›Am Dam Des vergeht nicht!‹

Clown Enrico und Tante Elisabeth über John Wayne und entsetzte Kinder.

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Fotografie:
Gianmaria Gava
DATUM Ausgabe Oktober 2018

Ich gehe, aber ich komme wieder!‹ ›Ich sag nicht! Ich singe viel, viel lieber!‹ Wer bei diesen Sätzen nicht an Enrico Emmanuel Theobaldissimus Fillissi Maximo denkt, muss 1990 oder später geboren sein. 18 Jahre lang hat der ORF die Kindersendung ›Am Dam Des‹ mit dem Clown Enrico und den ›Tanten‹, die keine sein wollten, wochentags ausgestrahlt, vor 25 Jahren wurde die Sendung abgesetzt. Und wirkt doch bis heute nach.

Das Konzept war einfach, aber für die 70er-Jahre revolutionär: Eine Fernsehsendung für Vorschulkinder, in der von Singen und Basteln über richtige Ernährung und Bewegungsspiele bis hin zum Erlernen von Jahreszeiten und Uhrzeit alles Platz fand, was Kindern entging, die keinen Kindergarten besuchten.  DATUM-Textchef Anatol Vitouch konnte an ›Am Dam Des‹ schon rein familiär nicht vorbei: Seine Mutter, Elisabeth Vitouch, war eine der ersten Moderatorinnen der Sendung. Mit ihr und Heinz Zuber, bei Generationen von Kindern als Fernsehclown Enrico beliebt, traf er sich im Café am Heumarkt, um herauszufinden, was ›Am Dam Des‹ so besonders machte.

Ist das der Originalhut, den du als Enrico immer getragen hast?

Heinz Zuber: Es ist einer der Hüte, aber nicht der Älteste. Den hab ich auch noch zu Hause, aber der ist nach über 40 Jahren nicht mehr vorzeigbar.

›Am Dam Des‹ wurde im ORF von 1975 bis 1993 ausgestrahlt, eine wirklich lange Zeit für eine Kinder-Fernsehsendung. Ab wann wart ihr beiden dabei?

Elisabeth Vitouch: Ich hab 1975 begonnen. Elga Weinberger hat die erste Sendung moderiert, danach bin ich gekommen. Wir wollten keine ›Tanten‹ sein, aber das hat sich nicht verhindern lassen. Weil, wer in Österreich eine Gruppe mit Vorschulkindern hat, ob im Fernsehen oder in Wirklichkeit, der ist eben eine ›Tante‹. Mein Mann Peter Vitouch – dein Vater – war dann als wissenschaftlicher Berater auch bald mit im Team und hat das psycho­logische Konzept für die Sendung geliefert.

Zuber: Ich bin 1976 als Clown Enrico dazugestoßen. Ich war damals am Burgtheater, und der Autor von ›Am Dam Des‹, Franz Josef Barta, hat mich angerufen und gefragt: ›Wüst an Clown spün?‹ Ich hab gesagt: ›Ja.‹ Damit war der Enrico geboren.

Hattest du vorher schon einmal einen Clown verkörpert?

Zuber: Nicht wirklich. Aber mein Vater hatte mir, als ich ein Kind war, einen Hampelmann gebastelt, der auf der einen Seite ein deutscher Hans Wurst und auf der anderen ein italienischer Arlecchino war. Das scheint mich irgendwie geprägt zu haben.

Vitouch: Hast du nicht auch schon in den 60er-Jahren Pantomime beim berühmten Jacques Lecoq in Paris studiert?

Zuber: Na ja, nicht so richtig. Aber ich war dort, ja. Von meinem 18. bis 23. Lebensjahr hab ich in Paris gelebt, dann bin ich direkt nach Wien zur Aufnahmeprüfung am Max-Reinhardt-Seminar und wurde genommen. Ab 1969 gab es dann im ORF die Kindersendung ›Das kleine Haus‹, die Vorgängersendung von ›Am Dam Des‹, da war ich einer der Moderatoren. Warst du, Sissi, beim ›Kleinen Haus‹ nicht auch dabei?

Vitouch: Nein, ich hab vor ›Am Dam Des‹ nur ein Bundesländer-Jugendquiz beim ORF gemacht, das hieß ›Wer weiß mehr?‹ Ich hatte damals gerade maturiert und hab mich als Kandidatin beworben. Dort wurde ich dann gefragt, ob ich nicht vielleicht anstatt Kandidatin die Quiz-Assistentin von Peter Rapp sein möchte.

Peter Rapp hat damals schon Fernsehsendungen moderiert?

Zuber: Ja, das war eine Live-Sendung, die immer aus einem anderen Ort in Österreich gesendet wurde. Ich war seine Assistentin und hab dabei meine ersten Fernseh­erfahrungen gemacht. Nur deshalb hab ich mich später ge­traut, auf den Aufruf in der Kronen Zeitung zu antworten.

Was für ein Aufruf in der ›Kronen Zeitung‹?

Vitouch: Da stand, dass eine zweite Moderatorin für die neue Kindersendung ›Am Dam Des‹ gesucht wird. Eine hatten sie schon, die Elga Weinberger. Die war dunkelhaarig, und als zweite wollten sie eine Blonde dazu. Daraufhin hab ich mich beworben.

Gab es dafür dann ein Casting mit lauter blonden Moderatorinnen?

Vitouch: Nein, die haben gleich eine Pilot-Sendung mit mir gedreht, die mich nicht nur Nerven, sondern auch drei Kilo Gewicht gekostet hat und die sie dann auch wirklich so ausgestrahlt haben.

Zuber: Die Sendungsverantwortliche für ›Am Dam Des‹ beim ORF war damals eine gewisse Frau Ranninger. Ich glaub, die war sofort begeistert von der Sissi und hat sich gedacht: Die wird’s eh, da brauchen wir kein Casting.

Vitouch:  Sie war halt gleich überzeugt von mir …

Zuber: Die Frau Ranninger war ja meine Feindin. Ihr Spitzname am Set war ›John Wayne‹, wegen ihres forschen Ganges.

Vitouch: Ich hatte es auch nicht leicht mit ihr: In dem Moment, wo sie dich entdeckt und gefördert hat, hat sie begonnen, dich umzukrempeln. Sie hat sich zum Beispiel ständig in meine Garderobe eingemischt, die man übrigens selber zur Sendung mitbringen musste.

Der ORF hat seine Moderatoren damals nicht mit Gewand für die Sendungen ausgestattet?

Vitouch: Aber keine Rede. Das war alles meine Privatkleidung. Und die Frau Ranninger wollte immer, dass ich eine Tunika mitbringe. Ich wollte aber keine taillen-kaschierende Kleidung tragen, ich war ja jung und schlank.

Zuber: Das Kostüm für den Enrico stammte vom Lambert Hofer. Aber das haben sie auch nicht extra für mich angeschafft. Waterloo, von der Band ›Waterloo und Robinson‹, hat das bei irgendeiner Fernsehshow getragen. Das haben sie mir dann weitergegeben, und so wurde es zum Enrico-Outfit.

Vitouch: Aber du hast dich immer selber geschminkt, die Maske war von dir.

Zuber: Ja, da hatte ich große französische Vorbilder: Marcel Marceau, den berühmten traurigen Clown zum Beispiel, der auch einen solchen Hut mit Blume getragen hat.

Warum hatte Enrico eigentlich diesen südländischen Akzent?

Zuber: Ich habe damals mit dem berühmten italienischen Regisseur Giorgio Strehler gearbeitet, der ’atte so ges-prochen. Da ’abe icke dann auch so ges-prochen, das war ganz einfach. Nur beim Singen musste ich damit aufhören. Denn wenn man mit so einem Akzent singt: ›Icke bin der Clown Enrico …‹, dann klingt es nach Julio Iglesias.

Mich fragen immer wieder Leute, wenn Sie meinen Nachnamen hören: ›Sie sind aber nicht mit der »Am Dam Des«-Tante verwandt?‹ Wenn ich dann sage: ›Doch, das ist meine Mutter‹, verwandeln sich Endvierziger in Sekundenschnelle in Vorschulkinder zurück und säuseln mit feuchten Augen: ›Mein Gott, die Elisabeth war meine Lieblingstante …‹

Zuber: Ja, das ist das Erstaunliche, dass die Sendung immer noch so nachwirkt. Mir passiert das auch ständig, und dir, Sissi, mit Sicherheit ebenfalls.

Vitouch: Ja. Peinlich wird es nur dann, wenn man ein Paar trifft, bei dem der Mann ein bisschen älter ist, und er sagt dann: ›Jö, meine Tante Elisabeth‹, und seine jüngere Partnerin hat die Sendung nie gesehen und denkt sich: ›Was will er mit der Alten?‹

Zuber: Wenn mich früher ein Erwachsener um ein Autogramm gebeten hat, dann hat es zumeist geheißen: ›Das ist für meine Kinder.‹ Heute sagen die Leute: ›Für meine Eltern.‹ Wenn ich zurückfrage: ›Also nicht für Sie selber?‹, dann antworten sie: ›Nein, dafür bin ich zu jung.‹

Wie rasch hat sich nach dem Start von ›Am Dam Des‹ abgezeichnet, dass die Sendung so ein Erfolg wird? War das von Anfang an klar?

Zuber: Also ich hab am Anfang überhaupt nicht daran geglaubt. Aber ich behaupte gerne, dass mit dem Enrico der Erfolg kam.

Vitouch: Im ersten Jahr der Sendung wurden wir medial pausenlos angefeindet, weil die Leute gesagt haben: Es ist ein Verbrechen, Kinder in diesem Alter vor den Fernseher zu locken. Umso mehr, als man davon ausgegangen ist, dass die Eltern die Kinder vor dem Fernseher parken und dann weggehen. Wir haben aber bei der Sendung immer betont: Es muss ein Erwachsener dabei sein und mitschauen.

Allein schon, damit die Kinder sich beim Mitbasteln nicht in den Finger schneiden oder das Haus abfackeln.

Vitouch: Zum Beispiel. Für die Kinder in der Sendung war die Aufzeichnung natürlich immer ein bisschen mühsam, weil sie mitten aus ihrem Spiel gerissen wurden. Sie haben begonnen, etwas zu basteln, dann kam die Signation für den nächsten Abschnitt, der vielleicht Turnen oder Singen war – und sie mussten ihre Bastelei unterbrechen und die nächste Szene drehen. Wir haben die Sendung ja in einem aufgezeichnet, sonst hätten wir keine vier 25-Minüter pro Tag geschafft.

Ihr habt vier fast halbstündige Sendungen an einem Tag abgedreht?

Vitouch: Ja, anders ging es nicht. Danach musste in unser Studio nämlich die ›Zeit im Bild‹ hinein. Und wenn wir nicht rechtzeitig fertig waren, haben wir keine Chance mehr gehabt, die vier Sendungen für die nächste Woche fertigzubekommen.

Im Lied ›Psychoterror‹ von Drahdiwaberl wird ›Am Dam Des‹ zu einer Form der medialen Gegenkultur im ORF gezählt, die die Spießbürger damals wahnsinnig aufgeregt hat. Obwohl eine pädagogische Kindersendung, muss ›Am Dam Des‹ also auch irgendwie cool gewesen sein.

Zuber: Wir hatten jedenfalls riesige öffentliche Auftritte: einen am Rathausplatz vor tausenden Menschen, einen in Salzburg, und einmal sind wir mit einem Schiff nach Dürnstein gefahren. Wo immer wir mit dem Schiff angelegt haben, waren die Landestege mit Kindern und deren Eltern überfüllt, die uns begeistert begrüßt haben.

Vitouch: Damals gab es bei solchen Veranstaltungen noch keine Securitys. Wenn wir Autogrammstunde hatten, haben die Leute manchmal von hinten so angeschoben, dass es uns den Tisch in die Rippen gedrückt hat, das war gar nicht ungefährlich. Wie bei einem Popkonzert.

Bist du, Heinz, auch ohne Kostüm auf der Straße erkannt worden?

Zuber: Manchmal, ja. Bei einem Auftritt habe ich mir einmal eingebildet, ich komme in Privatmontur und verwandle mich dann vor den Augen aller in Enrico, das konnte ich nämlich inklusive Schminke in nur drei Minuten. Aber das wollten die nicht.

Die Kinder waren völlig entsetzt, dass der Clown Enrico ein normaler Mensch ist.

Vitouch: Als ich 1983 nach insgesamt 800 Sendungen weggegangen bin, habe ich böse Briefe bekommen: ›Sie sind doch eine Bezugsperson für mein Kind. Sie können doch nicht einfach aufhören!‹ Die Leute haben das sehr ernst genommen. Wahrscheinlich, weil wir die Kinder direkt in die Kamera persönlich angesprochen haben.

Was war das Besondere an ›Am Dam Des‹? Warum ist die Sendung heute, 25 Jahre nach ihrer letzten Ausstrahlung, immer noch so vielen Menschen in Erinnerung?

Vitouch: Eine durchmoderierte Sendung für Kinder, wie ›Am Dam Des‹ es war, die einem pädagogisch-psychologischen Konzept gefolgt ist, hat es davor nicht gegeben, auch international nicht. Das war einzigartig.

Zuber: Es war einfach eine gescheite Sendung, das muss man schon sagen. Die Kinder waren nicht dressiert …

Vitouch: … waren nicht nur Staffage …

Zuber: … und dann kam am Ende immer noch einer, nämlich der Enrico, der hat den Kindern das Gefühl gegeben, dass sie sich nicht genieren müssen, wenn sie etwas nicht können oder nicht gleich verstehen. Denn der Enrico hat vieles nicht verstanden und hatte immer irgendein Problem, das er nicht alleine lösen konnte. Ich glaube, das hat die Kinder ein bisschen befreit.

Vitouch: Außerdem konnten sich die Kinder zu Hause mit denen im Studio identifizieren. Auch die haben sich beim Basteln verschnitten oder falsch gesungen oder waren vielleicht patschert, wenn sie einen Ball fangen mussten.

Es musste nicht alles perfekt sein.

Vitouch: Ich glaube, wir sind nicht obergescheit oder belehrend herübergekommen. Es war auch sehr persönlich, weil wir die Lieder und die Texte und eigentlich alles für die Sendung selber gemacht haben. Das war irgendwie echt und stimmig.

Wenn ihr euch im Vergleich dazu das heutige ­Kinderprogramm anschaut: Was hat sich seit ›Am Dam Des‹ geändert?

Zuber: Ich schau mir kein Kinderprogramm an. Wirklich nicht.

Vitouch: Es ist alles schneller geworden. Bei uns war es viel langsamer, geradezu beschaulich.

Zuber: Das ist heute sicher alles sehr interessant gemacht, mit schnellen Schnitten. Aber unser Kinderprogramm hat halt darin bestanden, dass wir miteinander und mit den Kindern geredet und gespielt haben.

Du hast den Enrico 28 Jahre lang im Fernsehen verkörpert, nach dem Ende von ›Am Dam Des‹ noch in der Nachfolgesendung ›Mimis Villa Schnattermund‹. Verwandelst du dich heute immer noch manchmal in ihn?

Zuber: Nein, Enrico ist von mir selbst in den Ruhestand geschickt worden. Ich war ja die ganze Zeit über am Burgtheater engagiert, insgesamt 36 Jahre lang. Enrico war lange meine – wenn auch sehr geliebte – ›Nebenbeschäftigung‹. Auch danach ist mir mit den verschiedensten Theaterrollen absolut nicht langweilig geworden.

Vitouch: Und ich hab nach meiner Zeit bei ›Am Dam Des‹ das Fernsehmagazin ›Jolly Joker‹ moderiert, im Kabarett Simpl gespielt, dann bin ich zum Radio und hab die Sendung ›Autofahrer unterwegs‹ gemacht, die sehr populär war. Aber es ist schon so: Am meisten werde ich auch heute noch auf ›Am Dam Des‹ angesprochen. Das vergeht nicht.

Zuber: Ja, Sissi, das bleibt uns.          •