauen nur dann, wenn sie still, abhängig und verwundbar sind. Sie kommen mit Frauen nur dann zurecht, wenn sie sie dominieren, brechen und demütigen können. Aber sind es nur ›diese‹ extrem reichen, extrem mächtigen Männer? Oder doch auch alle ›normalen Männer‹, denen die Möglichkeit gegeben wird? Unlängst hat eine junge Frau auf Instagram die ›Nicht-alle-Männer‹-Debatte wunderbar veranschaulicht:  ›Würdest du dein Kind von einem Teenagerjungen oder einem alten Mann babysitten lassen?  Er allein mit deinem Kind, unbeaufsichtigt? Warum nicht? Eine alte Frau ist ok, aber ein alter Mann? Warum?‹, fragt sie – und antwortet selbst: ›Ach so, nicht alle Männer, aber genug Männer, dass du dich unwohl damit fühlst.‹ 

Die französische Philosophin Manon Garcia thematisiert dieses Unwohlsein in ihrem Buch ›Mit Männern leben‹, in dem sie den Prozess rund um die Massenvergewaltigungen von Gisèle Pelicot beobachtet hat. Sie analysiert darin die Monstrosität dieses Falles, in dem ganz normale Männer ihre bewusstlose Nachbarin vergewaltigten, weil ihnen die Möglichkeit – durch Pelicots Ehemann – gegeben wurde. ›Können wir mit Männern leben? Um welchen Preis?‹, fragt Garcia. Warum sich das als Frau antun? Gibt es nicht genug Beweise? ›Nicht alle Männer, aber genug.‹ 

Garcia gibt mit einem Zitat der Schriftstellerin Marguerite Duras die Antwort darauf: ›Man muss Männer sehr lieben. Sehr, sehr. Sehr lieben, um sie lieben zu können. Sonst ist es nicht möglich, sonst kann man sie nicht ertragen.‹ •

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