WTF!?

Die Politik ignoriert die Jugend. Wir Jungen merken das nicht einmal. Wir sind auf Instagram.

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Illustration:
M. Ali Ziaei
DATUM Ausgabe Oktober 2018

Vor genau 20 Jahren kam ich mit 29 anderen in die erste Klasse Volksschule. Gemeinsam wurden wir älter, wir wurden ›die Jugend‹ – und sind es bis heute. Wir sind die Millennials, die Generation Y; jene diffuse Zielgruppe für Politik und Wirtschaft, von der niemand so recht weiß, wie man mit ihr umgehen soll.

Ich möchte Ihnen von meiner Klasse erzählen, von uns 30, die wir gemeinsam zur Schule gegangen sind – aber so, als wären wir der perfekte österreichische Durchschnitt unserer Alterskohorte: Stücke von Tortendiagrammen, Prozentsätze, die auf Säulen sitzen und Zahlen in den Kästchen endloser Excel-Tabellen. Und ich möchte Ihnen davon erzählen, dass wir ein Problem haben.

Meine Klasse besteht aus Repräsentanten aller sozialen Schichten. 22 von uns sind heute Teil der Mittelschicht. Sechs von uns sind armutsgefährdet. In der Oberschicht, da sind nur zwei meiner ehemaligen Mitschüler – zu zweit haben sie mehr Geld zur Verfügung als die sechs Armutsgefährdeten zusammen. Ethnisch sind wir recht bunt: Acht von uns kommen aus dem Ausland, aus Deutschland und Serbien, aus Rumänien, der Türkei und aus Ungarn.

Heute haben wir 30 uns zerstreut. Auf Facebook scrolle ich durch Bilder von Hochzeitstorten und Babys, von Weltreisen und Graduationsfeiern. Ich sehe, wie sieben von uns noch bei den Eltern wohnen, wie sechs selbst Eltern sind. Ich und sechs andere gingen in die Stadt. Wir sind die ›Gstudierten‹, die, die sich irgendwann von den anderen entfremdet haben. Nur drei von uns Städtern haben eine Arbeit, für die sie bezahlt werden. Dagegen kennt keiner von den zehn, die eine Lehre absolviert haben, unbezahlte Arbeit.

Der ökonomische Optimismus, der unsere Eltern- und Großelterngeneration geprägt hat, bröckelt. Wir haben Angst vor der Zukunft. Fragt man uns, wie wir unsere Generation beschreiben würden, dann nennen wir Begriffe wie ›planlos‹, ›verunsichert‹, ja sogar ›angepasst‹.

Jugendforscher Philipp Ikrath erforscht uns, so wie andere aussterbende Tierarten erforschen. Soll er uns beschreiben, dann sagt er: ›Junge Leute haben ein ästhetisches Politikverständnis. Es geht nicht um Themen, sondern um Inszenierung.‹ Er sagt auch, wir hätten einen ›destruktiven Geist‹, der nicht mit Utopien und Ideen verbunden wäre, einen Geist, der auf Zerstörung ausgerichtet sei.

Die Generationenforschung geht davon aus, dass die Ereignisse, die wir in der Jugend mitansehen, unser Politikverständnis prägen. Das ist die Erklärung für den Aktivismus der 68er-Generation. Sie hat den Mauerfall gesehen, hat gesehen, wie Europa sich vereint. Sie hat die Hainburger Au und die Arena besetzt und demonstriert heute noch als ›Omas gegen Rechts‹ gegen die Regierung. Das Leid, das unsere Großeltern in den Zeiten des Wiederaufbaus gesehen haben, hat sie zutiefst politisiert. Als sie in unserem Alter waren, überlegten sie nicht, ob sie zur Wahl gingen. In vielen Bundesländern zwang die Wahlpflicht sie dazu.

Und wir? Nun, wir kennen keinen Krieg. Aber wir haben die Finanzkrise miterlebt, wir sehen zu, wie der Klimawandel unsere Erde Jahr um Jahr weiter erhitzt, und wir haben live auf den Bildschirmen gesehen, wie die Twin Towers einstürzten. Ließ uns das kalt?

Verstehen Sie mich nicht falsch, wir sagen, wir seien politisch interessiert. Doch fragen Sie uns bitte nicht, wie lang eine Legislaturperiode dauert oder welche Parteien für Links oder Rechts stehen. Denn von uns 30 können Ihnen das nur sieben richtig beantworten. Politikinteresse ist für uns ein Accessoire. Ein Stoffbeutel, ein Sticker, ein Like, mit dem wir uns schmücken. Und das macht mir Angst. Warum reden wir nicht mit? Haben wir nichts zu sagen? Oder werden wir nicht gehört?

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